Landau / Bad Bergzabern
Demo und Gedenken an Reichspogromnacht
Es war ein Spiegelbild unserer polarisierten Gesellschaft, was man da am Samstagvormittag auf dem Danziger Platz beobachten konnte. Die in großen Teilen gesichert rechtsextreme AfD hatte einen Infostand angemeldet. Und stieß auf entschlossenen Widerstand. Das Ungewöhnliche an diesem Tag: Wo die Polizei bei größeren Demonstrationen Links und Rechts möglichst weit auseinander hält, konnten dieses Mal Nationalisten, Antifa und bürgerliche demokratische Kräfte auf Tuchfühlung gehen.
Auf einer erhöhten Stelle stehen etwa 30 Personen aus dem linksradikalen Antifa-Spektrum, vermummt und hinter Transparenten versammelt. Sie stehen da, wo die AfD heute eigentlich ihren Infostand aufstellen wollte. Vor ihnen eine Reihe Polizisten, und nur wenige Meter weiter rund 30 Anhänger der Rechten. Unter ihnen auch die Bundestagsabgeordneten Bernd Schattner und Nicole Höchst.
Hämisches Augenrollen
Wiederum ganz nah dran, auf der anderen Seite, hat sich eine Reihe der Omas gegen Rechts aufgestellt. Sie stehen mit dem Rücken zu den Rechten und strecken ihnen ihre Regenschirme entgegen. Vor ihnen um die 100 weitere Personen, die sich wie die „Omas“ der gesellschaftlichen Mitte zurechnen und Position gegen Rechtsradikalismus beziehen wollen.
Die Stimmung ist insgesamt friedlich. Die politischen Gegner begegnen sich jeweils mit hämischem Grinsen und Augenrollen. Ab und zu knistert es aber auch. Alle Seiten haben Fotografen und Filmer, die die jeweils anderen aufzeichnen. Alle beschweren sich, dass der Gegner dasselbe tut.
„Klarer Geschichtsrevisionismus“
Als eine der Omas gegen Rechts mit den AfD-Leuten ins Gespräch kommt, richtet RHEINPFALZ-Fotograf Björn Iversen seine Kamera auf die Szene. Er wird von einem Afd'ler angegangen, der ihm das Motiv versperrt. Es entsteht ein kurzes Streitgespräch. „Wir haben nichts gegen die Rheinpfalz, aber der Ton macht die Musik!“, so der Mann. „Hier laufen einen Haufen Leute rum, die uns filmen.“ Der vermeintliche falsche Ton war die Aufforderung Iversens, er solle ihm nicht auf die Pelle rücken. Später filmt der Mann in den Antifa-Block hinein und beschimpft die Demonstranten.
Warum ist die AfD heute hier? Wie Nicole Höchst sagt, gelte es, an einen historischen Tag in der deutschen Geschichte zu erinnern. Am 9. November habe es nicht nur die Reichskristallnacht – „natürlich schlimm!“ - gegeben, sondern auch die Novemberrevolution 1918 und den Fall der Mauer. „Dieses Datum soll nicht nur zugedeckt sein durch die Reichspogromnacht“, so die Speyererin. Gedanken an die „Vogelschiss“-Aussage von Alexander Gauland drängen sich auf. Ein Redner auf der anderen Seite sagt später: „Allein der Versuch, hier den Fokus zu verschieben, ist ganz klarer Geschichtsrevisionismus.“
AfD: „Sind keine Fans des Nationalsozialismus“
Höchst sagt, dass ihre Großeltern seinerzeit eine Jüdin versteckt hätten. Indessen wird auf der Seite des bürgerlichen Gegenprotests eine Liste der Landauer Opfer der Reichspogromnacht verlesen. Es sei eine Verhöhnung der Opfer, ihre Partei mit den Nazis in Verbindung zu bringen, findet Höchst. Sie behauptet: „Wir sind noch nicht mal Fans“ des Nationalsozialismus.
