Contwig
Was dieser Pfälzer so alles auf der Dino-Pirsch erlebt
Mein lieber Scholli, sind das Zahlen! Es ist 150 Millionen Jahre her, dass der Diplodocus durch die Gegend stapfte. Der Riesensaurier der Jura-Zeit protzte mit 16 Tonnen Lebendgewicht und 27 Metern Körperlänge. 80 Knochen brauchte er allein schon, um seinen extrem langen Schwanz stabil zu halten. Einer dieser putzeimergroßen Schwanzwirbelknochen gehört heute Max Wolf: Der Jurist aus Contwig ist passionierter Sammler prähistorischer Fossilien.
Seine Leidenschaft pflegt er auch in entlegenen Weltgegenden. „Im Sommer war ich bei einem internationalen Grabungsteam dabei, das im US-Bundesstaat Wyoming eine spektakuläre Grube mit Saurier-Fossilien ausgehoben hat“, berichtet der 31-jährige Rechtsreferendar am Saarbrücker Finanzgericht. Zurzeit trifft man ihn aber wieder öfter daheim in Contwig an, wo er für eine wichtige Prüfung im November büffelt.
Dino-Skelette in rauen Mengen
Das Grabungsfeld in Wyoming ist Teil der nordamerikanischen Morrison-Formation. Diese Gesteinszone, mit Fossilienschätzen reich gesegnet, erstreckt sich von Colorado über Utah bis nach Kanada. Unter Sand- und Kalksteinschichten sind dort gigantische Saurierskelette verborgen – in rauen Mengen. „Dort, wo wir gegraben haben, hat sich vor Abermillionen Jahren in einem Flussbett ein riesiger treibender Brontosaurier-Kadaver verkeilt. Dann wurden viele weitere tote Dinosaurier angeschwemmt.“ Diese hätten sich an der Bronto-Leiche zu einem großen Haufen aufgestaut. Was in jenen fernen Jura-Tagen wiederum ein gefundenes Fressen für andere Urzeit-Echsen war: Entsprechende Zahn- und Knochenfunde beweisen es.
Fossilien haben Max Wolf schon als Kind begeistert. „Mit sechs bin ich mit meinen Eltern und dem Hund in der Nähe des Zweibrücker Flugplatzes spazieren gegangen“, erinnert sich der Südwestpfälzer. „Beim Spielen hab’ ich dort in einem Kalksteinhaufen eine zehn Zentimeter große Muschel aus der Trias gefunden.“ Das Interesse war geweckt, und sogleich holte der Junge weitere prähistorische Muschelfunde aus dem Steinhaufen.
Stammgast auf Mineralienbörsen
Bald folgten Besuche mit den Eltern im Frankfurter Senckenberg-Naturkundemuseum, bei den Dino-Figuren auf der Gartenschau Kaiserslautern und schließlich an renommierten Fundstätten wie Solnhofen im Altmühltal: „Dort fand ich kleinere Fische auf Kalkplatten.“ Als Neunjähriger durfte Wolf schon in Holzmaden auf der Schwäbischen Alb nach goldschillernden, schneckenförmigen Ammoniten buddeln.
Dem Urzeit-Liebhaber haben es aber auch Mineralien und Edelsteine angetan. Anfang November war er – wie in jedem Jahr – mit einem Stand auf der Fachbörse „Edle Steine“ in der St. Ingberter Stadthalle vertreten. „Dort halte ich Vorträge und zeige bei praktischen Vorführungen, wie man Fossilien präpariert.“ Auf solchen Veranstaltungen trifft er Gleichgesinnte – vor allem auf den Mineralientagen München, der größten Messe ihrer Art in Europa. „Dort kommen Sammler aus aller Welt zusammen. Man knüpft Kontakte, tauscht sich aus.“ Und handelt untereinander gerne auch schon mal mit versteinerten Ichthyosauriern. „Man lernt Teilnehmer an wissenschaftlichen Grabungsteams kennen“, berichtet Wolf. „Zum Beispiel die Leute, die jeden Sommer in Wyoming nach Saurier-Fossilien suchen.“
Vorsicht vor Klapperschlangen
In den nächsten Jahren möchte Max Wolf regelmäßig an die Fundstätte in den USA zurückkehren. Wo genau sich der geheimnisumwitterte Dino-Friedhof befindet, darf er nicht verraten: „Das müssen wir geheimhalten, damit keine ungebetenen Schatzjäger kommen.“ Denn nicht jeder kann wie das internationale Grabungsteam eine Genehmigung vom Geländebesitzer in Wyoming vorweisen. Der Contwiger deutet an, dass die Gegend äußerst dünn besiedelt sei: „Der nächste größere Ort ist ein bis zwei Autostunden entfernt.“
Deshalb sind in Notfällen die Wege zur medizinischen Versorgung weit. „Zum Beispiel, wenn man beim Graben von einer Klapperschlange gebissen wird“, sagt Wolf. „Vorsorglich ein Gegengift zur Fundstätte mitnehmen kann das Grabungsteam aber auch nicht, denn so ein Serum ist nicht haltbar. Es müsste jeden Tag neu hergestellt werden.“ Entsprechend vorsichtig gehen die Paläontologen zu Werke, wenn sie im Sedimentgestein nach Fossilien fahnden. „Man darf da nicht so ohne Weiteres in Löcher greifen oder unter Steine langen.“
Nach dem Graben geht die Arbeit weiter
Sind die Fossilien ausgegraben, sei man aber noch lange nicht fertig. „Anschließend geht’s ans Präparieren.“ In mühsamer Tüftelarbeit, so Wolf, müsse man die Knochenfunde behutsam aus dem harten umgebenden Gestein freilegen. Dann kommen kleine Druckluftmeißel und elektrische Fräsen zum Einsatz – Gerätschaften, die an Zahnarzt-Werkzeuge erinnern. „Schon wenn man nur einen kleinen Fisch optisch herausarbeiten will, bedeutet das locker zehn Stunden exakte Arbeit – manchmal sogar Hunderte. Je nach Art des Gesteins.“