Interview RHEINPFALZ Plus Artikel Plastik im Meer: „Abhilfe tut nicht weh“

Kein seltenes Bild: mit Plastikabfällen übersäter Strand.  Foto: dpa
Kein seltenes Bild: mit Plastikabfällen übersäter Strand.

Makro- und Mikroplastik ist ein enormes Problem. Katrin Schuhen hat als Juniorprofessorin an der Landauer Uni nach Lösungen gesucht, es aus dem Abwasser und den Meeren fernzuhalten. „Mission possible“, sagt sie. Aber nur, wenn alle mitmachen. Was Feuchttücher, Zigarettenkippen und Waschmaschinen damit zu tun haben, sagt sie hier.

Frau Schuhen, ich kaufe nur Pfandflaschen und werfe meine Kunststoffabfälle in den Gelben Sack. Bin ich schuld an Plastik im Meer?
Wenn sie diese Sachen in den Gelben Sack werfen, können sie als Verbraucher in Deutschland davon ausgehen, dass sie recycelt werden. Deutsche sind im europäischen Vergleich Recycling-Meister, aber wir haben auch in Deutschland nur Recyclingraten von 60 bis 66 Prozent, europaweit sind es zwischen 35 und 45 Prozent. Somit haben wir eine Lücke, die leider auch zum Problem „Plastik im Meer“ beiträgt. Einwegkunststoffe machen laut Europäischer Kommission knapp die Hälfte, 49 Prozent, der gesamten Müllvorkommen im Meer aus. Wir als Verbraucher haben somit dann eine Teilschuld am Plastikmüll im Meer, wenn wir Kunststoffartikel, insbesondere Einwegartikel, benutzen, obwohl wir diese problemlos ersetzen oder weglassen könnten.

Die EU hat jetzt Strohhalme, Plastik-Einwegbestecke und Styroporbecher verboten. Reicht das?
Verboten werden sollen konkret Einwegkunststoffprodukte, für die Alternativen leicht verfügbar sind, wie Wattestäbchen, Besteck, Teller, Rührstäbchen, Strohhalme und Luftballonstäbe. Diese Produkte machen ungefähr 14 Prozent des Einwegmülls im Meer aus, den wir mit dem Verbot reduzieren würden, wenn wir sofort aufhören würden zu produzieren und eine Lösung hätten, sofort die vorhandenen 14 Prozent aus dem Meer zu entfernen. Schaut man sich die gesamte Liste weiter an, gibt es deutlich größere Eintragspfade. Zigarettenstummel sind zum Beispiel mit 22 Prozent ganz oben auf der Liste, außerdem Einwegessensverpackungen mit 14 Prozent und Dreh-Verschlüsse, insbesondere von PET-Flaschen, mit 19 Prozent. Meiner Meinung nach wäre es sinnvoller, in diesen Wirtschaftszweigen zusätzlich zu handeln. Das Verbot ist ein Anstoß, es ist ein Schritt in die richtige Richtung, aber mit den hinterlegten Zeitschienen von mehreren Jahren, bis das Verbot umgesetzt und dann auch keine Produkte mehr im Umlauf sind, ist das alles doch ein bisschen zu langfristig gedacht, bei einem wachsenden Problem. Man könnte auch schneller handeln, ohne dass es dem Verbraucher weh täte. Bei der Glühbirne hat man die Umstellung auf moderne LED-Technik ja auch innerhalb kürzester Zeit geschafft.

Welche versteckten Plastikquellen gibt es, durch die Kunststoffe ins Abwasser gelangen?
Den meisten Menschen ist nicht bewusst, was so ein Autoreifen verursacht, und wo überall Kunststoff verarbeitet ist. Denken Sie an Kosmetika, wo die meisten Leute ab dem dritten, vierten Inhaltsstoff schon gar nicht mehr verstehen, was alles in ihren Produkten verarbeitet wurde. In jeder dritten untersuchten Sonnencreme und jede fünften Gesichtscreme sind Polymere, also kleinste Kunststoffpartikel verarbeitet. Es gibt unfassbar viele verschiedene Kunststoffe und demnach noch mehr Produkte, in denen wir Kunststoffe nicht erahnen und bei denen wir auch nicht davon ausgehen, dass Mikroplastik entstehen kann. Denken Sie an die Waschmaschine. Jedes Jahr waschen wir in Europa rund 36,5 Milliarden Ladungen Wäsche. Bei jedem Waschvorgang werden Mikrofasern abgerieben, weil die meisten Menschen Kleidung aus synthetischen Fasern tragen. Die Waschmaschine hat zwar ein Sieb, aber wie oft wäscht man wirklich solche Siebe aus und entsorgt die Inhaltsstoffe dann auch noch korrekt?

