Ludwigshafen
Aus und vorbei: Die Tanzschule Fornaçon schließt
Wer den grauen, in die Jahre gekommenen Hauptbahnhof in Ludwigshafen betrat und die Milchglastür auf der linken Seite öffnete, tauchte direkt ein in eine andere Welt. Doch damit ist Schluss. Spätestens zum 31. Juli werden Frank und Gerd Fornaçon den Schlüssel an den Eigentümer der Immobilie, die Deutsche Bahn, übergeben.
Der finale Tango Argentino ist getanzt – im letzten Schein des Lichts packt das Paar all das in Kisten ein, was mitgeht und in einem ihrer drei Keller in Oggersheim eingelagert wird. Was damit passiert, sie wissen es noch nicht. „Bei uns zu Hause sieht es aus wie in einem Theater: Kleider, Kostüme, Perücken, Deko“, erzählt Frank Fornaçon. Ausgemusterte Möbel stehen im zugigen Durchgang, warten darauf, vom Sperrmüll-Laster abgeholt zu werden. Mit jedem Teil, das in den Kartons verschwindet, kommen Erinnerungen hoch.
Schlaflose Nächte
Dem Paar kann es nicht schnell genug gehen. „Wir sind jetzt eigentlich jeden Tag hier“, berichten sie. Dass eine Pandemie seinen Lebenstraum zerstören könnte, damit hatte Frank Fornaçon nie und nimmer gerechnet. 1999 übernahm er die renommierte Tanzschule von Helga Baumann. Er hatte dort zuvor seine praktische vierjährige Ausbildung zum ADTV-Tanzlehrer absolviert. Unter dem Namen „Tanzschule Helga Baumann“ firmierte das Unternehmen noch bis 2008, ehe es in „TanzArt Fornaçon“ umbenannt wurde.
Das letzte Jahr hat Frank und Gerd Fornaçon viele Nerven gekostet und schlaflose Nächte bereitet. „Auch wenn das Herzel wehtut. Jetzt ist eine Entscheidung da. Diese Zitterpartie: Halten wir durch? Das ging einfach nicht mehr“, sagt Gerd Fornaçon. Dass es schwerfällt, abzuschließen, ist ihnen anzumerken. Sie, die beiden Tanzlehrer, die ihren Job mit so viel Herzblut ausübten und es noch immer tun, stehen vor dem Nichts. Die letzten Monate zu verarbeiten, das brauche seine Zeit, ist der 44-Jährige überzeugt. „Das eine ist die rationale Seite, das andere die emotionale“, so Frank Fornaçon.
Abschied für immer
Bälle wurden abgesagt, Tanzkreise und Unterricht mussten gecancelt werden, Privatstunden für Hochzeitspaare wurden verboten. Die beiden haben mit ihrem über 20-köpfigen Team, zu dem unter anderem Tanzlehrer und Servicemitarbeiter zählen, das Beste daraus gemacht. „Wir haben wirklich verbissen danach geschaut, dass alles picobello sauber ist. Ständig waren wir am Desinfizieren. Irgendwann hat es hier wie in einer medizinischen Einrichtung gerochen“, sagt Gerd Fornaçon. Mit Visier, Maske und Glacéhandschuhen wurde unterrichtet. Man habe ein sicheres System geschaffen, das man sich selbst erarbeitet habe. Erfahrungswerte oder Unterstützung von außen habe es dabei nicht gegeben.
Das Berühren, das Korrigieren, sprich auf das Taktile musste komplett verzichtet werden. „Wir durften ja niemanden mehr anfassen. Das musste alles mündlich laufen“, schildert Frank Fornaçon das Unterrichten unter erschwerten Bedingungen. Aber auch das meisterten die Tanzlehrer, ehe im Herbst wieder Schluss war und die Lichter aufgrund des Lockdowns in der Tanzschule erneut ausgehen mussten. Dass dies ein Abschied für immer werden würde, dieser Entscheid reifte zuletzt.
3000 Euro Monatsmiete
Die Deutsche Bahn als Vermieter der Räumlichkeiten kam ihnen 2020 zwar entgegen, „zuletzt allerdings nicht mehr, was uns dazu bewogen hat, die Tanzschule zu schließen“, sagt der Ludwigshafener. Alleine 3000 Euro Monatsmiete mussten die Fornaçons berappen. „Da sind noch die ganzen Nebenkosten nicht eingerechnet: Strom, Krankenkasse, Gema und und und.“ Da Frank Fornaçon als Geschäftsführer und Leiter angestellt ist – die Inhaberin der Tanzschule ist seine Mutter Ilona – konnte er Kurzarbeitergeld beantragen. Aber auch dies in Kombination mit dem Überbrückungsgeld konnte die Tanzschule nicht auf Dauer retten. „Hätten wir nicht noch unsere privaten Rücklagen reingesteckt und so gut gewirtschaftet, wären wir schon lange weg“, unterstreicht der 44-Jährige.
Die Mitteilung auf Facebook, dass die Tanzschule zum 31. Juli schließt, traf auch die Kunden hart. „Wir haben so viele Dankesbriefe bekommen und unzählige Telefonate geführt. Und es sind auch ganz, ganz viele Tränen geflossen“, sagt Frank Fornaçon. Viele Erinnerungen an die schönsten Momente der letzten zwei Jahrzehnte kamen dabei hoch. Unvergessen: die Starlight-Express-Show, deren Vorbereitung über zwei Jahre dauerte. Die Tanzschule sei damals für die 22 rollschuhlaufenden Tänzer zu klein gewesen, sodass man in der Tennishalle in Oppau trainiert habe, erzählt Frank Fornaçon, der Mann für die ausgefallenen Choreographien, schmunzelnd.
Erlebnisse, die bleiben
Ob venezianischer Maskenball oder der Ball zum 20-jährigen Jubiläum – diese Erlebnisse bleiben. „Der Tanz in den Mai war auch immer so eine besondere Sache. Da haben wir – meine Schwiegermutter und ich – aus der kleinen Küche hundert Essen im Akkord rausgeschafft“, sagt Gerd Fornaçon und seine Augen glänzen dabei. Crêpes mit Spargel, Maibowle – all das haben sie in der Tanzschulküche zubereitet, die kaum größer als eine Tee- oder Büroküche ist. Dass es irgendwie weitergehen wird, davon sind beide überzeugt. Wenn sich zum letzten Mal die Milchglastür hinter ihnen schließen wird, dann öffnet sich garantiert eine neue.