Landau RHEINPFALZ Plus Artikel Kirchengemeinden im Ausnahmezustand

Dekan Axel Brecht ist bereit für die Liveübertragung des Weihnachtsgottesdienstes in der Marienkirche.
Dekan Axel Brecht ist bereit für die Liveübertragung des Weihnachtsgottesdienstes in der Marienkirche.

Dieses Jahr ist alles anders. Der Landauer Dekan Axel Brecht berichtet, wie Kirche und Gläubige versuchen, den Kontakt zu halten. Das Internet macht’s möglich. Bei allem Verständnis für die Corona-Schutzmaßnahmen ist der Katholik aber nicht glücklich über die „Salamitaktik der Landesregierung“.

Herr Brecht, werden Sie an Weihnachten mit dem Skioverall unter dem Messgewand in der Kirche oder im Freien stehen?
Im Freien habe ich keine Gottesdienste, in Queichheim und Mörlheim haben wir welche. Das machen der Kaplan und andere Mitarbeiter, und die werden dann wärmer angezogen sein. Die Marienkirche haben wir auch schon in den vergangenen Jahren nicht über 14,5 Grad geheizt. Wir können die Heizung über Nacht laufen lassen und rechtzeitig ausschalten. Es ist erträglich, wir üben das schon seit einigen Sonntagen, und es funktioniert ganz gut.

Wie beurteilen Sie den Umgang der Politik mit den Kirchen in der Krise?
Die Situation über Weihnachten, dass Gottesdienste mit Auflagen gefeiert werden dürfen, fand ich Anfang vergangener Woche noch entgegenkommend. Zum Glück ist beim zweiten Lockdown die Religionsfreiheit nicht wieder massiv eingeschränkt worden. Ärgerlich finde ich die Salami-Taktik der Landesregierung. Jetzt kam ganz aktuell als Nachschlag die neueste Verordnung zu einer Beschränkung der Gottesdienstteilnehmer auf maximal 100 Personen über 14 Jahre. Das ärgert mich, denn wir müssen wieder Mitfeiernde mit Ticket ausladen. Hätte die Regierung diese Regelung nicht schon vergangene Woche so formulieren können? Im Bereich Kita bekommen wir fast jeden Tag eine neue Information. Das ist schon schwierig. Und für die Weihnachtsgottesdienste läuft das jetzt leider ähnlich: Oft gibt die Ministerpräsidentin oder sonst jemand eine Pressekonferenz. Ein, zwei Tage später erhält dann die Diözese die offizielle Formulierung. Die bekommen wir dann runtergebrochen per Dienstanweisung. Das hat nicht nur am Anfang zu großer Unzufriedenheit über die Kommunikation geführt.

Was muss in Ihrer Pfarrei und im Dekanat alles ausfallen?
Da haben uns die jüngsten Corona-Verordnungen vom Freitag an vielen Stellen einen Strich durch die Rechnung gemacht. Wir hatten ursprünglich mit Kinder-Krippenfeiern als Stationenweg geplant, aber das haben wir vorsorglich vor zwei oder drei Wochen schon umorganisiert. Wir haben Kinderkrippenfeiern in St. Albert und St. Maria, zwei Outdoor-Gottesdienste in Queichheim und Mörlheim, einen Gottesdienst am Schafstall in Mörzheim und die Christmetten in Queichheim, St. Albert und St. Maria. Die können alle stattfinden. Wir hatten das Hygienekonzept schon auf die neue Lage angepasst und alle Blasinstrumente durch andere Instrumente im Gottesdienst ersetzt.

Man wird nicht mal singen dürfen. Kann es ohne Stille Nacht überhaupt einen richtigen Weihnachtsgottesdienst geben?
Ich lasse singen. Ich bin selbst nicht der große Sänger und werde es genießen, dass wir in der Christmette eine wunderbare Solistin haben, Amelie Gerst. Sie wird am Flügel oder an der Orgel von Horst Christill begleitet. Amelie spielt auch Violine, da haben wir also ganz verschiedene Klänge. Ich glaube, das gibt für alle auch Gänsehaut-Feeling. Natürlich fällt es schwer, an Weihnachten nicht in Stille Nacht einzustimmen oder in die anderen Weihnachtslieder, die den Kirchenraum erschallen lassen. Das wird fehlen. Wir haben den Gottesdienst aber auch im Stream. Zu Hause kann man dann auch kräftig mitsingen.

