Landau Kein Zuckerschlecken
Die Jahre zwischen 1920 und 1960 waren in Deutschland kein Zuckerschlecken. Und es gibt immer weniger Zeitzeugen, die darüber berichten können. Weil ihre Erinnerungen auch ein Stück Kultur- und Gesellschaftsgeschichte darstellen und keineswegs nur düster sind, hat der Herxheimer Sozialisations- und Biografieforscher Hermann Laux, selbst Jahrgang 1950, die Erinnerungen von 15 „Kriegs -und Nachkriegskindern unserer Region“ in seinem Buch „Leben in schweren Zeiten“ dokumentiert und mit eigenen Beiträgen aufschlussreich analysiert.
Einmal Kriegszeit – zweimal Nachkriegszeit! Was haben die Menschen damals erlebt? Was hat sie geprägt? Was im Dorf und in der Stadt über die reine Politik hinaus geschah, was im Alltag nützlich, was zwischenmenschlich wichtig, was außergewöhnlich oder selbstverständlich war, wird in den Zeitzeugenberichten offenbar, die Hermann Laux mit wissenschaftlichem Ansatz und heimatverbundener Neugierde besonders für die Menschen der Region zusammengetragen hat. Fünf Jahre hat dieses Projekt, das viele Gespräche und Interviews bündelt, in Anspruch genommen, jetzt ist das eigenfinanzierte Buch aus dem Druck gekommen. Und wenn es – abgesehen von den gleichen geschichtlichen Eckdaten – einen gemeinsamen Nenner unter all den Einzelschicksalen gibt, dann sei das die erstaunliche Tatsache einer spürbaren Dankbarkeit und Heimatverbundenheit, hat der ehemalige Privatdozent an den Universitäten Landau-Koblenz und Saarbrücken herausgefunden. Denn alle Menschen – Stadt- wie Dorfbewohner, Akademiker wie Landwirte, Männer wie Frauen – die er für dieses Projekt befragte, hätten die Region in der sie leben und die Pfälzer Mentalität, die sie prägte, als beglückende Bereicherung und Gewinn empfunden. In diesem Sinne stellt Heide Metz, Jahrgang 1941, fast symbolisch klar: „Ich geh’ aus Isem nimmi naus.“ Ihre ganze Familie hat seit Generationen in Insheim gelebt, geliebt, gelacht und manche schlimme Nacht durchwacht – etwa als die Schwester früh an Diphtherie starb. Kinderarbeit war unter der Prämisse „Heut„ gehscht mol mit zum Bauer“ auch selbstverständlich. „Wir haben Tabakpflanzen gesetzt, Tabak eingelesen ... Auch Kartoffeln mussten wir ausmachen „bei der Dick- und Zuckerrübenernte helfen und am Dreschtag mit anpacken“ gibt sie kund. Spezielle Beobachtungen zur Situation in Insheim am Ende des Zweiten Weltkrieges kann man den schriftlichen Aufzeichnungen von Prälat Nikolaus Lauer und Toni Stritzinger entnehmen, die beide verstorben sind. Da ist auch vom Hunger, vom Einmarsch der Amerikaner und von dem ersten „Neger“ die Rede, den die erschrockenen Insheimern zu Gesicht bekamen. Oder Dorothea Sertel (Jahrgang 1932) berichtet, dass die Stube ihres Urgroßvaters in Freckenfeld noch mit Kienspänen beleuchtet wurde und die Urgroßmutter auf dem Webstuhl das selbst gesponnene Flachs verarbeitete. Werner Story (1927 bis 2016) aus Annweiler tauschte beim Bäcker Pferdemist gegen Süßigkeiten und Karl Hoffmann (Jahrgang 1950) hat in Kapellen-Drusweiler schon die ersten Wirtschaftswunderjahre nach dem Zweiten Weltkrieg erlebt. Info —Hermann Laux „Leben in schweren Zeiten – Wie es früher war: Kriegs- und Nachkriegskinder erzählen. Zeitzeugenberichte, Dokumente, Fotografien, 19 Euro, zu erwerben bei Papier & Schreibwaren Müller, Herxheim. Lesungen können direkt mit dem Autor ausgemacht werden, Telefon: 07276 7925. —Lesungen sind am 14. September, 14.30 Uhr, Rathaussaal Freckenfeld; 10. Oktober, 14 .30 Uhr, Seniorenzentrum Hagenbach; 11. Oktober, 14 Uhr, Bürgerhaus Winden.