Lokalsport Südpfalz RHEINPFALZ Plus Artikel Tipp-Kick, die Bundesliga 1970/71, private und echte Skandale und Spiele auf dem Betzenberg

 Das spielt doch kein Mensch mehr, oder?
Das spielt doch kein Mensch mehr, oder?

Manglitz erobert den Ball, bringt ihn zu Kapellmann. Der lässt den Gegenspieler stehen. Overath übernimmt, spielt den idealen Pass in den Fuß von Bernd Rupp – und Tooor! Wo? Beim Tipp-Kick. Wann? Anfang der 70er. Wie? In der Fantasie eines Jungen.

Ein Training für den Zeigefinger und fürs Hirn, bei dem der FCK einen Sonderstatus erfährt. So richtig Heimtraining ist es wahrscheinlich nicht. Fit hält es aber doch, denn es beflügelt die Fantasie – und ist ein Gradmesser, wie ehrlich man mit sich ist. Tipp-Kick als Psychologiekurs?

Das 100 Jahre alte Fußballbrettspiel, das nach dem Gewinn der WM 1954 einen Boom erlebte, ist für sehr viel gut, wenn es draußen kalt und regnerisch ist und der beste Freund leider nicht zu Besuch kommen kann. Der Montagssportteil ist übrigens ganz wichtig für das Spiel. Das klappt – wenn Papa nicht wieder den Sportteil der RHEINPFALZ mit zur Arbeit genommen hat.

Netzer und Overath cooler

Ähnlich wie Tipp-Kick funktioniert Fußball zu zweit im Garten. Das Antippen des Kopfes fällt halt weg. Zwei Stiefel deuten die Torpfosten an, das ebenfalls vier Meter breite Tor des Gegenspielers ist zehn Meter entfernt. Softer Schuss und – eine sagenhafte Parade von Wolfgang Kleff oder ein cooles Tor von Jupp Heynckes. Ich wollte meistens Kleff sein. Mein Gegenspieler war meistens Nigbur.

Ebenfalls stark in Mode Anfang der 1970er-Jahre: Netzer, Vogts, Sepp Maier, Overath, Kapellmann. Uwe Seeler? Eigentlich weniger. Gerd Müller? Och. Ihnen sieht man die Torgefährlichkeit nicht an. Die anderen sehen besser aus. Sportlicher. Haben mehr Haare. Sind cooler.

Wo ist Oberhausen?

Dauerregen. Mutti ist in der Küche. Dann also Tipp-Kick. Das etwa 70 mal 40 Zentimeter große Spielfeld auf dem Bügeltisch ausgerollt, den gelben und den roten Kicker aufgestellt. Anstoß hat die Elf, die Heimrecht hat. Der erste Spieltag. „Mutti, wo ist die Zeitung?“ Glück gehabt: Papa hat sie wohl vergessen, war wohl spät dran heute. Da stehen die Paarungen: Bremen gegen Köln, Frankfurt gegen HSV, Stuttgart gegen Bayern München. Braunschweig? Kennt doch kein Mensch. Essen? Hertha gegen den 1. FCK, das ist nun auch nicht der Hit. Gladbach gegen die Offenbacher Kickers. Duisburg gegen Oberhausen? Seit wann ist Oberhausen erstklassig?

Mit Bremen geht es los. Spielzeit: fünf Minuten. Streng nach eigenen Regeln, die durchgehalten werden. Man sieht vom Ball mehr weiß von oben: Bremen schießt. Mehr schwarz: Köln ist dran. Der Kicker bleibt an dieser Stelle, es sei denn, er kommt wieder dran nach einem tollen Pass. Der Torhüter: gibt immer sein Bestes. Nach fünf Minuten liegt Köln 3:1 vorn. Manglitz im Tor war stark. Flohe und Overath waren besser als Höttges und Björnmose.

Emotionen auf dem Betze

Bremen gegen Köln 1:3 wird eingetragen ins persönliche Bundesligabuch. Jedes andere Ergebnis danach. Nach dem ersten Spieltag geht es weiter mit dem zweiten, mit dem dritten, vierten. Die persönliche Bundesliga-Tabelle entsteht. Rechnen: zwei Plus- oder zwei Minuspunkte je Spiel. 72:72 Punkte, das stimmt. 160:160 Tore. Geht auch auf. Mönchengladbach ist vorne. Lautern im Mittelfeld. Kann ja noch besser werden. In der Echt-Tabelle führt RW Essen. So was. Der FCK auf Rang 12.