Was raten Sie den Gläubigen – unter den gebotenen Sicherheitsvorkehrungen zu Gottesdiensten kommen, oder lieber dieses Jahr mal alles ausfallen lassen?
Wer sich unsicher ist, zu einer Risikogruppe gehört, oder Sorgen um die Gesundheit von Angehörigen hat, kann gerne zu Hause mitfeiern. Dafür gibt es das Online-Angebot. Wer in die Kirche kommt, sollte bitte rechtzeitig da sein, keine Gruppen bilden, sondern zügig reinkommen und zu den Sitzplätzen gehen. Wir haben seit dem 6. Dezember ein Sitzplansystem mit Tickets, auf denen die Bankreihe steht. Auch der Platz ist fest markiert. Wenn das zügig läuft, sind auch alle nötigen Abstände gewahrt. Im Übrigen gelten die bekannten Hygieneregeln, und wir müssen im Gottesdienst auch durchgängig Maske tragen.

Wie viele Menschen passen denn jetzt noch in die Marienkirche, und wie viele sind es normalerweise?
Normalerweise kriegen wir an Heiligabend 600 Menschen in die Kirche, mit etlichen Stehplätzen sind es mehr. Dieses Jahr dürfen wir maximal 100 Erwachsene über 14 Jahre unterbringen. Bis Freitag hatten wir noch mit etwa 180 geplant.

Was bedeutet das alles für den Kontakt zwischen Kirche und Gläubigen? Gehen da nicht auch Verbindungen verloren?
Kirche lebt vom direkten Kontakt, vom persönlichen Beisammensein. Zum Friedensgruß gehören auch die Berührungen. Andererseits glaube ich, haben wir in dieser Krisenzeit auch gelernt, dass wir in Kontakt bleiben können. Ich hätte im März nicht gedacht, dass ich mit unseren Gremien Online-Konferenzen mache oder dass wir mal bei Youtube aktiv sind und regelmäßig Gottesdienste live übertragen. Durch eine gute Kameraführung ist auch da eine gewisse Nähe da. Ich bekomme zum Beispiel als Feedback: „So nahe im Gottesdienst waren wir eigentlich selten, obwohl wir ziemlich vorne sitzen.“ Die Mimik mitzubekommen oder mit Bildern im Hintergrund auf dem Bluescreen zu arbeiten, das hat es vorher natürlich nicht gegeben. Wir haben andere Wege gefunden, aber letztendlich fehlt natürlich der persönliche Kontakt, zum Beispiel auch, beim Verabschieden nach dem Gottesdienst jedem die Hände zu reichen oder sich auch mal zu umarmen. Das sind Dinge, die notwendig wären, aber nicht möglich sind. Dafür werden alle Gottesdienstteilnehmer von einem Willkommens- und Einlassteam in Empfang genommen.

Kann das Verhältnis dauerhaft Schaden nehmen? Kann es passieren, dass die letzten Gläubigen davonlaufen?
Ich hoffe nicht. Wir haben sonntags in Gottesdiensten in der Marienkirche jetzt so etwa 120 bis 150 regelmäßige Besucher, einige weniger als zuvor. Andererseits haben wir dieselbe Anzahl, die den Gottesdienst zuhause live mitfeiert. Zwei, drei Tage später sind wir bei 700, 800 oder über 1000 Klicks. Da ist also eine Verbindung da, und wir haben auch fast bundesweit neue Menschen gewonnen. Ich hoffe, dass Kontakte nicht ganz abbrechen. Ich glaube es eher nicht. Wir Menschen suchen nach Kontakten, und wenn die wieder möglich sein werden, sind Kirche und Gottesdienst ein großartiger Ort, um sie zu pflegen.

Gibt es coronabedingte Austritte, weil das Geld knapp wird und man sich die Kirchensteuer sparen will?
Die Austrittszahlen sind 2020 so hoch wie im Vorjahr. Wir haben da um Rückmeldungen gebeten, aber die sind sehr spärlich. Ich denke aber nicht, dass finanzielle Argumente im Vordergrund stehen, sondern eher der Missbrauchsskandal und andere Dinge, die zu schaffen machen. Wer seinen Job verloren hat, muss keine Steuern zahlen und somit auch keine Kirchensteuer.

Noch mal kurz zurück: Sie können mit der Form des Fernsehgottesdienstes relativ gut leben, obwohl es in der Regel nicht die eigene Gemeinde ist, die man da sieht.
Deswegen machen wir das selbst. Das war für uns quasi eine Marktlücke, die wir da entdeckt haben. Wir haben schon am ersten Sonntag nach dem Lockdown Mitte März die Gottesdienste aufgezeichnet und dann über Nacht geschnitten – eine Sendeminute zehn Arbeitsminuten. Da habe ich dann bis nachts um drei oder vier Uhr vor dem Rechner gesessen. Vor Palmsonntag hatte ich dann meinen Mieter Benedikt Ockel gefragt – er ist Erzieher in Ausbildung –, ob wir das nicht auch live hinbekommen. Seitdem gehen wir jeden Sonntag auf Sendung. Mit meinem engagierten und kreativen Team bereitet das viel Freude. Wir sind als Pfarrei präsent bei den Menschen, und die Zuschauer- und Abonnentenzahl spricht dafür, dass das Angebot auch genutzt wird. Wir haben auch einen digitalen Adventskalender und zwei schöne Angebote mit Kinder- und Jugendchören aus dem Dekanat, die Advents- und Weihnachtslieder aufgezeichnet haben. Wenn ich nur auf fremde Kanäle und Angebote verweisen müsste, wäre das schade.