Björn Eisenmann vom Verein für Toleranz und Menschlichkeit sagt in seiner Rede, der Antifaschismus habe viele Ausdrucksformen, die alle notwendig, und alle berechtigt seien. „Es kann nicht sein, dass eine Partei, die von unserem Oberbürgermeister als Nazipartei bezeichnet wird, hier einfach stehen kann. Da müssen wir widersprechen, müssen widerstehen.“
Trotz der brisanten Gemengelage bleibt es relativ friedlich. Nur nach etwa 45 Minuten droht die Lage kurz zu kippen. Die Polizei entschließt sich, die Antifa einzukesseln und sie einige Meter beiseite zu schieben, um der AfD ihren Infostand doch noch zu ermöglichen. Zuvor hatten die Linken das blockiert. Bis auf ein paar Schubsereien zwischen Antifa und Polizei passiert aber nicht viel. „Deutsche Polizisten schützen die Faschisten!“, tönt es aus dem linken Block. Die andere Seite pöbelt: „Die schützen euch! Glaubt ihr, ich hab Angst vor euch?“ Der Infostand steht schließlich.
Fast Nase an Nase halten sich beide Seiten ihre Transparente entgegen. Ein letzter Stich kommt aus dem Antifa-Block, als ein Sprecher sich an die bürgerlichen Mitstreiter richtet. „Nach über 45 Minuten hat die Polizei nun den Infostand in der hintersten Ecke des Platzes durchgesetzt. Aber wie ihr seht, hier kommt keine Sau vorbei. Die AfD steht in der Ecke und guckt dumm aus der Wäsche.“
Gedenkfeier in Landau
Würedevoller geht es hingegen auf der offiziellen Gedenkfeier im Landauer Zentrum am Synagogen-Mahnmal zu. Sie beginnt mit Stille. Acht Jugendliche bilden eine Reihe, stehen mit dem Rücken zur Straße vor dem Synagogen-Denkmal. Leise erklingt ein tiefer Ton, schwillt an, rhythmisches Trommeln, die Jugendlichen drehen sich um, bewegen sich im Zeitlupentempo auf die Menschengruppe, die sie beobachtet.
Die Musik wird lauter. Eine männliche Stimme singt: „Es kommt vor, dass ich meine, dass etwas klirrt, dass sich irgendetwas in mich verirrt. Ein Geräusch, nicht einmal laut. Manchmal klirrt es vertraut. Selten so, dass man es direkt durchschaut – Kristallnaach“. Es ist der Anfang des gleichnamigen Lied der Kölner Band BAP.
Spiel gibt Opfern Namen
Die Musik bricht ab, die Jugendlichen murmeln: „Steine suchen“, „Steine suchen“. „Welche Steine?“ – „Stolpersteine“. Die Jugendlichen erstarren in ihren Bewegungen, eine Stimme ruft: „Arisierung – Ent-Judung“. Die anderen Jugendlichen stimmen ein.
Sie erzählen vom Schicksal der jüdischen Familien Wertheimer, die ihr Weiß- und Wollwarengeschäft an die Firma Gauer verkaufen mussten, der Bäckereifamilie Mayer in der Gerberstraße, deren Geschäft von der Mörlheimer Familie Doppler übernommen wurde oder vom Uhrenwarengeschäft der Familie Österreicher in der Marktstraße, das der Goldschmiedemeister Arthur Lehmann weiterführte.
Geißler: Juden wollen unsichtbar bleiben
Das Spiel der acht Jugendlichen gab den Menschen, die vor 86 Jahren unter dem Pogrom der Landauer litten, Namen und Gesichter. Schweigend gedachten die rund 250 Menschen, die gekommen waren, den Opfern des Pogroms, die sich, das machte das Spiel der Schüler der Integrierten Gesamtschule deutlich, sehr wohl wehrten, aber letztlich bleib ihnen nur die Flucht, das Verhungern in Gurs oder die Ermordung in Dachau, Theresienstadt oder Auschwitz.
