Landau RHEINPFALZ Plus Artikel Die Gemeinsamkeiten von Michel Bréal und Thomas Nast

Thomas Nast
Thomas Nast

Es sind wohl die beiden bekanntesten Söhne Landaus: Sprachwissenschaftler und Marathon-Erfinder Michel Bréal und Karikaturist Thomas Nast. Beide haben als Kinder die Stadt verlassen – und sie haben noch mehr gemeinsam.

Bereits zu ihren Lebzeiten erlangten die beiden großen Söhne der Stadt Landau, Michel Bréal und Thomas Nast, internationale Berühmtheit: Nast, der herausragende Karikaturist, Bréal der renommierte Sprachwissenschaftler und Erfinder des neuzeitlichen Marathonlaufs. Wirft man einen Blick in ihre Vita, entdeckt man trotz ihrer unterschiedlichen Wirkungsfelder interessante Gemeinsamkeiten.

Beide Familien gingen wegen finanzieller Sorgen

Ihre Geburtshäuser im Stadtzentrum stehen in unmittelbarer Nachbarschaft, nur einen Steinwurf voneinander entfernt. Am 26. März 1832 wurde Bréal im Böckingschen Haus geboren, Nast am 26. September 1840 in der Roten Kaserne. Beide verbrachten den Großteil ihrer Kindheit in ihrer Heimatstadt. Begegnen konnten sich die Jungs jedoch nicht, da Bréal Landau bereits im Jahr 1841 als Neunjähriger verließ. Nast war da gerade mal ein Jahr alt.

Nur ungern verließen die Jungen ihre Heimatstadt. Schwierige Lebenssituationen, vor allem finanzielle Sorgen, veranlassten die Familien zur Ausreise oder Auswanderung. Der geringe Lohn von Nasts Vater als Militärmusiker in einem in Landau stationierten königlich-bayerischen Regiment reichte nicht aus, die Familie zu ernähren. Nach dem allzu frühen Tod von Bréals Vater im Alter von 49 Jahren geriet seine Mutter in finanzielle Not.

Beide brachen ohne Väter auf

Der Weg beider Familien führte bei der Ausreise nach Frankreich. Als Militärmusiker stand Nasts Vater noch unter Vertrag der bayerischen Krone und konnte erst drei Jahre später nach New York übersiedeln. Folglich brachen beide Mütter ohne Väter und nur mit ihren Kindern nach Frankreich auf. Familie Nast fuhr in einer Kutsche, Familie Bréal wohl mit Mobiliar in einem Pferdefuhrwerk.

Für Michel Bréal wurde das Nachbarland zur neuen Heimat mit Stationen in Weißenburg, Metz, der Geburtsstadt seiner französischen Mutter, und letztlich Paris. Apollonia Nast, Thomas und seine Stiefschwester erreichten über Weißenburg, Straßburg und Paris die Hafenstadt Le Havre. Dort gingen sie an Bord eines Dreimastseglers. Ihre 38-tägige Schiffsreise über den Atlantik führte sie mit Hunderten weiterer Auswanderfamilien in die USA und nach New York.

Beide nahmen eine neue Nationalität an

Bei ihren Verwandten in Weißenburg erhielt Bréals Mutter als Witwe die notwendige finanzielle Unterstützung. Familie Nast verfügte nach der Ankunft des Vaters, der in einem renommierten New Yorker Orchester eine Anstellung fand, über ein solides Einkommen. Die Hoffnung auf ein besseres Leben in einem anderen Land hatte sich für beide Familien erfüllt.

In der Pfalz zur damaligen Zeit als Untertanen der bayerischen Monarchie geboren, nahmen Nast wie Bréal eine neue Nationalität an. Nast wurde Amerikaner, Bréal Franzose. Freunden und Bekannten berichteten sie gelegentlich von ihrer Kindheit in Landau. Vieles ist ihnen in Erinnerung geblieben. Bréal würdigte den Unterricht in einer Landauer Elementarschule (vergleichbar mit einer Grundschule), der ihm die Grundlage für seine Bildung gelegt habe. Die Gedanken von Nast kehrten in die Vorweihnachtszeit zurück, als der Nikolaus auch die Soldatenkinder in der Roten Kaserne besuchte.

