Landau
Debatte um Straßennamen: Was die Protestanten zu Hans Stempel sagen
Es wird immer konkreter in der Debatte um einige Straßennamen in Landau: Die Bürgerbeiteiligungsveranstaltung im Bethesda in der kommenden Woche wirft ihre Schatten voraus. Konkret wird es um die Hindenburg-, die Kohl-Larsen- und die Hans-Stempel-Straße gehen, bei denen das Stadtarchiv eine Umbenennung empfohlen hat. Diskutiert wurde im Vorfeld viel – aber eine Frage blieb bisher offen: Wie positioniert sich eigentlich die Protestantische Kirche in der Frage, ob der Name der Hans-Stempel-Straße im Wohnpark am Ebenberg beibehalten werden soll oder nicht? Immerhin war Stempel fast 20 Jahre lang Präsident der Evangelischen Kirche der Pfalz, er hat in Landau gewirkt und er ist hier 1970 auch gestorben.
Wie die Kirche darüber denkt, wollten auch andere wissen, räumen die Kirchenvertreter Volker Janke, Dekan des Protestantischen Kirchenbezirks Landau, die beiden Pfarrer Heike Messerschmitt und Jürgen Leonhard sowie Christoph Picker, Pfarrer und Direktor der Evangelischen Akademie der Pfalz, unumwunden in ihrer gemeinsamen Positionierung ein. Dieser merkt man an, dass sich die Landauer Kirchenvertreter die Abwägung nicht einfach gemacht haben – und dass sie keine klare Position ergreifen. Sie geben Pros und Contras an die Hand.
Denn: In Hans Stempels Leben gab es Licht- und Schattenseiten, stellen Janke und Co. fest. In der Südpfalzmetropole und weit darüber hinaus war er ein anerkannter, respektierter Mann, nicht nur als Gemeindepfarrer. Das zeigt auch, dass der damalige Bundespräsident Gustav Heinemann der Beisetzung Hans Stempels beigewohnt hat. In der NS-Zeit fungierte er als Vorsitzender der Pfälzischen Pfarrbruderschaft, die zeitweise in Opposition zu den Deutschen-Christen und zum NS-Landesbischof Ludwig Diehl trat, argumentieren die Protestanten weiter.
Nach 1945 sei Stempel „wesentlicher Motor für den Aufbau partnerschaftlicher Beziehungen zum englischen und französischen Protestantismus“. Im deutsch-französischen Bruderrat habe er zu den prägenden Persönlichkeiten gehört und „war so einer der Wegbereiter der deutsch-französischen Freundschaft“. Die Wiederbewaffnung der Bundesrepublik habe er öffentlich kritisch eingeordnet. Auch für die Gleichberechtigung habe er sich eingesetzt: Während Stempels Amtszeit ist in der Kirche der Pfalz die Ordination von Frauen eingeführt worden.
Seine Verfehlungen hat eine von der Protestantischen Kirche angestoßene und finanzierte Forschungsarbeit herausgearbeitet. Dabei geht es vor allem um Stempels Engagement für im Ausland inhaftierte NS-Täter, nicht Kriegsgefangene. Dabei ging, wie der Historiker Nicholas Williams („Die Gefangenen leiden sehr unter ihrer Lage“, Kohlhammer-Verlag 2023) aufgearbeitet hat, Stempel weit über die seelsorgerische Begleitung hinaus, er hat sich im Lauf der Zeit an die Seite der Täter gestellt und das Leid der Opfer ignoriert. Das ist den Vertretern der Protestantischen Kirche auch bewusst, sie sprechen es deutlich an. „In seinem Engagement für verurteilte NS-Täter ist das Mitgefühl für diese Menschen erkennbar. Dabei stellte er die Perspektive der Opfer in die zweite Reihe, womit er diesen angesichts des erlittenen Unrechts nicht gerecht wurde. Dies wirft einen großen Schatten auf sein Wirken.“
Stempel habe sich um materielle Hilfe für die Inhaftierten und deren Familien gekümmert – „auch mithilfe des revisionistischen Vereins Stille Hilfe“. Zudem habe sich der Protestant für die Verbesserung der Haftbedingungen und die Aussetzung von Todesstrafen eingesetzt. Gnadengesuche der Täter habe er unterstützt und ihnen nach der Entlassung bei der Suche nach Arbeitsplätzen geholfen. „In späteren Jahren war ihm die Freilassung aller Verurteilten ein Anliegen, unabhängig von der Schwere der Schuld und erkennbaren Zeichen der Reue.“
Janke, Messerschmitt, Leonhard und Picker sehen Stempel mit seiner Haltung „als typischen Vertreter der kirchlich und politisch Handelnden der frühen Bundesrepublik“, heißt es in der Positionierung. Ihm und seiner Generation halten sie die Prägung durch den Nationalismus des 19. und des frühen 20. Jahrhunderts zugute, „dass sie vor dem Hintergrund der Erfahrungen der NS-Zeit durch die Stärkung der gesellschaftlichen Bindekräfte nach 1945 die Grundlagen für den Erfolg der jungen Demokratie legten und somit die Voraussetzungen schufen für das Wachsen der freiheitlich-demokratischen Gesellschaft, in der wir heute leben“. Ebenfalls hervorgehoben wird sein Einsatz für den Frieden und die europäische Ökumene. Aber: „Die kritische Aufarbeitung der NS-Vergangenheit hat er eher gehemmt als gefördert. Stempel bleibt deshalb eine ambivalente Persönlichkeit mit nicht zu leugnenden Schattenseiten.“
Einen Aspekt werfen die Protestanten noch ein: Stempels Engagement für NS-Täter sei bereits vor zehn Jahren bei der Straßenbenennung schon bekannt gewesen. Das hatte das Stadtarchiv bereits eingeräumt und als Fehler bezeichnet. „Ob angesichts dessen der Entzug der Ehrung durch eine Umbenennung angemessen ist oder als unangemessene Diskreditierung von Hans Stempel zu bewerten wäre, entscheiden die Landauer Stadtgesellschaft und der Stadtrat“, enden Janke, Messerschmitt, Leonhard und Picker.
