Landau
Bertha Levy: Landauerin „Mutter“ der New York Times
Eine große Karriere begann am 3. Dezember 1833 in Landau: Bertha Levy wurde geboren. Das Kind des 30-jährigen Schneiders Joseph Levy und seiner Ehefrau Regina Kahn wird ins Geburtsregister eingetragen. Aus der Landauer Judengasse, „dem goldenen Apfel gegenüber“ ging es alsbald hinaus in die weite Welt. Doch der Reihe nach.
Die Mutter, Regina Kahn, entstammte einer angesehenen Mannheimer Familie. Vater Joseph wurde vom Schneidermeister zum „Marchand-Tailleur“. Sein Geschäft in der Marktstraße ging sehr gut. Das erlaubte den Eltern, Bertha nach der Schulzeit auf ein Mädcheninstitut in Heidelberg zu schicken.
Levy ist bei der Revolution dabei
Doch im Heidelberg des Jahres 1848 brodelte es – die badische Revolution brach aus. Am 5. März versammelten sich im Gasthaus Badischer Hof liberale und demokratische Politiker und forderten eine gesamtnationale Vertretung Deutschlands und Wahlen zu einer Nationalversammlung. Am 17. Juli begann der „Studentenauszug“. Die Studenten marschierten nach Neustadt. Sie trugen die schwarz-rot-goldene Fahne, protestierten gegen staatliche Willkür und Überwachung und forderten Pressefreiheit und die Republik. Reaktion und Zensur folgten auf dem Fuße: Die demokratische Studentenvereinigung und andere demokratische Vereine wurden verboten. Bald kam es zu gewalttätigen Auseinandersetzungen und Toten.
Ereignisse, die auch an Bertha Levy nicht vorbeigingen. Sie war in ein revolutionäres Komitee eingetreten und hatte eine Rede gehalten. Demonstrativ tauchte sie ihr Taschentuch in das Blut eines getöteten Kameraden, um damit ihre Solidarität für die Sache der Aufständischen zu manifestieren. Die Folge: Bertha wurde des Instituts verwiesen. Um einer Verhaftung zu entgehen, organisierte ihr Vater die Flucht der 15-Jährigen in die Vereinigten Staaten.
Familie wiedervereint
In Natchez/Mississippi kam sie bei ihrem Onkel Jacob Levy unter, der 1841 über New Orleans nach Natchez ausgewandert war. Jacob Levy war Schneider und führendes Mitglied der jüdischen Gemeinde Natchez. 1851 lernte Bertha in Natchez Julius Ochs kennen. Julius, jüngster Sohn eines wohlhabenden Diamantenhändlers, war 1826 als Julius Ochsenhorn in Fürth geboren. Die Ausbildung an einer Kadettenschule in Köln musste er auf Druck der Familie abbrechen, 1844 wanderte er in die USA aus. Julius arbeitete in vielen Berufen, er war unstet. Als Wanderhändler in Mississippi unterwegs, verliebte er sich in die Landauerin, aber sein kurzer Aufenthalt reichte nicht, um eine tiefere Beziehung herzustellen. Zunächst. Aber auch in Landau tat sich was.
1853 wurde die Familie in Natchez wiedervereint – Levy verkaufte seinen Besitz in Landau und siedelte über. Wenn auch nicht unter glücklichsten Umständen. Inzwischen war Bertha am Gelbfieber erkrankt. Ihr Leben hing an einem seidenen Faden – konnte aber gerettet werden. 1854, als Julius Ochs geschäftlich in Natchez weilte, traf er auf eine völlig gesunde Bertha Levy. Anlässlich des Versöhnungsfestes Yom Kippur 1855 verlobten sie sich, am 1. März war die Hochzeit.
Eine persönliche Tragödie
Julius Ochs stand auf Seiten der Union und verabscheute den Sklavenhandel und die Sklaverei. Aus der rebellischen Schülerin Bertha dagegen war eine überzeugte, unnachgiebige Anhängerin der Konföderierten geworden – und sie war Kapitel-Mitglied der Daughters oft he Confederacy geworden. Hatte das mit der Enttäuschung über die Niederschlagung der liberalen Bewegung in ihrer Geburtsheimat, ihrer lebensbedrohlichen Erkrankung oder den gesellschaftlichen Verhältnissen in den USA zu tun? In Mississippi und Tennessee war die Gesellschaft in zwei konträre Lager gespalten – hier die Konföderierten, dort die Unionisten, und es gab Antisemitismus. DasPaar zog nach Knoxville/Tennessee. Bertha kümmerte sich um die Familie und deren Auskommen. Und eine Tragödie: 1857 war Sohn Louis zur Welt gekommen, der 1859 am Scharlachfieber verstarb. Immerhin: 1858 kam Adolph Simon und 1860 Tochter Nanni Bertha zur Welt.
Im Krieg auf unterschiedlichen Seiten
Im April 1861 begann der Amerikanische Bürgerkrieg und die Familien fanden sich auf unterschiedlichen Seiten wieder. Familie Ochs zog nach Cincinnati/Ohio, wo Vater Julius als Hauptmann auf Seiten der Nordstaaten Dienst tat. Berthas Bruder Oscar und zwei ihrer Cousins kämpften auf Seiten der Südstaaten unter General Robert E. Lee. Von Bertha heißt es, dass sie in Cincinnati, mit ihrem Söhnchens George spazierend, im Kinderwagen Chinin über die Brücke des Ohio River zu konföderierten Agenten in Kentucky schmuggelte. Nur durch den Einfluss ihres Mannes sei sie vor einer Gefängnisstrafe verschont geblieben.
Nach dem Ende des Kriegs und dem Sieg der Nordstaaten, im Juni 1865, kehrte die Familie nach Knoxville zurück. Julius war von der Washingtoner Regierung zum Kommissar und Friedensrichter in Tennessee ernannt worden. Während und nach dem Bürgerkrieg gebar Bertha vier weitere Kinder. Es muss nicht einfach mit Bertha Levy gewesen sein: Adolph, nun der Älteste der Ochs-Kinder, sagte später „Mutter machte Vater viel Ärger“.
Adolph kauft NYT
Ehe und Familie hielten aber trotz aller Widersprüche zusammen. Berthas Schmerz über den Tod ihres Erstgeborenen war abgrundtief. Nun konzentrierte sich ihre Liebe, ihre Energie und ihr Ehrgeiz auf Adolph. Beim Knoxville Chronicle begann seine Karriere als Laufbursche. 1878 – mit 29 Jahren – erwarb er mit geliehenen 250 Dollar Mehrheitsanteile an der Chattanooga Times und entwickelte das Blatt zur führenden Zeitung im Süden der USA. Im August 1896 erwarb er mit einem Darlehen von 75.000 Dollar die angeschlagene New York Times. Deren Auflage von damals 9000 Exemplaren steigerte er auf 780.000 in den 1920er-Jahren. 1904 bezog die NYT ihr neues Verlagsgebäude auf dem nach ihr benannten Times Square in New York. Rückblickend sagte Adolph Ochs über seine Mutter Bertha: „Sie ist meine Inspiration, mein Trost und Schöpfer all dessen, was mir Selbstachtung gab.“ Bertha war nicht nur seine leibliche Mutter, sondern, wenn man so will, auch die „Mutter“ der New York Times.
Vater Julius Ochs war am 26. Oktober 1888 in Chattanooga verstorben. Bertha starb am 31. Januar 1908 in New York. Für ihre Beerdigung hatte sie verfügt, dass ihr Sarg mit der Südstaaten-Flagge bedeckt werde.