Sind die Pfarrer mehr gefordert, weil die Menschen Zukunftsängste haben und Trost suchen, oder scheuen die Gläubigen ohnehin jeden persönlichen Kontakt?
Sowohl als auch. Beratungsgespräche, Seelsorgegespräche gibt es nach wie vor, wir haben Räume, wo wir das mit Abstandsregeln machen können. Mein Team hat aber sehr vieles auch telefonisch gemacht, um mit Menschen in Kontakt zu bleiben. Es gibt jetzt auch viel mehr Mailkontakt, wo Menschen ausführlicher schreiben und ich ebenso antworte. Es hat sich also verlagert. Was mir fehlt, sind die spontanen Kontakte oder die Nähe zum Beispiel bei Gemeindefesten. Das fehlt mir sogar massiv, aber das geht allen gesellschaftlichen Gruppen so.

Ist jetzt mehr Seelsorge nötig, weil sich die Leute Sorgen machen um die eigene Gesundheit, um Familie oder Beruf?
Wir spüren, dass es gesellschaftlich große Probleme gibt, gerade was Arbeitslosigkeit angeht. Wir merken Existenzsorgen. Es sind Alleinerziehende oder Familien in prekären Verhältnissen, die besonders leiden. Der wirtschaftliche Schaden wird wohl schneller behoben sein als der seelische Schaden.

Wie steht es bei Senioren und in Seniorenzentren? Ist dort überhaupt noch Seelsorge möglich – und vor allem Sterbebegleitung?
Der Frühjahrslockdown hat gezeigt, dass es unmenschlich ist, die Menschen allein, isoliert, sterben zu lassen. Beim Altenzentrum in unserer Pfarrei ist Diakon Maas regelmäßig vor Ort und hält die Kontakte zu den Bewohnern. Ich hatte auch schon intensivere Gespräche, wo ich gefragt worden bin, ob ich vorbeikommen könnte für eine Krankensalbung oder ein längeres Gespräch, und das habe ich natürlich auch wahrgenommen. Wir schaffen das. Aber es ist natürlich schwieriger als zuvor, auch für die Krankenhaus-Seelsorge. Man kann ja nicht einfach mal reingehen. Wenn wir gerufen werden, kommen wir natürlich – auch nach Hause.

Also kein Rückzug aus diesem sensiblen Bereich?
Auf keinen Fall. Wenn wir gefragt werden, versuchen wir, alles möglich zu machen.

Haben Sie eigentlich auch mit Coronaleugnern zu tun oder sind die Menschen in den Kirchen eher reflektiert und nicht so angstgetrieben?
Da habe ich leider keine Kontakte. Manchmal habe ich was im Briefkasten, aber ohne Absender oder Telefonnummer. Das finde ich schade. Wer sich in der Kirche engagiert, geht in der Regel auch sehr verantwortungsvoll mit der Situation um. Ich habe nicht den Eindruck, dass bei uns viele Coronaleugner wären.

Jeder will sein altes Leben wiederhaben. Gibt es bei Ihnen Diskussionen darüber, in welcher Reihenfolge nun geimpft werden soll?
Das, was die Ethikkommission erarbeitet hat, finde ich ganz wichtig: dass zunächst die über 80-Jährigen in den Pflegeheimen und das Personal dort geimpft werden sollen, Man hört jetzt einige Interviews, wo bestimmte Gruppen sagen, dass sie früher dran sein müssten, aber wir sollten da nicht drängeln. Wir brauchen noch etwas Geduld.

Was halten Sie davon, dass die Reihenfolge nicht vom Parlament beschlossen, sondern von Gesundheitsminister Spahn per Verordnung geregelt wurde?
Hätte man auch per Parlament machen können, aber in der Ethikkommission, die der Bund eingerichtet hat, ist viel Expertise drin. Ob eine Lobbygruppe, die im Bundestag vertreten ist, Sachargumente vorbringt oder doch eher eigene Interessen verfolgt, ist ja auch die Frage. Ich hätte mir in vielen Bereichen mehr Demokratie gewünscht, aber nicht jede demokratische Entscheidung ist auch automatisch besser. Insgesamt, so ist mein Eindruck, sind wir sehr gut durch die Krise gekommen.

Info

www.kirchelandau.de

www.youtube.com/c/marienkirchelandau

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