Oberbürgermeister Dominik Geißler dankte Maya Clancy, Aimy Job, Romy Kirsch, Paul König, Aileen Lauth, Emi Molter, Markus Müller und Lucia Zimmermann, die gemeinsam mit Schulleiter Ralf Hauck dieses szenische Spiel entwickelt und aufgeführt haben. „Jüdisches Leben“, erklärte Geißler, sei augenblicklich in Landau nicht sichtbar. Und er verstehe vor dem Hintergrund der aktuellen antisemitischen Ausschreitungen, dass Juden unsichtbar bleiben wollten.
Dekan: Jesus war Jude
Stiftskirchen-Dekan Volker Janke verwies auf die aktuelle Ringvorlesung in diesem Wintersemester an der Landauer Universität zum Thema „Antisemitismus“, die auch die Wurzeln dieses „Giftes“ in den neutestamentlichen Schriften aufdeckt. Die antisemitischen Ausführungen im Matthäus- und Johannes-Evangelium entfalteten im Mittelalter und in der frühen Neuzeit ihre tödliche Wirkung. Dieses antisemitische Gift könne nicht die Worte Jesu sein, erklärte Janke, denn Jesus sei ein gläubiger Jude gewesen, der die Texte seines Glaubens kannte. Der keinen Judenhass gesät habe.
Gedenkfeier in Bad Bergzabern
Deutliche Worte fand Stadtbürgermeister Hermann Augspurger in Bad Bergzabern am Gedenkstein für die einstige Synagoge der Stadt an der Marktkirche, die bei den Pogromen vor 86 Jahren in einer Nacht von den Nazis kurz und klein geschlagen wurde. „Sind wir verrückt geworden?“, so Augspurger zu aktuellen Bildern, auf denen Menschen jüdischen Glaubens in Amsterdam auf der Straße gejagt wurden. „Ich bin erschüttert und fassungslos“, so Augspurger zu den Szenen, die er im Fernsehen gesehen habe. Und zu der Propaganda, die rechte Parteien wieder verbreiten würden. Es sei wie damals, so Augspurger. Seine Bitte an die rund 70 Menschen, die auf Einladung der SPD-Ortsgruppe zur Gedenkveranstaltung gekommen waren: „Reden sie mit anderen, denn den Kopf einziehen, das hatten wir schon mal, das wollen wir nicht mehr.“
Dass die Rechten in Deutschland wieder erstarken, sieht auch Landrat Dietmar Seefeldt mit Sorge. „Hass und Hetze greifen um sich, die Rechten erstarken in Europa“, so Seefeldt. Erinnerungskultur sei wichtig, auch die kleinen Dinge. Wie der Gedenkstein für die völlig zerstörte Synagoge in Bad Bergzabern oder Stolpersteine andernorts, die an grausame und schreckliche Dinge erinnerten. „Nie wieder ist jetzt“, so Seefeldt.
„Darf nicht sein, dass Juden sich nicht sicher fühlen“
„Es gibt kaum Tage, an denen die hellen und dunklen Seiten unserer Geschichte so nah beieinander liegen wie heute“, erinnerte Dekan Dietmar Zoller einerseits an die friedliche Revolution des Mauerfalls vor 35 Jahren und an den 9. November vor 86 Jahren als „Deutsche die Würde und die Rechte ihrer Mitbürger jüdischen Glaubens mit Füßen getreten, sie tätlich angegriffen und sie grundlos zusammen getrieben und verhaftet haben“.
„Es darf nicht sein, dass Menschen jüdischen Glaubens sich in unserem Land nicht mehr sicher fühlen. Es darf auch überhaupt nicht sein, dass irgendjemand, ganz gleich welcher Herkunft, Religion, Nationalität oder Geschlecht abwertend behandelt wird. Und doch ist es so“, so Zoller. Den Boden, auf dem Schlimmeres wachsen könne, bildeten auch die hitzigen Debatten im Land und der verächtliche Umgang mit Geflüchteten.