Landau Landau: Hans-Stempel-Straße umbenennen?
Burkhard Denger sagt: Ein Vorstandsmitglied der „Stillen Hilfe“ gehöre nicht in eine Reihe mit Siebenpfeiffer und Wirth.
Mein erster Zugriff war ein Beitrag in der RHEINPFALZ zum WOCHENENDE vom 15. August 2015. Da habe ich zum ersten Mal über die Rolle Stempels gelesen. Vorher war er mir nur dem Namen nach bekannt als Kirchenpräsident; bis dahin hatte er bei mir einen völlig neutralen Ruf. Die zweite Begegnung war dann im Wohnpark am Ebenberg. Da habe ich gedacht: Wenn das so stimmt, was du da gelesen hast, dann geht das nicht, dass eine Straße nach Stempel benannt wird. Mit welchen Quellen untermauern Sie Ihre Argumentation? Ich bin kein Historiker, aber aus den mir zugänglichen Quellen ergibt sich das Bild eines Mannes, der sich für verurteilte Schwerkriegsverbrecher eingesetzt hat. Der Vereinsname „Stille Hilfe für Kriegsgefangene und Internierte“ ist eine völlige Verharmlosung. Kennen Sie den Zeit-online Beitrag von Ernst Klee „Vergebung ohne Reue“ über die Stille Hilfe? Ja, den habe ich aber ein Stück weit so gelesen, dass sich Kirchenvertreter von Kriegsverbrechern haben einwickeln und vereinnahmen lassen, die sich davon Hafterleichterungen versprochen haben. Das ist aber für meine Fragestellung nicht erheblich. Es geht nicht um das Lebenswerk Stempels, sondern um seine Tätigkeit in der „Stillen Hilfe“, die retrospektiv eine Verhöhnung aller Opfer des Nationalsozialismus ist und auch aller Ehrenamtlichen, die heute Stolpersteine verlegen. Aber meinen Sie nicht, dass sich die Kirche auch um Gestrauchelte kümmern muss? Und damit meine ich auch Schwerkriminelle und Kriegsverbrecher. Ja, das mag auch ich eingestehen, dass man sich um alle kümmern muss, aber ich meine nicht, dass man so weit gehen darf. Aus den mir zur Verfügung stehenden Quellen, und dazu gehört natürlich auch das Buch „Landau im Nationalsozialismus“ von Michael Martin, schließe ich, dass es eben nicht nur seelsorgerische Belange waren, um die sich Stempel gekümmert hat. Er hat auch Eingaben an die Alliierten gemacht und Gnadengesuche für Naziverbrecher eingereicht. Ich denke dabei zum Beispiel an Hans Hüttig, den Kommandanten des Lagers Struthof im Elsass, der zu lebenslänglicher Haft verurteilt war und offensichtlich mit Unterstützung der „Stillen Hilfe“ wieder auf freien Fuß gekommen ist und seinen Lebensabend in Wachenheim verbringen konnte. Es steht mir natürlich nicht zu, zu sagen, dass das Stempels Werk war. Aber er war über mehrere Jahre hinweg im Vorstand und hat sich um hochrangige SS-Schergen gekümmert. Da sollte man die Annahme seiner Naivität auch nicht überstrapazieren. Jedenfalls darf man bei der Begründung für eine Straßenbenennung dann nicht auf die „in beispielhafter Weise verkörperte demokratische Gesinnung und Zivilcourage“ verweisen. Sie sind aber offenbar auch skeptisch, was das Promotionsstipendium angeht, das die Protestantische Landeskirche ausgeschrieben hat, um Stempels Leben insgesamt zu erforschen. Warum? Nach meiner Sicht steckt dahinter die Strategie von Kirche und Stadt, das Thema auf die lange Bank zu schieben und zu hoffen, dass wieder Gras drüber wächst. Sehen Sie, das Stipendium wird ja erst im Januar vergeben, und dann vergehen drei Jahre, bevor Ergebnisse vorliegen. Man sollte Stempels Leben aufarbeiten, aber das sollte besser ein Externer tun. Sie kennen doch den Spruch: Wes Brot ich fress, des Lied ich sing. Die Kirche macht sich damit doch nur angreifbar. Wobei die Kirche in den beiden dicken Bänden „Protestanten ohne Protest“ ja nicht gerade schonend mit ihrer eigenen Geschichte umgegangen ist. Ja, das habe ich gehört, dass das Werk schonungslos ist. Aber welche neuen Quellen sollten sich denn noch auftun? Die Familie Stempels, die ich