Meine Lieblingsstrecke
Pia Winkelblech: Im Schnee zum ersten Mal am Limit
Pia Winkelblech geht es forsch an: „Ich will meine Bestzeit laufen“ beim Bienwald-Marathon am Sonntag in Kandel, sagt die 46-Jährige. „Unter 3:14 Stunden.“ Dafür hat die Lokalmatadorin ihre Lieblingstrainingsstrecke im Dahner Felsenland links liegengelassen. Und sich immer wieder den „Bachweg“ hinterm Stadion, eine Runde ist 3,6 Kilometer lang, vorgenommen. „Bis zum Abwinken. Fast jeden Tag. Dabei brauche ich nicht zu denken.“ Amüsiert hat sie festgestellt, dass sie in der Lauf-App von Strava als „Local Legend“ geführt wird: Sie hat die Runde in den vergangenen 90 Tagen am häufigsten abgeschlossen.
Nach dem Intervalltraining und vielen Tempodauerläufen fühlt sich die stellvertretende Kämmerin der Verbandsgemeinde Kandel zwar nicht in der Lage, die 800 Meter so schnell wie 2012 zu laufen, 2:34,69 Minuten. Aber „eine 10-km-Bestzeit würde ich angehen“, sagt sie, die 2014 mit 40:44 Minuten Pfalzmeisterin auf der Bahn war, die sich seit einigen Jahren auf Ultratrailstrecken am wohlsten fühlt. 2018 gewann sie in 6:09:44 Stunden die deutsche Meisterschaft in Veitshöchheim über 64,5 Kilometer mit 1690 Höhenmetern, 2019 verteidigte sie den Titel in Reichweiler über 78 Kilometer mit 3000 Höhenmetern. Zwei von vielen Erfolgen der Frau, die den Stubai-Ultratrail zu ihrem Lieblingslauf erklärt. Ein Klacks der 50-Kilometer-Lauf in Ubstadt-Weiher, den sie vor zwei Wochen in 4:02 Stunden geschafft hat.
Mädchenträume und Finanzen
Ihr Läufer-Leben hat eine große Lücke. Als Schülerin der Maria-Ward-Schule in Landau nahm die Haynaerin an Bundesjugendspielen teil. Ihr Vater, ein 10-km-Läufer, inspirierte sie, an Läufen teilzunehmen. „Mädels und Pferde“ nennt sie das Kapitel beim Reitverein Rheinzabern. Vom Springreiten wandte sie sich ab und dem Freizeitreiten zu. Sie bedauert, dass sie nicht länger beim Ballett geblieben ist, sich mit 14, 15 mehr für Jazzdance interessierte.
Nach dem Abitur geht sie an die Fachhochschule Finanzen in Edenkoben, das Studium in Verbindung mit dem Finanzamt Neustadt schließt sie als Diplom-Finanzwirtin ab. In Stuttgart erlangt sie das Diplom in Betriebswirtschaft. Drei Jahre arbeitet sie bei einem Weinimporteur in Kirchheim unter Teck, danach bei einem Genossenschaftsverband. Sieben, acht Jahre wohnt sie in Esslingen am Neckar. Sie kehrt zurück, arbeitet im Karlsruher Institut für Technologie in der Verwaltung, zieht nach Kandel. Seit sechs Jahren beschäftigt sie sich mit der Haushaltsplanung der Verbandsgemeinde. Zur allgemeinen Lage sagt sie: „Ich weiß auch nicht, woher sie das Geld nehmen. Es ist brutal in allen Bereichen.“
„An Schokolade komme ich nicht vorbei“
Seit 2008 ist Winkelblech im TSV Kandel. Mit Bahnläufen fing sie an, ging über zu Cross- und Waldläufen und kam zum Berglauf. Sie habe das große Glück, frei von Verletzungen geblieben zu sein, erzählt die Vegetarierin, die gerne bouldert, gerne ins Fitnesstraining geht, mit dem Rad fährt. Sie isst viel Obst, Gemüse, Salat, Hülsenfrüchte, trinkt mal einen „Kräuterblut“, was Homöopathisches, kommt an Schokolade nicht vorbei, mag Nudeln.
Ein Frühläufer sei sie nicht, sagt sie. Sie läuft lieber am Abend, nach der Arbeit, trainiert jeden Tag. Hilft aber nichts: Am Sonntag fällt der Startschuss um 10 Uhr.
„Ich bin gerne draußen unter Leuten“
Sie wird gegen 7 Uhr aufstehen, frühstücken, sich warmmachen. Gleich am Anfang könnte sich eine innere Stimme melden: „Was mache ich hier?“ Atemprobleme kennt sie nicht. Irgendwann werden die Oberschenkel leicht schmerzen. Ein Gefühl von Müdigkeit wird sie bekommen. Hinterher wird sie meinen, sie habe so was wie einen schweren Muskelkater. Wie motiviert sie sich eigentlich?
„Ich laufe gern, bin gern draußen und unter Leuten“, sagt Winkelblech. „Ich weiß, ich will das gut machen, dann freue ich mich, wenn ich es gepackt habe.“ Sie quatscht gerne. „Ohne ein Ziel würde man das harte Training nicht machen.“ Sie ist gespannt, ob sie das erreicht, was sie sich vorgenommen hat. Etwa eine Marathon-Bestzeit. Das nächste Ziel wartet schon: die deutsche 100-Kilometer-Meisterschaft am 9. April auf Straßen in Ubstadt-Weiher.
Schöne Aussicht am Hühnerstein
Danach kann Winkelblech wieder auf ihre Lieblingstrainingsstrecke. Sie erzählt: Mit dem Dacia Dokker, in dem sie viel verstauen kann, fährt sie nach Darstein und parkt. Auf dem Rimbach-Steig läuft sie Richtung Vorderweidenthal und hoch auf den Immersberg. Danach geht es ins Tal und weiter über Häuselstein, Hockköpfel und Hockerstein bis zur Lourdesgrotte in Schwanheim. Am Hühnerstein hält sie gerne inne und genießt die Aussicht. An der Wasgauhütte vorbei geht es über den Haselstein zurück. Sie stört es nicht, dass auf der 17-Kilometer-Runde viel los sein kann: „Ich mag die Gegend. Super schön. Die Felsen verbinden mich mit Klettern.“
Der Stubai-Ultratrail
Seit Oktober vertraut sie der Diagnostik und den Trainingsplänen von Uwe Schork aus Freinsheim. Im Juli könnte sie zum vierten Mal den Stubai-Ultratrail unter ihre Füße nehmen, den K68. „Mit Abstand das Schönste, Anstrengendste, Beeindruckendste“, sagt sie. Um Mitternacht geht es mitten in Innsbruck los. Wenn sie in Neustift 2000 Höhenmeter in den Beinen hat, geht die Sonne auf. Rauf und runter in traumhafter Landschaft. An einem Tag müssen die Läufer die Strecke bis zum Stubaier Gletscher schaffen. 5356 Meter im Aufstieg, 2796 Meter im Abstieg, 68 Kilometer in der Länge. Auf dem Schnee „bist du am Limit. Da war ich zum ersten Mal richtig an meiner Grenze“, erzählt Winkelblech. 2019 benötigte sie 14:37:30 Stunden.