Ludwigshafen Auslaufmodell Arztpraxis
Laut der Online-Ärzteplattform Jameda sind die Ludwigshafener mit der medizinischen Versorgung in ihrer Stadt sehr zufrieden. Peter Uebel, Vorsitzender der ärztlichen Kreisvereinigung, befürchtet, dass sich das ändern könnte. Es droht ein Mangel an niedergelassenen Allgemeinmedizinern.
Die traditionsreiche Geschichte des selbstständigen und allein praktizierenden Hausarztes, der seine Patienten von der Wiege bis zum Grab begleitet, dürfte in Bälde auserzählt sein. Der Eindruck drängt sich jedenfalls im Gespräch mit Peter Uebel, Internist und Vorsitzender der ärztlichen Kreisvereinigung Ludwigshafen, auf – und die Zahlen der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Rheinland-Pfalz scheinen diese Entwicklung zu belegen. In 51 hausärztliche Versorgungsgebiete hat letztere das Bundesland aufgeteilt, 25 davon melden aktuell einen Mangel. Ihnen fehlen bereits jetzt niedergelassene Allgemeinmediziner. Das Problem beschränkt sich längst nicht mehr auf den ländlichen Raum, sondern strahlt mittlerweile auch auf die Städte aus. In Ludwigshafen ist es noch nicht so weit, aber mit Speyer und Bad Dürkheim kommen die Einschläge langsam schon ziemlich nahe. „In Ludwigshafen und dem Rhein-Pfalz-Kreis gibt es derzeit 165 Hausärzte. Der Altersdurchschnitt liegt bei 56 Jahren“, erzählt Uebel (51). „57 von ihnen sind über 60 Jahre alt, acht Stück sogar älter als 70 Jahre.“ Nicht immer würden die Mediziner allein wegen der Leidenschaft für ihren Beruf bis ins hohe Alter arbeiten. „Von einigen weiß ich, dass sie seit Jahren vergeblich nach einem Nachfolger suchen und ihre Praxen nur deshalb weiterführen.“ Das durchschnittliche Renteneintrittsalter bei Ärzten liegt nach Auskunft der KV bei 62 Jahren. Das weiß auch Peter Uebel und hat den Wert herangezogen, um einen Blick in die Zukunft von Ludwigshafen zu werfen. „Bis 2020 müssten in unserem Versorgungsgebiet 70 Stellen neu besetzt werden“, sagt er. Mit Zuversicht erfüllt ihn die Vorhersage nicht gerade, denn bei Hausärzten kommen zwei ungünstige Dinge zusammen: Auf der einen Seite gibt es immer weniger Studenten, die sich eine Laufbahn als selbstständige Allgemeinmediziner vorstellen können, auf der anderen Seite sterben die Menschen später und müssten mit ihren altersbedingten Krankheiten eigentlich von Allgemeinmedizinern betreut werden. In einer gesamtdeutschen Studie aus dem Jahr 2012 gaben laut Uebel nur neun Prozent der Medizinstudenten den Berufswunsch Hausarzt an. Eine aktuellen Erhebung der KV sieht etwas rosiger aus, da steht der Allgemeinmediziner mit 35 Prozent an zweiter Stelle im Ranking – direkt hinter dem Facharzt für Innere Medizin. Das eigentliche Problem zeigt sich an anderer Stelle: Für 87 Prozent der Befragten ist die Vereinbarkeit von Beruf und Familie sehr wichtig, 76 Prozent streben nach der Anstellung in einer Klinik. Dass die beiden Faktoren eng zusammenhängen weiß Uebel aus Erfahrung: „Eine Anstellung in einer Klinik oder einem Ärztezentrum bedeutet größere Flexibilität sowie geregeltere Arbeitszeiten und damit mehr Zeit für Privatleben und Familie.“ Mediziner in einem Anstellungsverhältnis müssten auch weniger Verwaltungsarbeit erledigen und könnten sich dadurch mehr auf das eigentliche Geschäft konzentrieren. „Hausärzten wurden in den vergangenen Jahren immer mehr verwalterische Tätigkeiten und auch mehr Verantwortung aufgebürdet – Dokumentationspflichten, Arbeitssicherheit, Datenschutz, Qualitätsmanagement.“ Für allein praktizierende Ärzte sei das alles kaum noch zu stemmen, was natürlich auch nicht gerade zu kürzeren Arbeitszeiten führe, erklärt Uebel. Die Entwicklung würde abschreckend auf junge Medizinier wirken, vor allem, wenn sie Familienpläne hätten. Ein Angestelltenverhältnis mit weniger Verantwortung und besserer Planbarkeit zögen sie deshalb vor. Schon aus dem Grund sei absehbar, dass es künftig weniger Einzelpraxen, dafür aber mehr Ärztezentren geben werde – im Zweifel eben zulasten einzelner Stadtteile. Probleme sieht Uebel etwa auf Rheingönheim, Maudach und Süd zukommen. Die ärztliche Kreisvereinigung hat die Entwicklung schon seit einiger Zeit auf dem Schirm und versucht ihr entgegenzuwirken. „Wichtig sind gute Strukturen, zum Beispiel Regelungen für Not- und Bereitschaftsdienste, die niedergelassenen Allgemeinmedizinern Möglichkeiten bieten, die Waage zwischen Arbeit und Freizeit im Gleichgewicht zu halten“, sagt Uebel. Auch die KV hat reagiert und bietet eine Vielzahl von Programmen, die jungen Medizinern das Dasein als niedergelassene Ärzte schmackhaft machen sollen: Unterstützung im praktischen Jahr, Unterstützung bei der Ausbildung zum Facharzt, Unterstützung bei der Gründung einer Praxis und der Weiterbildung der Arzthelferinnen. Trotzdem sind sich Uebel und die KV in einem einig: Die klassische Einzelpraxis ist ein Auslaufmodell – in Ludwigshafen wie anderswo.