Nochmal zurück zu den Zigarettenkippen, was kann man da tun?
Das ist ein Riesenthema, was da einfach so in die Landschaft geschnippt wird. In vielen Ländern gibt es genau dagegen Strafen, auch bei uns im Übrigen. Nun aber mal die Frage in die Runde der Rauchenden: Wann wurden Sie zuletzt für eine Verschmutzung der Umwelt mit Zigarettenkippen belangt?

Was ist mit den künftig ebenfalls verbotenen Wattestäbchen? Ich habe immer geglaubt, die Stäbe sind aus Papier.
Ja, das haben viele gedacht. Recycling-Papier wäre mit Sicherheit ein schöner Ersatzstoff, man könnte aber auch ganz andere Alternativen verarbeiten. Wattestäbchen lösen, wenn sie über die Toilette entsorgt werden, ein ähnliches Problem aus wie Feuchttücher. Dann kommt das Kunststoff-Problem über die Kanalisation in unsere Kläranlagen, die nicht dafür ausgelegt sind. Am Ende des Reinigungsprozesses sieht man dann im Nachklärbecken Rückstände von Wattestäbchen und Feuchttuchfetzen aufschwimmen. Auf den Feuchttüchern steht oftmals „biologisch abbaubar“ und „kann über die Toilette entsorgt werden“, aber die Abbaubarkeit findet nicht im Reinigungsprozess der Kläranlage statt. Hier wird der Kunde an fehlinformiert und macht es falsch, weil er oder sie es nicht besser weiß.

Welche Plastikanteile können die Kläranlagen bisher festhalten?
Die Kläranlagen in Deutschland können schon viel, aber die Frage ist, was müssen sie in Zukunft leisten. Gerade im Bereich Mikroschadstoffe kommen die Kläranlagen immer mehr an ihre Limits. Dabei kommt auch das Thema Mikroplastik auf die Tagesordnung. Die Rolle der Kläranlage als Eintragspfad für Mikroplastik ist nämlich nicht zu vernachlässigen, soviel weiß man jetzt bereits. Die großen Teile, Makroplastik, werden bereits in der mechanischen Reinigungsstufe abfiltriert. Aber je kleiner die Kunststoffteile werden – wir sprechen bei weniger als fünf Millimeter von Mikroplastik –, desto schwieriger wird es, diese überhaupt zu erfassen, geschweige denn zu entfernen. Mikrokunststoffpartikel mit größerer Dichte sinken eher nach unten und landen oft im Klärschlamm. Wenn dieser verbrannt wird, ist auch das Mikroplastik entsorgt. Wird der Klärschlamm aber für landwirtschaftliche Zwecke genutzt, dann kommt es aufs Feld. Das sollte man tunlichst verhindern, und dafür braucht es neue Verfahren. Das Ziel dieser neuen Verfahren muss sein, die gesamte Mikroplastik-Fracht, also aufschwimmendes, suspendiertes und absinkendes Mikroplastik in vollem Umfang zu erfassen. Dafür braucht es ganzheitliche Lösungen und ein komplexes Prozedere.

Sie haben in der Landauer Kläranlage schon entsprechende Versuche unternommen. Wie geht das und wie erfolgreich sind Sie dabei?
Wir stehen kurz vor dem Pilotversuch im kontinuierlichen Kläranlagenprozess. Wir haben bisher in einem Becken ohne Durchfluss gearbeitet, wo wir unsere Chemikalien zugegeben haben. Das Prinzip ist sehr einfach. Wasser 3.0 PE-X, so heißt unsere Verbindung, ist in der Lage, Mikroplastikpartikel zusammenzuschließen. Die Partikel haften zusammen und wachsen. Aus 200 Mikrometer großen Partikeln werden Tischtennisball-große Kugeln. Unser Verfahren sorgt dafür, dass die Produkte aus Mikroplastik und PE-X auf der Wasseroberfläche schwimmen, sodass man sie sehr einfach mit einem Sieb abfischen kann.

