Ludwigshafen
Aus dem Moment heraus: Azmeh/Weber im BASF-Feierabendhaus
Der eine stammt aus Detmold, der andere aus Damaskus. Die gesellschaftlichen und kulturellen Erfahrungen ihrer frühen Jahre könnten unterschiedlicher kaum sein. Aber ihre Neugier und Offenheit gegenüber der Musik in ihren verschiedensten Formen und Spielweisen hat sie zu Seelenverwandten gemacht. Nachdem Florian Weber und Kinan Azmeh früher schon in Ensembles zusammengespielt haben, ist daraus nun ein kongeniales Duo entstanden. Ihr reiches Wissen über europäische Klassik und Weltmusik bildet dabei nur eine Art Hintergrundfolie, vor der sie beim Konzert aus improvisatorischer Lust heraus agieren und kommunizieren.
Im Grenzgebiet der Weltkulturen
„Composed on the spot“ nannte Azmeh dieses Verfahren, komponieren an Ort und Stelle, aus dem Moment heraus. Der 44 Jahre alte syrische Klarinettist hatte an der arabischen Musikakademie seiner Heimatstadt studiert und machte noch einen Abschluss als Ingenieur für Elektrotechnik, bevor er 1998 nach New York übersiedelte, wo er unter anderem an der Juilliard School studierte. Seither ist er im Grenzgebiet der Weltkulturen unterwegs, spielte mit den Orchestern von Daniel Barenboim und Yo Yo Ma und brachte auch eigene Kompositionen zur Uraufführung.
Florian Weber kommt aus einer Musikerfamilie, bekam mit vier Jahren ersten Klavierunterricht und beschäftigte sich mit Klassik und Jazz gleichermaßen. Ein Stipendium fürs Berklee College of Music in Boston ließ er erst mal zugunsten eines naturwissenschaftlichen Studiums sausen, bevor er sich statt mit Mathe doch weiter mit Jazz beschäftigen wollte. Das Studium führte ihn von Köln nach New York. Bald arbeitete er mit Jazzprominenz wie Albert Mangelsdorff, Benny Bailey und Michael Brecker und gründete das Weltmusik-Trio Minsarah, das Lee Konitz so sehr begeisterte, dass er es kurzerhand als sein New Quartet adoptierte. In seiner elektronischen Band Biosphere fanden auch afrikanische Rhythmen Eingang, und beim Jazzfest Bonn war der heute 42-Jährige mit Rapper Samy Deluxe zu erleben.
Komplett freie Improvisation
Erste Duo-Auftritte mit Kinan Azmeh waren für Anfang des Jahres in New York geplant, aber dann kamen bekanntlich die Pandemie und der Lockdown. „Da hatte sich viel angestaut“, beschrieb Weber die lange Zeit des Wartens vor den aktuellen Konzerten. Kompositionen von Bartók, Penderecki und Alban Berg stünden als Idee hinter ihrem Konzept, aber was dann auf der Bühne live geschehe, sei dann doch „komplett frei improvisiert“.
Und das ist einfach großartig. Die Musik der beiden bewegt sich zwischen melancholischen arabischen Melodien und spröder Atonalität. Jazzige Intensität trifft auf folkloristische Heiterkeit, perkussives Erkunden von Klaviersaiten und hölzernem Corpus münden in virtuose Eskapaden. Zärtlichstes Legato wird kontrastiert von ruppigen Clustern und rhythmischen Akkordballungen, die an Bartók denken lassen. Das alles verbindet sich auf fließende, fast natürliche Weise. Die unterschiedlichen musikalischen Einflüsse erscheinen nicht als bewusste Zitate, sondern durchziehen die Musik wie vage Erinnerungen, und es entsteht ein eigenständiger, wunderbar offener musikalischer Kosmos.
Am Ende dachten sie kurz darüber nach, tatsächlich ein Stück von Bartók zu spielen. Aber dann haben sie einfach weiterimprovisiert, weil es so gut lief an diesem Abend und die Zuhörer so begeistert folgten. „Der Rest des Publikums fehlt eigentlich nicht“, kommentierte Weber humorvoll den auf Grund der Hygieneauflagen nur mit wenigen Menschen besetzten Riesensaal. Wer dabei war, hat ein tolles Konzert erlebt. Alle anderen können sich den Mitschnitt demnächst bei SWR2 im Radio anhören.