Interview RHEINPFALZ Plus Artikel „Der Mann ohne Eigensaft“: Welcher Politiker sich gut parodieren lässt, weiß Kabarettist Reiner Kröhnert

Reiner Kröhnert als Friedrich Merz, der seinen Kontrahenten beim TV-Kanzlerduell mit einem Pusten zu Fall bringen würde.
Reiner Kröhnert als Friedrich Merz, der seinen Kontrahenten beim TV-Kanzlerduell mit einem Pusten zu Fall bringen würde.

Dass Olaf Scholz als „Betriebsunfall im Kanzleramt“ installiert wurde, lässt dem Kabarettisten Reiner Kröhnert die Haare zu Berge stehen. Er gehört zum politischen Kabarett wie der Deutsche Bundestag zu Berlin und steht seit 45 Jahren auf Kleinkunstbühnen – demnächst in Mannheim und Kaiserslautern. Im Interview mit Wolfgang Scheidt verrät er, welcher Politiker die besten Steilvorlagen für Parodie bietet und was seine erste Amtshandlung als Politiker wäre.

In ihrem aktuellen Programm kürt sich Friedrich Merz selbst zum größten Kanzler aller Zeiten. Stößt er mit seinen fast zwei Metern Körpergröße den fast 30 Zentimeter kleineren Olaf Scholz vom Thron?
Das politische Schwergewicht Friedrich Merz benötigt gegen das Fliegengewicht Olaf Scholz keinen Punch, um ihn vom Thron zu stoßen. Lediglich ein leichtes Pusten würde beim „TV-Kanzlerduell“ im entscheidenden Moment genügen, um den kleinen Olaf zu Fall zu bringen.

Die Ampelregierung wackelt, die AfD rückt weiter rechts: Hält Olaf Scholz’ Wachsfigurenkabinett bis zur Bundestagswahl 2025 durch?
Olaf Scholz und sein Wachsfigurenkabinett hat ja in den vergangenen zwei Jahren auf dem politischen Parkett einige Wackler erlebt. Die AfD hingegen scheint sich auf der rechten Bühnenseite etabliert zu haben, und die Ampelregierung versackt immer mehr in ein Umfragetief. Ob die Regierung bis zur Bundestagswahl 2025 durchhält, wage ich zu bezweifeln. Vielleicht kommt es ja zu einer Mischung aus politischem Melodram und einer Komödie. Wir können uns auf ein ganz großes Wachsfigurentheater freuen!

Als oppositioneller Kabarettist – warum fehlt Sahra Wagenknecht im Ensemble? Und wäre es nicht verlockend, einem Björn Höcke ordentlich die satirischen Leviten zu lesen?
Sahra Wagenknecht fehlt im Ensemble, weil sie sich gerade mit ihrer Show „One-Women-BSW“ in einer Selbstprüfungsphase befindet, ob sie überhaupt bei sich aufgenommen werden darf. Und was Björn Höcke betrifft, soll er bereits fleißig am Drehbuch für einen Kinofilm arbeiten „Björn, der Zauberer aus dem Thüringer Wald: Die Kunst, rechte Ideen in politische Illusionen zu verwandeln“. Kinostart voraussichtlich: 1. September 2024.

Auf der Bühne persiflieren Sie ein Dutzend Personen wie Daniela Katzenberger, Boris Pistorius, Angela Merkel oder Adolf Hitler. Wie lange dauert es, bis bei einem Friedrich Merz oder Robert Habeck Mimik, Gestik und Intonation stimmen? Gibt es Personal, das sich der Parodie sträubt?
Bei Friedrich Merz und Robert Habeck ging alles recht schnell. Und ausgerechnet beim amtierenden Bundeskanzler Olaf Scholz sträubten sich meine nicht vorhandenen Haare zu Berge. Weil Armin Laschet einmal an der falschen Stelle gelacht hat, wurde Olaf Scholz als Betriebsunfall im Kanzleramt installiert. Der Mann ohne Eigensaft. Ausgestattet mit dem Temperament einer Flasche Asti, die drei Wochen lang offen auf der Heizung steht und dem fundierten Fachwissen eines prädementen Grottenolms.

Ihr erstes Kabarettprogramm 1987 hieß „Wer ist eigentlich der Beste?“. Von allen rund 50 Personen, die Sie je parodiert haben – wem gebührt die humoristische Krone?
Dem Pfälzer Urgestein Helmut Kohl gebührt die Krone der Parodie. Keiner hatte so viele Ecken und Kanten, wie er. Er ließ kein Fettnäpfchen aus. Sein sprachlicher Spagat zwischen Pfälzer Dialekt und fundiertem Historiker lieferten Steilvorlagen für die kabarettistische Darstellung auf der Bühne.