Was schätzen Sie, kommt an zusätzlichen Kosten auf Kläranlagenbetreiber und letztlich die Bürger zu, wenn Sie Ihr Verfahren anwendungsreif haben?
Wir streben eine vierte Reinigungsstufe plus an mit dem Ziel, nicht nur Mikroplastik zu eliminieren, sondern auch gelöste organische Stressoren, zu denen Medikamente und Pestizide gehören. Wir arbeiten mit mobilen Container-Lösungen. Unsere Lösungen richten sich immer nach der jeweiligen Verschmutzungsfracht. Sprich: Bei massiver Verschmutzung wird es teurer, weil der Materialeinsatz höher ist. In Gebieten, wo das Abwasser weniger verschmutzt ist, wird das Verfahren günstiger. Man muss sich also im Vorfeld einen Überblick verschaffen, was an Belastungen vorhanden ist. Im Anschluss werden ein Konzept und die passgenaue Lösung individuell entwickelt. Diese wird dann in einer Pilotphase getestet und der Erfolg gemessen. Danach kann man Aufwand und Kosten beziffern.

Kriegen wir das Plastikproblem mit technischen Lösungen in den Griff, oder muss uns die Politik dazu zwingen, unsere Lebensgewohnheiten zu ändern?
Die Politik muss sich zwingen, an den richtigen Stellen anzusetzen – und dies ohne Wirtschaftsbrille, sondern mit der Umwelt- und Gesundheitsbrille. Wenn man sieht, was an unnötigem Plastik erzeugt und verarbeitet wird und nach nur einmaliger oder kurzer Nutzungsdauer im Recycling oder Abfall landet, sind wir in der Pflicht, nachzubessern und unseren Plastikeintrag zu kontrollieren. Weiterhin gilt es, sich zu hinterfragen, was man selbst tun kann. Wir sollten nicht nur auf die Politik warten, das sollte jeder einzelne tun. Müssen im Einkaufswagen wirklich 15 Einwegtüten für 15 verschiedene Obst- und Gemüsearten liegen? Wenn man sich jeden Tag hinterfragt, wo Kunststoff wirklich notwendig ist und wo er eingespart werden kann, sieht man sehr schnell, was unsinnig ist. Ich habe beispielsweise erst vergangene Woche einen Plastik-Dokumentationstag gemacht, wo ich von morgens früh bis abends von jedem Kunststoffteil, mit dem ich in Berührung gekommen bin, ein Foto gemacht habe. Wenn man sich am Abend ansieht, wie viele Bilder zusammengekommen sind, beginnt der Prozess des Hinterfragens und Verbesserns. Das Schöne dabei ist, das alles zu machen tut nicht weh und man kann sofort Dinge verändern. Überdenken wir also unser Nutzungsverhalten von Alltagsprodukten und ändern wir unser Konsumverhalten, dann arbeiten wir aktiv an der Minimierung der Schuldfrage mit.

Wenn ich das richtig mitbekommen habe, sind Sie zurzeit in Spanien unterwegs. Urlaub oder Arbeit?
Arbeit. Wir haben ein Projekt, das sich mit Meerwasserentsalzung und Meersalzgewinnung befasst. Dabei spielen Plastik und Mikroplastik und auch die Mikroplastik-Elimination auch eine Rolle.

Wenn zum Beispiel das Meerwasser für landwirtschaftliche Zwecke genutzt wird, soll es ja nicht dazu kommen, dass über diesen Pfad Mikroplastik in das Ökosystem eingetragen wird. Da wir wissen, dass leider Gottes sehr viel Plastikmüll und damit auch Mikroplastik im Meer herumstrudelt, ist es an der Zeit, sich über alle Prozesse Gedanken zu machen, die das Meer nutzen. Wir arbeiten hier nach dem Prinzip „rethink“, in dem wir den Status quo festhalten und neue Modelle für verbesserte Lösungen entwickeln und diese dann auch umsetzen.

Interview: Sebastian Böckmann

Zur Person

Katrin Schuhen hat Chemie studiert und in Heidelberg (in Zusammenarbeit mit der Ecole Nationale Supérieure de Chimie in Montpellier/Frankreich und der University of Sydney/Australien) über mobile Katalysatoren promoviert. Von Mai 2012 bis Mai 2018 war sie Juniorprofessorin für Organische und Ökologische Chemie an der Uni Landau. Dort hat sie unter anderem daran geforscht. Hybridkieselgele zur Abwasserreingung einzusetzen. Seit einem Jahr ist sie Inhaberin von Wasser 3.0 (Im Internet: www.wasserdreinull.de) und arbeitet an umfassenden Lösungen zur Wasserreinigung.

Katrin Schuhen Foto: Schuhen
Katrin Schuhen
In der Landauer Kläranlage hat es Versuche gegeben, Mikroplastik aus dem Abwasser zu holen. Sie waren erfolgreich. Foto: van
In der Landauer Kläranlage hat es Versuche gegeben, Mikroplastik aus dem Abwasser zu holen. Sie waren erfolgreich.
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