Ludwigshafen
Ärger nach Rekord-Ansturm auf die IGS Edigheim: Eltern schalten Anwalt ein
„Wir wollen Gerechtigkeit zum Wohl unserer Kinder.“ So formulieren es mehrere Eltern, denen vor Kurzem eine Absage der Integrierten Gesamtschule (IGS) Edigheim ins Haus flatterte. Sie alle wohnen im Stadtteil und hatten darauf gehofft, bei ihrer Wunschschule zum Zug zu kommen. Einer der Hauptgründe für die hochkochenden Emotionen ist im RHEINPFALZ-Gespräch schnell ausgemacht: Es geht um das Gefühl, dass Kinder aus anderen Stadtteilen, insbesondere der Oggersheimer Melm, beim diesjährigen Losverfahren vergleichsweise viele Plätze ergattert haben – während etliche Edigheimer Kinder leer ausgegangen seien.
„Natürlich ist uns klar, dass wir an dieser Stelle nicht bei ,Wünsch dir was’ sind“, betont Stefan Fleckenstein, „aber ein bisschen mehr Gerechtigkeit wäre wichtig“. Seine drei älteren Kinder besuchen bereits seit mehreren Jahren die IGS Edigheim, gegen die Absage für sein jüngstes Kind geht er nun juristisch vor. „Und ich will wissen, wie dieses Losverfahren ausgesehen hat“, sagt er. Die große Enttäuschung über die Absage der Schule ist ihm anzumerken.
Chriseldis Becker und ihr Mann Alexander haben sich ebenfalls einen Anwalt genommen und wollen für ihr Kind einen Platz an der IGS Edigheim einklagen. „Als Eltern sind wir wirklich verzweifelt, denn unsere Kinder sind ja schon seit dem Kindergarten vernetzt. Sie jetzt aus dem gewohnten sozialen Umfeld herausnehmen zu müssen, das halten wir nicht für gut“, sagt Chriseldis Becker. Auch für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf sieht sie es als notwendig an, einen Schulplatz für ihr Kind in Edigheim zu erhalten. „Vom Einzugsgebiet her hätten jene Kinder, die in der Melm wohnen, auch an der Integrierten Gesamtschule Oggersheim (Igslo) angemeldet werden können“, merkt ihr Ehemann Alexander an. Auch Agniezka Niepieklo betont: „Wir haben uns ja ganz bewusst für das Wohnen in Edigheim entschieden, weil es hier im Stadtteil mit der IGS und dem Wilhelm-von-Humboldt-Gymnasium zwei weiterführende Schulen gibt.“ Nach den jüngst erfolgten Absagen der IGS haben sich die Eltern zusammengetan und sowohl die Stadt Ludwigshafen als auch die rheinland-pfälzische Bürgerbeauftragte kontaktiert, um Hilfe zu erbitten. „Leider erfolglos“, wie Chriseldis Becker berichtet.
Keine Hinweise auf Fehler
Selbstverständlich sei es legitim, dass auch Eltern, die in der Melm wohnen, ihre Kinder an der IGS Edigheim anmelden wollen, sagt Stefan Fleckenstein. Einen wesentlichen Grund dafür sehen er und Alexander Becker insbesondere im „schlechten Zustand des Fahrradwegs von der Melm in Richtung IGS Oggersheim“. Etliche Eltern empfänden den Schulweg entsprechend als unsicher oder gefährlich. „Dass außerdem auch eine direkte Schulbusverbindung von der Melm zur IGS Edigheim besteht, spielt bei der Entscheidung vieler Eltern ebenfalls eine große Rolle“, ergänzen Agniezka Niepieklo und Angelika Barth.
Die entscheidende Frage zurzeit lautet allerdings: Gibt es tatsächlich Hinweise darauf, dass an dem diesjährigen Losverfahren der IGS Edigheim grundsätzlich etwas zu beanstanden ist? Laut der Schulaufsicht (ADD) ist dies nicht der Fall. „Für den ordnungsgemäßen Ablauf des gesamten Aufnahmeverfahrens ist die Schulleitung verantwortlich“, antwortet die ADD auf Anfrage. Aufgrund des Losverfahrens sei es durchaus möglich, dass mehr Kindern aus der Melm ein Schulplatz angeboten werden konnte als Kindern aus Edigheim.
Grundsätzlich funktioniert das Losverfahren an den Integrierten Gesamtschulen wie folgt: Um angemessene Anteile leistungsstärkerer und leistungsschwächerer Kinder zu erreichen, werden die angemeldeten Schülerinnen und Schüler drei Leistungsgruppen zugeteilt – die Basis dafür bilden die Noten des Halbjahreszeugnisses der vierten Klasse in den Fächern Deutsch, Mathematik und Sachunterricht. Ergibt sich aus der Addition dieser Noten die Summe drei bis sieben, wird das Kind beim Losverfahren der Leistungsgruppe 1 zugeteilt, bei einer Notensumme von acht und neun der Gruppe 2 sowie bei einer Notensumme von 10 und mehr der Gruppe 3. Da Integrierte Gesamtschulen in der Regel eine gymnasiale Oberstufe umfassen, stehen für die Leistungsgruppe 1 laut Bildungsministerium höchstens 50 Prozent der zu vergebenden Plätze zur Verfügung, für die Leistungsgruppe 3 mindestens 25 Prozent.
