Ludwigshafen RHEINPFALZ Plus Artikel Bettwanzen plagen Kleinfamilie

 Ernähren sich von Menschenblut: Bettwanzen.
Ernähren sich von Menschenblut: Bettwanzen.

In vielen Großstädten haben sich die Schädlinge längst in vielen Häusern und Wohnungen ausgebreitet: Bettwanzen. Gebäude in mindestens einer Straße im Stadtteil Mitte sind nun auch in Ludwigshafen befallen. Eine kleine Familie ist am Ende ihrer Kräfte und ringt um Hilfe.

„Wenn ich ihn so blutig gekratzt sehe, könnte ich weinen“, erklärt ein Vater am Telefon. Sein achtjähriger Sohn war wegen lebender Bettwanzen an seiner Kleidung zeitweise von der Schule ausgeschlossen. Auch sein fünfjähriger Bruder durfte nicht nur wegen Corona nicht in den Kindergarten. Die Wohnung der kleinen Familie ist massiv von Bettwanzen befallen. So viele sind in Betten und Sofas zu finden, dass der Alleinerziehende sich ihrer mit Hausmitteln nicht erwehren kann. Eine professionelle Schädlingsbekämpfung kann der Hartz-IV-Empfänger jedoch allein nicht bezahlen.

Zwar organisieren die Lehrer des Kindes und die Ludwigshafener Aktion 72 mittlerweile die Finanzierung der Bekämpfung. Doch die Wohnung der kleinen Familie ist nicht die einzige mit dem Problem in der Bürgermeister-Kutterer-Straße im Stadtteil Mitte. Auf die Stadt könnte daher eine große Herausforderung zukommen. In vielen Großstädten wie Berlin, Hamburg und München gibt es bereits in Teilen massiven Bettwanzen-Befall.

Mit bloßem Auge erkennbar

Nachts, wenn alles schläft, saugt die Bettwanze, auch Hauswanze genannt, das Blut von warmblütigen Wesen, gerne auch von Menschen. Vollgesogen erreichen die erwachsenen Tiere das Siebenfache ihres ursprünglichen Gewichts und sind fast einen Zentimeter lang. Sogar mit bloßem Auge kann man sie dann erkennen.

„Wenn es so viele sind, dass sie auf der Kleidung zu sehen sind, ist das ein ernstes Problem“, erklärt Carola Kuhn vom Fachgebiet Gesundheitsschädlinge und ihre Bekämpfung des Umweltbundesamts. „Bettwanzen sind nicht meldepflichtig, wir haben keine Zahlen“, berichtet sie. Anders als etwa Malariamücken gelten Bettwanzen Feldversuchen zufolge nicht als Krankheitsüberträger, so Kuhn.

Juckreiz und Infektionen

Doch Bettwanzen-Stiche, die oft ganze Reihen bilden, jucken heftig. „Die Stiche führen bei manchen Menschen zu Immunreaktionen. Man kann nur symptomatisch behandeln, also den Juckreiz lindern. Auf aufgekratzte Stiche können sich allerdings bakterielle Infektionen draufsetzen“, erklärt Christoph Löser, Chefarzt an der Hautklinik im Klinikum Ludwigshafen. Hier hat er in den vergangenen 15 Jahren nur zwei Mal Bettwanzenbefall zu sehen bekommen. Eine nicht repräsentative Umfrage bei den Ludwigshafener Hautärzten ergibt ein ähnliches Bild.

Mehr Arbeit mit Bettwanzen haben jedoch die Schädlingsbekämpfer. „Früher hatte ich einmal im Monat mit Bettwanzen zu tun, meist im August und September, wenn die Leute aus dem Urlaub kamen“, berichtet Jürgen Vettel, Geschäftsführer der Ludwigshafener Schädlingsbekämpfungsfirma Palatia. Mittlerweile rückt er wegen Bettwanzen nach eigenen Angaben zwei bis drei Mal pro Woche aus. Ähnliches berichten Schädlingsbekämpfer in Mannheim, Worms, Mainz und Heidelberg.

