Landau
Reptilium-Mitarbeiterin berichtet von skrupellosen Tierbesitzern
Moana Sütel ist die Frau der ersten Stunde. Sie arbeitet seit der Eröffnung 2004 im Landauer Reptilium. Nicht nur deshalb ist sie für Besucher – neben Reptiliumchef Uwe Wünstel – das Gesicht des Terrarien- und Wüstenzoos. Die 45-jährige Obertierpflegerin ist die rechte Hand des Inhabers und Leiters, der das Reptilium im Alter von 23 Jahren eröffnete und sein Hobby zum Beruf machte. Das Reptilium weist inzwischen einen beachtlichen Bestand von 1200 Tieren auf.
Moana Sütel, den Vornamen hat sie selbst gewählt, hat Wiedererkennungswert. Ihren Körper zieren über 60 Piercings und etliche Tätowierungen – wie viele es sind, wisse sie gar nicht. Unter den Motiven sind natürlich auch Tiere, die Besucher im Reptilium finden können. „Eine Schlange, eine Spinne und auch eine Gottesanbeterin.“ Nach ihrer Ausbildung zur Tierarzthelferin arbeitete Sütel acht Sommer lang mit Tieren im Ausland, in Thailand und in den USA. „Von Oktober bis März lebte ich dann immer in Deutschland bei meinen Eltern und arbeitete in einer Druckerei.“ Ihr Faible für Reptilien entstand allerdings erst im Reptilium, von dessen Neueröffnung sie vor 17 Jahren zufälligerweise durch eine Stellenanzeige erfuhr. Seitdem ist Sütel das „Mädchen für alles“ und leitet außerdem Führungen, Tierpräsentationen und Schaufütterungen.
„Wieso beim Kauf nicht dran gedacht?“
Zu Beginn musste Wünstel noch viel Geld für den Kauf von Tieren ausgeben – heute sei das nicht mehr so, berichtet Sütel. „Inzwischen werden dem Reptilium so viele Tiere angeboten, dass wir schon seit Jahren keine Tiere mehr kaufen.“ Ganz im Gegenteil, längst können nicht mehr alle Tiere aufgenommen werden. Die Menschen geben ihre einst geliebten Haustiere aus vielen Gründen ab. Einer davon: „Das Terrarium ist zu klein geworden.“ Das macht Sütel sauer. „Wieso wurde beim Kauf nicht daran gedacht, dass das Tier wächst?“ Auch das Argument „wir haben keine Zeit“ wird genannt, dabei sind Reptilien wenig zeitintensiv. „Reptilien halten viel aus, und man sieht ihnen nicht an, wenn sie Stress haben.“
Aufgenommen wurde beispielsweise ein männliches Jemenchamäleon, das vor zwei Jahren einfach in einem Karton vor einer Tierarztpraxis ausgesetzt wurde, „ohne Infos, ohne alles“. Das Chamäleon verhielt sich zu Beginn sehr auffällig, „es hat wohl kein schönes Leben bei seinem Vorbesitzer gehabt. Man konnte es noch nicht mal anschauen, sofort drehte es sich um und floh in eine Ecke des Geheges. Es hat versucht, sich durch die Wände zu kratzen.“ Inzwischen habe es sich gut eingelebt, aber „anfassen geht gar nicht“.
„Da ist ne Schlange!“
So ein abgegebenes Tier muss erst einmal in Quarantäne, der Kot wird in ein Labor geschickt. Oft seien die Besitzer nicht ehrlich, gäben kranke Tiere ab oder verheimlichten einen Teil der Vorgeschichte. Wenn die Laborwerte gut sind, das Tier sich unauffällig verhält und frisst, darf es in den Zoobereich. Dort sind die Tiere durch Sicherheitsglas von den Besuchern getrennt, wodurch die Geräuschkulisse nur dumpf in den Terrarien wahrnehmbar ist. „Man merkt auch beim Saubermachen, dass es da drin sehr still ist. Die Tiere leben also relativ stressfrei und haben geräumig Platz.“ Manche der Tiere stammen aus Wohnungsbegehungen.
Eine Boa constrictor ist so ein Fundtier aus einer leerstehenden Wohnung in Mannheim. „Der Besitzer starb, seine Wohnung wurde nach mehreren Monaten aufgebrochen. Die Tierrettung rief panisch an, ,da ist ne Schlange’“, erzählt Sütel. Immerhin: „Wo Haustiere innerhalb kürzester Zeit verenden, sehen Reptilien immer noch gut aus.“ Die monatelange Auszehrung sehe man dem Tier immer noch an, der Rücken sei spitz verformt – das bleibe auch dauerhaft so. „Die Besucher wollen perfekte Tiere sehen, aber bei uns gibt es auch Tiere mit Fehlern.“ Ob das Tier makellos ist oder nicht – das ist Sütel nicht so wichtig. Wichtig sei vielmehr, dass das Tier in der Gruppe gut zurechtkommt.
Kein UV-Licht: Drei tote Bartagamen
Aber manche Leute gehen auch skrupellos vor, wie Sütel berichtet. „Einmal wollte jemand zwei afrikanische Panzerschildkröten bei uns abgeben. Da wir schon viele Tiere dieser Art haben, konnten wir sie nicht aufnehmen. Zwei Wochen später bekamen wir plötzlich von der Tierrettung zwei ausgesetzte, afrikanische Panzerschildkröten gebracht. Da kann man dann eins und eins zusammenzählen.“ Ein anderes Beispiel: Vier Bartagamen wurden abgegeben, die ohne Licht großgezogen wurden. „Hier wurde am falschen Ende gespart. Ohne UV-Licht bleiben die Knochen weich, die Tiere können verkrüppeln.“ Drei der Tiere konnten aufgrund der weichen Kiefer nichts essen und mussten eingeschläfert werden. Bei einer Bartagame schlug das Zufüttern von hohen Dosen Kalzium an, das Skelett verhärtete sich wieder. „Wir nannten sie Hope (Hoffnung).“ Vor allem Streicheltiere bekommen im Reptilium Namen.
Wie die Königspythons Simba und Nalani. Bei den Vorführungen dürfen die „Streicheltiere“ unter den wachsamen Augen der Obertierpflegerin vorsichtig angefasst werden. Dabei wird sorgfältig Buch geführt, welches Tier wann dran ist – damit keines überbeansprucht wird. „Dazwischen haben sie sieben bis zehn Tage Pause.“
„Macht Euch Gedanken, bevor Ihr ein Tier anschafft“
Dann gibt es noch den Steppenwaran, der bei einem Reichsbürger beschlagnahmt worden sei. Andere Tiere wurden geschmuggelt und am Frankfurter Flughafen sichergestellt. „Der Fidschileguan ist ein beschlagnahmter Wildfang mit gefälschten Papieren. Der steht hoch oben auf der Roten Liste. Ein Zuchtpaar kostet mehrere Tausend Euro.“ Außerdem gibt es eine Vogelspinne im Reptilium, die in der Wormser Innenstadt gefunden wurde. „Ein Spaziergänger hat schnell festgestellt, dass das kein einheimisches Tier ist und gleich die Feuerwehr gerufen.“ In so einem Fall ist es gut, dass Wünstel jederzeit erreichbar ist.
Doch das Reptilium sei zu klein, um für alle Tiere eine neue Heimat sein zu können. Sütel formuliert eine klare Bitte an die Menschen: „Macht euch Gedanken, bevor ihr euch ein Tier anschafft.“