Insgesamt 145 Absagen
Die IGS Edigheim hat nach Angaben der ADD genau diese Gewichtung umgesetzt und bei 112 verfügbaren Plätzen in der Leistungsgruppe 1 (50 Prozent) insgesamt 56 Kinder aufgenommen (bei 44 Absagen). In der Leistungsgruppe 2 (25 Prozent) haben 28 Kinder eine Zusage bekommen (bei 46 Absagen) und in der Leistungsgruppe 3 (25 Prozent) sind ebenfalls 28 Kinder angenommen worden (bei 55 Absagen). Die IGS Edigheim habe ausschließlich Kinder aus Ludwigshafen aufgenommen, betont die ADD.
Wie groß der Frust bei den Eltern angesichts von insgesamt 145 Absagen ist, spiegelt sich in folgenden Angaben der Schulaufsicht wider: Insgesamt liegen 36 Widersprüche zur Absage der IGS Edigheim vor, sechs davon mit Ersuchen auf Akteneinsicht. Zum Vergleich: An der IGS Oggersheim liegt ein Widerspruch vor, an der IGS Gartenstadt sind es zwei – davon einer mit Ersuchen auf Akteneinsicht. Auf Letztere haben betroffene Bürger im Verwaltungsverfahren grundsätzlich einen Anspruch, heißt es seitens der ADD, dieser werde auch regelmäßig erfüllt. Eingereichte Klagen und Eilanträge, die es in der Vergangenheit gegen die Ablehnung der IGS Edigheim gegeben hat, seien bislang erfolglos gewesen, teilt die ADD mit.
Schulweg spielt eine Rolle
Jene Eltern, mit denen die RHEINPFALZ gesprochen hat, haben ihre Kinder nach der IGS-Absage am Edigheimer Wilhelm-von-Humboldt-Gymnasium angemeldet. „Wir haben das nach gemeinsamen Überlegungen mit unseren Kindern entschieden“, sagt Chriseldis Becker. „Trotz allem sind wir uns einig, dass unsere Kinder durch ihren Entwicklungsstand besser auf der IGS aufgehoben wären.“
Über mögliche andere Schuloptionen haben sich die Eltern insbesondere im nahegelegenen Frankenthal informiert. Von der dortigen Friedrich-Schiller-Realschule plus sei allerdings die Rückmeldung gekommen: „Wir nehmen keine Schüler aus Ludwigshafen auf.“ Auch das Albert-Einstein-Gymnasium habe abgewunken und seinerseits wissen wollen, was denn in Ludwigshafen los sei, berichtet Silvia Fleckenstein. Offenbar gab es in Frankenthal etliche Anfragen aus der benachbarten Großstadt.
Und hat irgendjemand nach der Absage der IGS Edigheim in Erwägung gezogen, sein Kind an einer Ludwigshafener Realschule plus anzumelden? „Nein“, heißt es auf diese Frage unisono im RHEINPFALZ-Gespräch. Manche entschieden sich wegen zu großer persönlicher Vorbehalte dagegen, bei anderen wurde klar, dass auch für Edigheimer Eltern der Schulweg eine entscheidende Rolle spielt. „Ich lasse mein Kind nicht mit öffentlichen Verkehrsmitteln und über den Berliner Platz eine Stunde lang in die Schule fahren“, lautete zum Beispiel eine der Begründungen für die schlussendliche Anmeldung am Wilhelm-von-Humboldt-Gymnasium.
Zur Sache
Die Anmeldezahlen
Die IGS Gartenstadt, die standardmäßig 112 Kinder neu aufnimmt, musste fürs Schuljahr 2024/25 insgesamt 121 Kinder ablehnen – im Schuljahr davor konnten laut Stadt 83 Kinder nicht berücksichtigt werden (2022/23: 95, 2021/22: 85, 2020/21:81). Die IGS Oggersheim hat 168 Plätze für neue Fünftklässler zur Verfügung und musste für 2024/25 insgesamt 70 Kindern absagen – im Schuljahr davor konnten 75 Kinder nicht berücksichtigt werden (48, 40, 49). Die IGS Edigheim lehnte bei 112 verfügbaren Plätzen für 2024/25 insgesamt 145 Anmeldungen ab – im Schuljahr davor konnten 96 Kinder nicht berücksichtigt werden (110, 113, 89). Trotz neuer Anmelderekorde wird es absehbar aber wohl keine weitere Gesamtschule in Ludwigshafen geben. Erst im September teilte die Stadt mit, dass es laut der Schulaufsicht ADD in Rheinland-Pfalz nur Integrierte Gesamtschulen mit gymnasialer Oberstufe gebe. Diesen Bedarf aber würden die erwarteten Ludwigshafener Schülerzahlen bis zum Jahr 2033/34 (bei insgesamt sechs existierenden Gymnasien in der Stadt) nicht hergeben.