Kreis Südwestpfalz Unglaublich, was diese Kinder leisten müssen

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CONTWIG. Unterricht am Nachmittag, eine laute Schule, Lehrer mit einem straffen Stundenplan und berufstätige Eltern, die abends auch müde sind – so kann schon für Zehnjährige der Schultag aussehen. Wie Schüler dennoch Rückzugsmöglichkeiten schaffen können, wollte unsere Mitarbeiterin Anne Lehmair von Britta Zytariuk wissen. Die Contwigerin leitet an der IGS Contwig eine Entspannungs-AG für Kinder.

Frau Zytariuk, wie ist die Idee der Entspannungs-AG entstanden?

Als Entspannungspädagogin und Reiki-Lehrerin arbeite ich generell auf diesem Gebiet. Ich kenne die Schule. Mein mittlerweile erwachsener Sohn hat sie besucht. Arbeitsgemeinschaften sind fester Bestandteil des Stundenplans. Alle Schüler müssen sich entscheiden, welche der angebotenen AGs sie besuchen wollen. Deshalb hat die Schule Bedarf auf diesem Gebiet. Eine Bekannte, die selbst die Bastel-AG leitet, hat mich gefragt, ob ich nicht Lust hätte, auch eine AG anzubieten. Die Kinder können also selbst entscheiden, an welcher AG sie teilnehmen möchten. Wie groß ist da das Interesse an Entspannung? Aus organisatorischen Gründen muss jedes Kind mehrere Angebote auswählen. Es ist einfach nicht möglich, dass alle Jungs Fußball spielen. Aber das Interesse ist da. Ich leite die AG im zweiten Jahr. Letztes Jahr haben zehn Kinder teilgenommen, in diesem Jahr neun. Ich nenne das Ganze gerne Phantasiereise. Das ist ein Begriff, den die meisten schon aus dem Kindergarten kennen. Damit können sie etwas verbinden. An welche Kinder richtet sich ihr Angebot? Im Moment geht es um Fünft- und Sechsklässler. Da einige meiner Teilnehmer aber gerne weitermachen würden, habe ich mich mit der AG im kommenden Schuljahr nun auch für die höheren Klassenstufen beworben. Es gibt Kinder mit Konzentrationsschwächen aber auch Kinder, die von ihrem Naturell her einfach viel Ruhe brauchen. Auch Prüfungsstress und -angst und das Gefühl überfordert zu sein, sind ein Thema. Was wollen Sie in diesen Fällen mit Ihrer AG leisten? In erster Linie geht es darum, einen geschützten Raum zu schaffen. Es ist unglaublich, was diese Kinder leisten müssen. Sie sind bis zum späten Nachmittag in der Schule und haben nachmittags Unterricht in anspruchsvollen Fächern. Der Schulalltag bietet keine Rückzugsmöglichkeiten. Es ist ständig laut. Außerdem kommen die persönlichen Probleme der Kinder zu kurz. Die Lehrer haben wegen des straffen Stundenplans kaum eine Möglichkeit, auf den Einzelnen einzugehen, und die Eltern sind meist berufstätig. Die Zeit am Abend ist knapp bemessen, und oft sind sie zu müde, um sich dann noch eingehend mit den Kindern zu beschäftigen. Ich kann das gut verstehen. Mit meiner AG versuche ich, die Kinder aufzufangen. Einen Raum für Gespräche zu bieten. Meist geht es da um einen Streit auf dem Schulhof, oder das Gefühl, von einem Lehrer nicht gemocht zu werden. Ich finde es wichtig, dass sie die Möglichkeit haben, im Gespräch den eigenen Anteil an der negativen Situation zu erkennen. Besonders schön ist es, dass die Kinder die AG als geschützte Geheimniszone akzeptieren. Es wird nichts nach außen getragen, und die Gruppe wächst im Laufe der Zeit zusammen. Nicht nur während der AG, sondern auch später auf dem Schulhof. Welche Entspannungstechniken wenden Sie in Ihrer AG an? Die Phantasiereisen zum Beispiel. Eine Meditation, bei der ich vorlese. Das mögen sie sehr. Beim Vorlesen dürfen sie wieder Kinder sein. Vorlesen ist Geborgenheit. Im Anschluss erzählt jeder, was er bei seiner Reise erlebt hat. In die Phantasiereisen baue ich auch progressive Muskelentspannung und autogenes Training ein. Diese Technik wenden einige dann auch vor Klassenarbeiten an. Wir haben aber auch Engelmeditationen gemacht, und jedes Kind hat seinen persönlichen Schutzengel gesucht oder sein persönliches Krafttier. Die Kinder sind generell sehr offen und neugierig. Im Sommer gehen wir auch manchmal auf das Feld hinter der Schule, um dort barfuß zu laufen und den Boden zu spüren, oder wir hören ganz bewusst auf die Geräusche draußen: das Summen der Bienen, eine Autotür, der eigene Atem. Ich richte mich danach, was die jeweilige Gruppe braucht. Ist es nicht schwierig, die Kinder aus dem lauten Schulalltag in die Ruhe zu führen? Nein. Ich glaube, da sind die eigene Erwartungshaltung und Klarheit ausschlaggebend. Wenn man nicht ganz genau weiß, was man von ihnen erwartet, dann spiegeln einem die Kinder die eigene Unsicherheit. Ich glaube, das sehen viele Lehrer genauso. Haben Sie einen konkreten Tipp für Eltern, die zu Hause etwas mehr Entspannung in das Leben ihrer Kinder bringen wollen? Feste gemeinsame Ruhezeiten sind ein guter Anfang. Wenn das Kind zum Beispiel um halb sechs aus der Schule kommt, kann man vereinbaren, dass zwischen Viertel vor sechs und sechs Pause gemacht wird. Ein Elternteil kann etwas vorlesen, oder man hört gemeinsam eine Entspannungs- CD für Kinder an. Das tut auch den Eltern gut und bringt Struktur in den Tag. Bis sich der Rhythmus automatisiert hat, kann man diese Zeiten in den Terminplan eintragen, damit man sie nicht vergisst. (aleh)

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