Mannheim
Das größte anzunehmende Glück: Schriftsteller Markus Berges im Theaterhaus G7
Durch eine, wie man so schön sagt, Verkettung unglücklicher Umstände fiel ein für Lesungen normalerweise wesentliches Element diesmal aus: der Büchertisch. Nur vier Exemplare des Ende Januar bei Rowohlt Berlin erschienenen Romans „Irre Wolken“ standen zur Verfügung, um die sich die Zuhörerinnen und Zuhörer – nein, nicht prügeln mussten, wir sind schließlich in einem Theater. Nennen wir es: freundschaftlich einigen. Das war auch ein kleines bisschen lustig.
Ohne schwierige Situationen im Leben, ohne das alltägliche Scheitern, ohne das Komische im Tragischen – es gäbe doch kaum Stoff für Literatur. Wir schreiben das Jahr 1985. Der Protagonist in „Irre Wolken“, 19 Jahre alt und 20 Kilogramm Übergewicht, wollte eigentlich Zivildienst absolvieren, wird dann aber ausgemustert. Seine Ratlosigkeit, wie es mit ihm weitergehen soll, führt ihn als FSJler in eine psychiatrische Fachklinik am Stadtrand, im Volksmund „Hülle“ genannt, genauer: auf die geschlossene Station der Frauenpsychiatrie. Während 1986 die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl die Welt in Angst und Schrecken versetzt (der Titel des Romans bezieht sich darauf), erlebt der über weite Teile des Buches namenlose Protagonist das größte anzunehmende Glück: Er verliebt sich in eine Patientin.
Eigene Erfahrungen
Markus Berges wusste, wovon er schreibt. Wie seine Romanfigur ist der Schriftsteller, Sänger, Songschreiber und Schullehrer 1966 geboren und in der (im Buch nicht namentlich genannten) westfälischen Kleinstadt Telgte bei Münster aufgewachsen, wo er tatsächlich nach dem Abitur in der „Hülle“ arbeitete und danach noch in verschiedenen anderen Psychiatrien, insgesamt über ein Jahrzehnt lang. Er habe in seinem Roman, an dem er vier Jahre lang gearbeitet habe, die Psychiatrie nicht als exotischen Ort darstellen wollen, sagte Berges. Die Verrücktheit als etwas Künstlerisches darzustellen, führe oft zu kitschigen Erzeugnissen, sagte er und benannte explizit „Einer flog übers Kuckucksnest“ in seiner ihm sehr eigenen trockenen Art als „ein wenig ekelhaft“.
„Irre Wolken“ ist weniger ein Psychiatrie- als ein Liebesroman. Ein Buch, bei dem sich beim Lesen, ganz besonders aber beim Vorlesen durch Markus Berges jenes wohlig warme Gefühl einstellt, das auch Songs seiner in Köln ansässigen Band Erdmöbel seit bald 30 Jahren und bisher zehn Studioalben auslösen. Viele Lieder der Band haben ihrerseits literarische Qualität dank wunderbarer, an der Grenze zum Schrägen immer knapp vorbeischrammenden Wortschöpfungen und sehr besonderer Bilder, die sich Songschreiber Markus Berges immer wieder auszudenken vermag. „Mit einer Schlaf und zwei Stunden Gin drin“, heißt eine dieser begnadeten Zeilen, man könnte so viele andere zitieren.
Erdmöbel-Songs solo
Glücklicherweise hatte der 57-Jährige seine Gitarre dabei und begleitete seine Lesung auf hinreißende Weise mit eigenen Songs. Dass sie auch ohne seine drei Bandkollegen Ekki Maas, Wolfgang Proppe und Christian Wübben wunderbar funktionieren und im Fall des Weihnachtshits „Hoffnungsmaschine“ auch ohne die Duettpartnerin Judith Holofernes, sondern ganz pur und reduziert, spricht für ihre große Qualität. Und wenn etwas ungerecht ist, dann die Tatsache, dass nicht noch viel mehr Menschen davon wissen und die Band ausverkaufte Konzerte auf den größten Bühnen des Landes spielt. Die Fans, die sie hat, sind allerdings treu, im kleinen Theaterhaus G7 bildeten sie einen textsicheren Chor.
Schon 2003 veröffentlichte die Band Erdmöbel auf dem Album „Altes Gasthaus Love“ mit „Busfahrt“ einen Song über Psychiatrie, sechs Minuten Sprechgesang gab es zum Ende des Abends. „Irre Wolken“ ist aber nun nicht einfach die Fortsetzung mit anderen Mitteln. Am Schreiben von Prosa reize ihn gerade, dass es ganz anders funktioniere als das Songwriting, sagte Berges und gab einen eindrucksvollen Einblick in die Qualen des Schriftstellers auf der Suche nach einem gelungenen Schluss. Ob der Roman ein Happy-End habe? „Ich kann nur sagen, dass es ziemlich lange nicht so aussieht.“