Rodalben
Von Bäumen, Kränen und Größenverhältnissen im Garten
Größen einzuschätzen fällt mir schwer. Dass das in der Wohnung so ist, wusste ich, als das Sofa, das im Geschäft so stimmig proportioniert aussah, in unserem Flur feststeckte und nichts mehr vor oder zurück ging. Seit zwei Jahren weiß ich, dass das Gleiche auch für den Garten gilt. Egal, wie genau ich die Fläche abmesse und wie gründlich ich die zu erwartende Wuchsgröße der Pflanzen überprüfe: Irgendwie gerät es meistens aus den Fugen.
Dabei war meine Planung zu Beginn noch sehr verhalten. Als ich das Terrassenbeet gestaltete, wollte ich unbedingt einen Baum mittig hinein setzen. Immerhin fällt das ganze Jahr der Blick auf ihn. Im Herbst, zur besten Pflanzzeit, ging es daher in die Gärtnerei. Dort hat es meiner Familie und mir sofort ein Zierapfel in Form eines Großstrauchs angetan, dessen Äste malerisch wuschelig nach allen Seiten ragten und der im Frühjahr laut Etikett pink blühen sollte.
„Prima“, dachte ich mir. Also haben wir den Baum gekauft, auf den Hänger geladen, nach Hause gefahren und ins Beet gestellt. Wo er irgendwie total mini aussah. Geradezu winzig. Und das lag nicht daran, dass er auf der Fahrt fast alle Blätter verloren hatte, sondern daran, dass das Beet mit einem einzelnen Baum darin doch leerer wirkte, als ich erwartet hatte.
Die drei Meter hohe Kirsche
Also ging es am nächsten Tag erneut in die Gärtnerei, um Verstärkung für den Apfelbaum zu besorgen. Vor allem zwei andere Exemplare weckten mein Interesse: ein chinesischer Blütenhartriegel und eine japanische Zierkirsche. Während mir der Blütenhartriegel gerade mal bis zum Kinn reichte und locker zu Transportieren war, maß die Kirsche, die wir uns ausgesucht hatten, bestimmt drei Meter. „Haben Sie einen Kran zu Hause?“, erkundigte sich die Gärtnerin freundlich, als wir sie zur Kaufberatung baten.
„Wie, Kran? Wozu das denn bitteschön? Und nein, natürlich habe ich keinen Kran zu Hause“ – Das waren die ersten Gedanken, die mir in diesem Moment durch den Kopf gingen. So groß und schwer sah der Baum eigentlich gar nicht aus. „Ich hol jetzt mal den Gabelstapler“, erklärte die Gärtnerin und lief los. Davor empfahl sie uns noch, dass ein Bagger beim Ausheben der Pflanzgrube hilfreich sein könnte.
Bis sie zurück war, hatten meine Familie und ich uns einhellig für das deutlich kleinere Exemplar entschieden, das wir bei der ersten Sichtung als viel zu schmal abgelehnt hatten. Doch nachdem sich der größere Baum keinen Millimeter bewegt hatte, als wir zu dritt heimlich versucht haben, ihn anzuheben, fiel die Entscheidung überraschend leicht.
Drei Bäume und immer noch ist Platz für Stauden
Ein bisschen enttäuscht war ich trotzdem. Der Baum, den wir zu dritt tragen konnten, war sehr schmal und nach dem Transport auf dem Hänger nahezu kahl. Als Sichtschutz würde er Jahre lang nicht taugen, moserte ich innerlich vor mich hin. Dafür konnten wir ihn mit Hilfe von letztlich sechs Familienmitgliedern selbstständig einpflanzen. Das Pflanzloch haben wir gemeinsam von Hand ausgehoben.
Am Ende sitzen nun drei Bäume im Terrassenbeet sowie ein Rosenbogen. Und dennoch bleibt genug Platz für Stauden. Die Zierkirsche war mit Abstand der größte Baum, den wir gepflanzt haben, die Obstbäume des hinteren Beetes kamen im deutlich handlicheren Format.
Die Zierkirsche hat sich völlig anders entwickelt, als von mir befürchtet. Innerhalb der vergangenen zwei Jahre ist sie ordentlich gewachsen, schön buschig geworden und ihre Spitze, die zuvor im ersten Stock nur ein wenig über das Balkongeländer ragte, ist nun deutlich zu sehen. Wenn ich mir die Bilder von vor zwei Jahren anschaue muss ich sagen: Unser Baum ist heute bei weitem größer als der, den ich damals kaufen wollte. Manchmal ist es gut, sich in Geduld zu üben. Zumindest, wenn man keinen Kran zu Hause hat…