Bettwanzen wandern

In der Wohnung des alleinerziehenden Vaters waren Vettels Mitarbeiter mittlerweile zweimal im Einsatz. „Die Tiere halten sich nicht an Türschilder. Die ziehen hüber und nüber und von oben nach unten, kommen in die Wohnung von Freunden oder der Mutter und wieder zurück. Der Kreislauf muss durchbrochen werden. Alles, was bekannt ist, muss bekämpft werden“, erklärt er.

Durch die wachsende Mobilität verbreiten sich Bettwanzen in den letzten Jahren mittlerweile in ganz Deutschland. Das bestätigt auch Thomas Loose, Vorstandsvorsitzender des Deutschen Schädlingsbekämpfungsverbandes (DSV) mit Sitz in Essen. An einer Statistik arbeitet der DSV nach Looses Angaben. Berlin ist noch das einzige Bundesland, das verlässliche Zahlen hat.

Bekämpfung: vier oder mehr Einsätze

Nach Angaben von Mario Heising, Vorstand des DSV-Landesverbands Berlin-Brandenburg, mussten im Jahr 2019 die Mitgliedsbetriebe des Landesverbandes 1896 Mal mit Bettwanzen befallene Wohnungen und Zimmer entseuchen. Mehr als neun Mal so viel wie 2008, im ersten Jahr der Erhebung, als 330 Einsätze nötig waren. Auch die Anzahl der Einzelbehandlung pro Bekämpfung hat sich erhöht. Immer häufiger gelingt sie erst nach drei, vier oder noch mehr Einsätzen.

„Eine Bekämpfung von Bettwanzen kann sehr aufwendig sein. Meist müssen nicht nur Bett und Matratze, sondern der gesamte Raum einer Bekämpfung unterzogen werden, Fußleisten entfernt, Steckdosen und Lichtschalter geöffnet werden, Bilder abgehängt, Schränke abgerückt und Fußboden-Wandanschlüsse einer eingehenden Untersuchung und anschließenden Bekämpfung unterzogen werden“, erklärt Loose. „Häufiger wurde festgestellt, dass Bettwanzen von benachbarten Wohnungen über Rohrdurchbrüche und oder Trockenbauwände in die eigenen vier Wände eingedrungen sind“, berichtet er. Das erklärt den Befall in der Bürgermeister-Kutterer-Straße.

Gesundheitsamt nicht zuständig

Oft arbeiten die Schädlingsbekämpfer mit einer Mischung von chemischen und thermischen Mitteln, also mit Wärme. Das kostet häufig eine vierstellige Summe. Geld, das ein Hartz-IV-Empfänger nicht hat. Auf der Suche nach Unterstützung wurde der betroffene Vater daher nach seinen Angaben von einer Behörde an die andere und wieder zurück verwiesen.

Die Anfragen der RHEINPFALZ bestätigen das Bild. Bettwanzen fallen nicht unters Bundesseuchengesetz, daher ist das Gesundheitsamt nicht zuständig. Andere Behörden können etwas tun, wenn Schulen oder Kindergärten betroffen sind, nicht aber Privathaushalte. Seit einem halben Jahr schon leidet der achtjährige Sohn körperlich und seelisch. „Er sieht mittlerweile wie ein Streuselkuchen aus“, berichtet der Vater.

Achtjähriger ist traumatisiert

„Das Kind ist durch den Juckreiz traumatisiert“, meint Peter Uebel, Internist und Vorsitzender der CDU-Stadtratsfraktion, der als Streetdoc unentgeltlich Menschen ohne Krankenversicherung hilft. „Dazu kommt der Schaden durch den ausfallenden Schulbesuch“, erklärt er.

Doch mittlerweile bekommen der Vater und die Söhne Hilfe. Die Aktion 72 um den Vorsitzenden Ulrich Alter hat schnell und unbürokratisch die Kosten der Bekämpfung übernommen. Und auch das Jobcenter hat sich mittlerweile bei dem alleinerziehenden Vater gemeldet, um zu prüfen, welche Unterstützung möglich ist. Der schöpft Hoffnung, macht sich jedoch weiterhin Sorgen: „Beim Jobcenter bezahle ich bereits ein Darlehen ab. Ich muss täglich überall gründlich saugen. Da gehen auch die Staubsaugerbeutel ins Geld.“ Auch neue Möbel braucht er nach einer erfolgreichen Bekämpfung.

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