Als Imitator kennen Sie die geheimen Gedanken und Gefühle der Parodierten – was können Sie uns vom „Komödienstadl Bundestag“ verraten?
Noch ist es geheim, aber die Gerüchteküche im Bundestag sieht Olaf Scholz als Auslaufmodell. Als neuer, zukünftig starker Mann der SPD spielt Boris Pistorius hierbei eine nicht unwesentliche Rolle. Sollte Friedrich Merz ihn um ein groß-koalitionäres „JA-Wort“ ersuchen, würde er sich nicht „Nein“ sagen hören.

Robert Habeck gesteht auf der Bühne, er sei ein Philosoph, gefangen im Körper eines Wirtschaftsministers. Die Wahrheit ist für ihn dehnbar, biegbar und mitunter faltbar. Wie sehr tauchen Sie ins Innenleben Ihrer „Opfer“?
Wenn es sein muss, bis an die Schmerzgrenze. Und da höre ich dann auch noch ganz andere Habeck’sche Weisheiten, wie zum Beispiel: Die Wirklichkeit ist im Gegensatz zur Wahrheit messbar und damit objektiv erfahrbar und sogar substanziell veränderbar. Der Wahrheit bleibt dann nur, sich an diese Variabilität der Wirklichkeit anzupassen oder in der Bedeutungslosigkeit zu versinken. Ein echtes philosophisches Paradoxon Marke Robert Habeck.

TV-Satiren à la „Die Wochenshow“, „Die Anstalt“ oder Jan Böhmermanns „Royale“ wirken wie Mainstream. Warum gibt es kein kabarettistisches Scharfrichterbeil wie den „Scheibenwischer“ mehr?
Leider fehlt die kabarettistische Autorität eines Dieter Hildebrandt, der es immer wieder schaffte, mit seriösem Humor und intellektueller Heiterkeit politische Kontroversen auszulösen, bis hin zum Abschalten des Bayerischen Rundfunks aus der laufenden „Scheibenwischer“-Sendung, die der Sender als politisch heikel empfand. Allerdings löste der Vorfall heftige Diskussionen über Meinungsfreiheit und Zensur in den Medien aus. Von da an war der „Scheibenwischer“ bis zum Weggang von Dieter Hildebrand über Jahrzehnte ein Fels in der Brandung in der ansonsten seichten Fernsehunterhaltung.

Die von Dieter Hildebrandt mitgegründete Münchner Lach- und Schießgesellschaft meldete vor einem Jahr Insolvenz an, Comedians spielen dagegen in Fußballarenen. Ist politisches Kabarett tot?
Kurz vor dem Exitus des politischen Kabaretts habe ich mir die Domain politisches-kabarett.de (reiner-kroehnert.de) im letzten Moment gesichert, und dafür kämpfe ich!

Früher saßen Politiker wie Hans-Jochen Vogel, Oskar Lafontaine, Heiner Geißler, Kurt Beck oder Rainer Brüderle im Publikum und gratulierten Ihnen nach einer Vorstellung. Sind Politiker heute weniger kritikfähig und fehlt ihnen der Humor?
Die Frage lässt sich leicht beantworten: Zwei mal JA!

In Ihrem Programm thematisieren Sie den Krieg, um den Frieden zu propagieren. Wie lautet Ihre Botschaft ans Publikum?
Willy Brandt sagte einmal: „Der Frieden ist nicht alles, aber alles ist ohne den Frieden nichts.“ Und ein weiteres Zitat von Willy Brandt: „Krieg ist nicht mehr die Ultima Ratio, sondern die Ultima Irratio.“

Als gebürtiger Schriesheimer – wie verlockend ist es, bei Gastspielen in der Region auf der Bühne Mannemerisch zu sprechen?
Daniela Katzenberger und Boris Becker stammen aus meiner heimatlichen Region und dürfen bei meiner Bühnenpräsenz auch einen größeren Raum einnehmen. Insofern bereitet es mir Freude, den mannemerischen Singsang zum Vergnügen des Publikums immer mal wieder aufleben lassen zu können.

In wessen Politikerkörper würden Sie gerne für einen Tag schlüpfen – was wäre Ihre erste Amtshandlung?
Als Boris Pistorius wäre meine erste Amtshandlung, mich für den Satz: „Wir müssen wieder kriegstüchtig werden.“ vor der Öffentlichkeit zu entschuldigen. Also diesen Satz zurückzunehmen und stattdessen zu fordern: „Wir müssen wieder friedenstüchtig werden und bereit sein zu diplomatischen Anstrengungen!“

Termine

Das Soloprogramm „Reiner KRÖHNERTs ER“ präsentiert der Kabarettist am 14. Februar in der Mannheimer Klapsmühl´ am Rathaus, am 22. Februar im Mainzer „Unterhaus“, am 9. März in Westhofens „Gut Leben am Morstein“ und am 12. April in Kaiserslautern im Kammgarn. Mehr Infos unter: www.reiner-kroehnert.de.

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