Der FCK. Heimspiel auf dem Betzenberg. Papa hat extra Stühlchen mitgenommen, damit wir auf den Stehrängen ganz oben auch was sehen. Als Kind schaust du emotionslos zu. Die Emotionen kommen erst in der Pubertät. Einer schreit Foul, 50 andere schreien hinterher, der Schiri wird zum Feind, der Gegenspieler wird niedergeschrien. Warum das so ist? Weil es Spaß macht. Emotionen sind ansteckend. Es gibt ein Gut und ein Böse.

Der FCK bekommt Unterstützung

Nach dem Spiel schnell runter vom Betze, schnell ins Auto, schnell heim. Um sechs fängt die Sportschau an. Von drei Spielen werden Filmchen gezeigt. Die Höhepunkte. So war das. Mist, das Spiel ist gar nicht dabei. So wäre es vielleicht heute noch, wenn keine Privatsender gekommen wären und Sportformate entwickelt hätten. Das war vielleicht das Beste an den Privaten.

Meine Bundesliga geht mit der fünften Runde weiter. Gladbach gegen Lautern. 5:0 ist es in echt ausgegangen. Köppel hat zweimal getroffen. Kleff hat alles gehalten. Mal sehen, ob ich kein Unentschieden hinbringe. Friedrich allein im Strafraum, jaaa, 1:1.

Lautern bleibt im hinteren Mittelfeld. Es wird sich ändern. Der FCK hat ein Gewissen bekommen.

17. Spieltag: Lautern gegen Stuttgart. 0:5. Echt. Wir waren oben. Auf der Heimfahrt war es still gewesen. Papas Laune wurde so schnell nicht besser. Das hält ja keiner aus.

Wie krass ist das denn?

Bei mir steht es 2:2, Pirrung und Friedrich sind meine FCK-Torschützen. Tick tack, tick tack, fünf Minuten sind um. 2:2 ist nicht gut. Nachspielzeit? Gute Idee. Vogt gehört der letzte Schuss, der Keeper schläft, 3:2 nach fünf Minuten und acht Sekunden. Spiele auf dem Betze dauern manchmal länger. Das Ergebnis 1. FCK - Stuttgart 3:2 kommt ins Buch. Bei mir ist Lautern auf Platz acht. In echt ist Lautern Zwölfter, Bayern Erster, Gladbach Zweiter.

Der 27. Spieltag. Beim Spiel Gladbach gegen Bremen ist der Torpfosten gebrochen. Wie krass ist das denn? Mist. Papa hat die Zeitung mitgenommen. Bei mir geht das Spiel 4:1 aus. Lautern hat echt Bayern besiegt, 2:1-Heimsieg durch späte Tore von Hosic und Fuchs. Bei mir haben die Bayern gewonnen mit Breitner, Beckenbauer, Schwarzenbeck. Oberhausen liegt in meiner Tabelle auch hinten. Oberhausen?

Die Meisterschaft neigt sich ihrem Ende zu. Meine Tabelle ist ganz anders als die echte. Gladbach habe ich auch als Meister. Bei mir war es nicht nötig, dass die Bayern am letzten Spieltag in Duisburg verlieren. Lautern ist Fünfter und im Uefa-Pokal und nicht Achter, Köln ist Neunter und nicht Elfter. Besser noch mal durchrechnen.

Der Schwindel

Mit Tricksereien ist das manchmal so eine Sache. In der Saison 1970/71 haben Arminia Bielefeld und Rot-Weiß Oberhausen Geld an Spieler anderer Vereine bezahlt, damit diese Spielergebnisse manipulierten. Der Schwindel flog auf. Meine Spiele sind immer so ausgefallen, wie es der Zufall wollte. Bis auf ganz wenige Ausnahmen. In echt war Lothar Kobluhn von Rot-Weiß Oberhausen mit 24 Toren Torschützenkönig. Oberhausen? Kam mir gleich komisch vor. Günter Netzer, einer meiner Lieblingsspieler, hat bei mir häufiger getroffen als Gerd Müller, der in echt 22-mal getroffen hat wie der Lauterer Karl-Heinz Vogt. Vogt? Es war seine stärkste Saison. Ein Star wurde er nicht.

Oberhausen? Die haben bestochen, in Köln gewonnen, in Braunschweig, hihi, 1:1 gespielt. Mit Schiebungen ist das so eine Sache.

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