Ludwigshafen „Über den eigenen Tellerrand schauen“
Über 250 Künstler und Vertreter von Kulturinstitutionen der Region haben sich zwei Tage auf dem siebten „Denkfest“ im Ludwigshafener Kulturzentrum Das Haus getroffen. Auf der Veranstaltung des Kulturbüros der Metropolregion Rhein-Neckar ging es um Raumkonzepte, und wie sich die Arbeitsbedingungen für Künstler verbessern lassen. Thomas Kraus, Leiter des Kulturbüros, zog im Gespräch eine vorläufige Bilanz.
Ja. Für eine Bilanz ist es allerdings zu früh. Wir befragen immer noch die Teilnehmer, wie zufrieden sie sind. Ich habe aber das Gefühl, dass sich eine Art Community gebildet hat, dass das „Denkfest“ institutionalisiert ist, um in lockerer, aufgeschlossener Weise die Ziele anzugehen. Welches waren diese Ziele, und lässt sich von einem Ergebnis sprechen? Wir wollten herausfinden und ausloten, wie wir die Bedingungen für Künstler in der Region verbessern, administrative Wege verkürzen, Fördermöglichkeiten besser ausschöpfen können. Ein großes Diskussionsthema war in verschiedenen „Denkfest“-Gruppen auch, wie der öffentliche Raum oder beispielsweise auch Leerstände besser für künstlerische Projekte genutzt werden können. Aber dieses Denkfest ist erst der Auftakt für dieses Thema. Um die Bedingungen wirksam zu verbessern, muss man noch tiefer in die Materie gehen. Immerhin handelt es sich hier um viele Einzelpersonen, verschiedenste Kunstformen und ganz unterschiedliche Lebensumstände. Das „Denkfest“ nennt sich auch „Forum für Querdenker, Strippenzieher, Netzwerker und Ideengeber“. Inwiefern sind die Querdenker zum Zuge gekommen? Zum Beispiel gleich im Eröffnungsvortrag. Der Berliner Kulturmanager Dimitri Hegemann hat Anregungen gegeben, wie man ungewöhnliche und kreative Wege einschlagen kann. Zum Beispiel in einem Keller einen Club einrichten oder einfach in einer Kneipe ein Pult aufstellen, wo jeder sich darstellen darf. Eine ähnliche Veranstaltung ist ja jetzt die „Human Library“ hier im Haus zur Eröffnung des Kultursommers gewesen. Wir müssen abwarten, was sich daraus entwickelt. Der Anstoß zur „Human Library“ ist von Ihnen gekommen. Wieso fand das „Denkfest“ in diesem Jahr im Ludwigshafener Haus statt? Hat das mit ihrer Freundschaft mit Fabian Burstein, dem Leiter des Hauses, zu tun? Nein. Die Stadtverwaltung Ludwigshafen ist von Anfang an einer unserer treuesten und zuverlässigsten Partner. Sie unterstützt uns seit Jahren und war immer kooperativ, wenn es darum ging, ein Problem zu lösen. Das Kulturzentrum Das Haus, ebenso wie die anderen „Denkfest“-Orte Wilhelm-Hack-Museum und der Pfalzbau, sind ideal für unser diesjähriges Thema und als Schnittstelle in der Region sehr geeignet. Ludwigshafen war einfach dran. Die meisten Teilnehmer am „Denkfest“ kommen aus Kulturinstitutionen. Erwarten Sie eher von ihnen Innovationen als von Künstlern? Die Kulturinstitutionen, auch Festivalveranstalter dazu gerechnet, sind in der Tat unser ressourcenstärkster Partner. Meine Erwartung ist, dass sie sich weiterhin und stärker anderen Kunstformen und der freien Szene öffnen und über den eigenen Tellerrand schauen. Viele machen das ja schon. Ich denke dabei etwa an den Heidelberger Frühling und sein Programm für Studenten und Stipendiaten. Die freie Kunstszene ist auf dem „Denkfest“ nur schwach, die Kulturinstitutionen dagegen sind stark vertreten. Haben wir es mit einer verwalteten Kunst und Kultur zu tun? Im internationalen Vergleich steht Deutschland wahnsinnig gut da. Dass die freie Kulturszene allerdings so schwach gefördert ist, liegt daran, dass jede Kommune mehrere Kulturinstitutionen hat. In Großbritannien beispielsweise gibt es kein Repertoire- oder Gastspieltheater, sondern einen En-suite-Spielbetrieb. Das heißt, Schauspieler werden immer nur für die Spieldauer eines Stücks, also ein paar Wochen, engagiert. Das hat zur Folge, dass es dort für Künstler viele freie Fördermöglichkeiten gibt, es aber viel schwieriger ist, in langfristige Engagements zu kommen. Kann es sein, dass die Teilnehmer auch deswegen so zahlreich zum „Denkfest“ kommen, weil die BASF einer der Hauptsponsoren des Kulturbüros der Metropolregion ist? Glauben Sie, dass jemand in eine Veranstaltung geht, nur weil BASF darunter steht? Die BASF hat das „Denkfest“ initiiert und in den ersten Jahren gefördert. Inzwischen wird es vorwiegend von Kommunen und Kulturinstitutionen getragen. Die BASF engagiert sich dafür stärker bei „Matchbox“, unserer Veranstaltungsreihe mit internationalen Künstlern in der Rhein-Neckar-Region. Der Titel „Denkfest“ ist paradox. Denken ist etwas Introvertiertes, ein Fest klingt nach lautstarker Ausgelassenheit. Passt der Titel trotzdem zur Atmosphäre? Was sind die stillen Gedanken wert, wenn man sie nicht nach außen kehrt? Das „Denkfest“ soll ein Fest des Denkens, des Austausches und des Miteinanders sein, ein großes Zusammentreffen des Diskurses. Als Marke hat sich der Titel total durchgesetzt. Hätten wir es „Kulturkonferenz der Metropolregion Rhein-Neckar mit den angeschlossenen Institutionen“ nennen sollen? Ich glaube, da ist „Denkfest“ besser. Ich habe den Titel deswegen auch urheberrechtlich schützen lassen. Wie kommt es, dass die Reden auf dem „Denkfest“ so stark von englischen Wörtern durchsetzt sind? Setzt sich die Globalisierung der Wirtschaft auch in der Kultur durch? Uneingeschränkt ja. Kunst und Kultur sind globaler geworden. In Deutschland ist das Englische im Unterschied zu Frankreich zu einer zweiten Sprachebene geworden. Manche englische Wörter ergeben eben ganz andere Assoziationen. Ich hätte auch kein Problem damit, in Frankreich mit dem deutschen Titel „Denkfest“ aufzutreten. Oder nehmen Sie den Titel „Matchbox“. Er lässt an die Spielzeugautos und an die Streichholzschachtel denken. Ein guter Begriff mit vielen Assoziationen und ohne eine Entsprechung im Deutschen. Wissen Sie schon, wo das nächste „Denkfest“ stattfindet und welches Thema es haben wird? Nein. Es wird aber etwas mit den Zielen der Kulturvision zu tun haben.