Beide setzten sich für Menschen ein

Internationale Berühmtheit erlangten beide in Metropolen: New York und Paris. Bréal gilt als Begründer der Semantik in ihrer heutigen Bedeutung. Auf die Ideen und Ergebnisse seiner Forschung über sprachliche Zeichen und Symbole greifen Sprachwissenschaftler noch heute zurück. Zudem gilt er als Vater des Marathonlaufs. Nast gilt als Vater der politischen Karikatur in den Vereinigten Staaten.

Beide versuchten, Positives zu erreichen. Als Botschafter einer humanistischen Gesinnung kämpfte Nast mit spitzer Feder gegen die Benachteiligung und Ausgrenzung nicht-weißer Minderheiten. Beharrlich trat Bréal für eine Versöhnung und Verständigung von Deutschen und Franzosen ein.

Beide liebten die Antike

Und beide verband die Liebe zur europäischen Antike. Das leidenschaftliche Interesse von Bréal galt antiken Sprachen und Mythen. Er erwies sich als Kenner der römischen und griechischen Götter-und Sagenwelt. Nast verdankte sein Wissen vorwiegend den historischen und literarischen Kenntnissen seiner Frau Sarah. Mit der von ihm angeregten Aufnahme eines Marathonlaufs in die olympischen Disziplinen setzte Bréal dem historischen Lauf eines Griechen nach einer im Jahr 490 v. Chr. gewonnenen Schlacht gegen die Perser ein weltweit verbreitetes sportliches Denkmal. Nast setzte in zahlreichen Illustrationen zum politischen Geschehen, meist Allegorien, römische Gottheiten in Szene. So beklagt Göttin Justitia die Korruption im Land und proklamiert an anderer Stelle, dass der Weg zum Frieden nur über Gerechtigkeit führt. Sie schwingt das Schwert der Rache gegen den weißen Mob wegen mehrerer Massaker an der chinesischen Bevölkerung in den Jahren 1885/1886.

Bréal im Stadtbild nicht vertreten

Auf dem Höhepunkt ihres Wirkens begegneten Nast wie Bréal Persönlichkeiten aus Sport und Politik, die Geschichte schrieben: Bréal dem Begründer des Internationalen Olympischen Komitees, Baron Pierre de Coubertin, mit dem ihm eine langjährige Freundschaft verband. Nast pflegte Kontakte zu den von ihm unterstützten republikanischen Präsidenten Abraham Lincoln, Ulysses S. Grant und Theodor Roosevelt, die seine journalistische Tätigkeit mehrfach würdigten.

Ihre letzte Ruhestätte fanden die beiden berühmten Landauer in den Städten, in denen sie mehrere Jahrzehnte lebten und wirkten: Thomas Nast in New York, Michel Bréal in Paris.

In ihrer Geburtsstadt sind Straßen nach ihnen benannt. Ihre Büsten stehen nicht weit voneinander entfernt, im Böckingschen Haus (Bréal) und im Rathaus (Thomas Nast). Im Innenhof der Roten Kaserne, dem Geburtshaus von Nast, erinnert ein gerolltes Zeitungsblatt aus Cortenstahl mit eingelaserten Titeln seiner Karikaturen an den berühmten Landauer. Aber nach Michel Bréal sucht man im Stadtbild Landaus vergebens. Mit einer Statue oder Büste könnte der zweite große Landauer an einem geeigneten Ort, in der Nähe seines Geburtshauses oder am Eingang des Stadions, eine weitere ihm gebührende Würdigung erfahren.

Michel Bréal
Michel Bréal
Nast nahm die Klimadebatte vorweg.
Nast nahm die Klimadebatte vorweg.
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