für völlig integer halte, hat klar gesagt, dass sie alle Unterlagen mit Bezug zur Landeskirche an diese abgegeben hat und nur noch private Unterlagen zu rein seelsorgerischen Dingen, die der Schweigepflicht unterliegen, in ihrem Besitz sind. Die Stadt Landau hat behauptet, dass es einen Rechtsstreit über die Herausgabe von Unterlagen gebe, aber das ist offensichtlich nicht der Fall. Wenn sich dann noch der Pressesprecher der Landeskirche, Wolfgang Schumacher, dahingehend äußert, dass Stempel gleichzeitig Sünder und Gerechter war, dann ist das ein vernebelnder Spruch. Der müsste dann ja auch für Hitler gelten. Sicher ist: Eine besondere Ehrung darf mit Stempel nicht verbunden sein. Einerseits gab es Stempels Engagement bei der Stillen Hilfe, andererseits war er aber zuvor bei der Pfälzischen Pfarrbruderschaft und der Bekennenden Kirche aktiv, die dem Nationalsozialismus kritisch gegenüberstanden. Mein Eindruck ist, dass Stempel versucht hat, sich und die Kirche mit Pragmatismus und Zugeständnissen durchzulavieren. Das könnte schon noch interessant sein, ja, aber der Straßenname gehört trotzdem geändert, und zwar rasch. Es geht eben nicht um die Gesamtbewertung des Lebens Stempels. Es geht aber beispielsweise darum, dass sich die Stille Hilfe für den gefürchteten SS-Mann Otto Ohlendorf eingesetzt hat, der Massenerschießungen zu verantworten hatte. Das passt nicht zu Zivilcourage, demokratischer Gesinnung und auch nicht zu Namensgebern wie Siebenpfeiffer oder Wirth. Entscheidend ist dabei nicht der persönliche Beitrag Stempels, entscheidend ist seine Arbeit im Vorstand der Stillen Hilfe, zusammen mit hochrangigen früheren SS-Männern. Das lässt eine besondere Ehrung einfach nicht zu. Und was erhoffen Sie sich nun? Unsere öffentliche Erinnerungskultur ist okay, aber ich erhoffe mir eine Diskussion darüber, wie wir mit dieser Zeit umgehen. Ich höre immer wieder, dass Leute - viele junge - davon nichts mehr hören wollen. In den 1950er-Jahren war das verständlich, damals waren überwiegend Menschen in der Gesellschaft aktiv, die in der einen oder anderen Weise selbst verstrickt waren. Auch meine Generation hat noch zu wenig gefragt. Gefragt haben die 68er, aber auch nicht immer in der richtigen Weise. Meine These ist: Eine richtige Aufarbeitung der NS-Zeit hat es nicht gegeben. Hätten Sie einen besseren Vorschlag für einen Straßennamen? Das ist nicht mein Thema, aber es gibt genügend Leute, wenn man nur will. Ich habe mich gewundert, wie wenige Frauen in Landau einer Benennung wert gewesen sein sollen. Es gab zum Beispiel eine Lehrerin an der Maria-Ward-Schule, die sich über Jahrzehnte in Kenia engagiert hat. Die wäre sicher eine würdige Namensgeberin. Wie sollte es jetzt weitergehen? Michael Martin hat sich sehr profiliert mit seinem Buch über den Nationalsozialismus in Landau, und er hat schon eingeräumt, dass die Namensgebung ein Fehler war. Was hindert die Stadt daran, diesen Fehler zu korrigieren? Bei einer so kleinen Straße mit nur wenigen Anliegern ist das doch kein Problem. Haben Sie die Diskussion um Eduard Spranger mitbekommen? Ja, natürlich. Auch wenn ich mich nicht intensiv damit befasst habe, scheint mir Spranger bei einer Schule sehr problematisch zu sein. Vielleicht wäre es an der Zeit, nochmals nachzuschauen, wer in Landau alles Namensgeber ist. Sagen Sie: Hat Ihr Beruf als Staatsanwalt eigentlich etwas mit Ihrem Engagement in dieser Sache zu tun? Ja, es hat etwas mit Lügen zu tun und mit Wahrhaftigkeit. Die Gesellschaft der 50er- und 60er-Jahre war jedenfalls nicht wahrhaftig. Ich habe zwar nicht deshalb den Beruf gewählt, aber ich glaube schon, dass es einen Einfluss hatte. Aufklärung von Verstrickung und Verschulden sind Voraussetzung von Veränderungen und die Grundlage allen Lebens.