Südwestpfalz
Neues Notrufsystem mit Nachbarländern
Das Ehepaar aus Münchweiler war bei Kröppen in Grenznähe Zeuge eines Unfalls und wählte den Notruf 112, der jedoch wegen des französischen Handynetzes bei Kröppen in der Notrufleitstelle in Metz landete. Dort war erst nach längerem Warten ein deutschsprachiger Mitarbeiter zu finden, der den Notruf allerdings nicht weiterleiten konnte. „Das kann eigentlich nicht sein“, versichert Matthias Bruhne, der Leiter der Integrierten Leitstelle in Landau. In der Regel würden Notrufe mit einem Faxformular weitergeleitet und oft auch ganz unkompliziert per Telefon. Dass der Notruf gar nicht bearbeitet wird, sei ein Unding. „Das war wohl ein menschlicher Fehler“, sagt Bruhne. „Wir kommen schon zurecht, auch wenn kein fremdsprachiger Kollege da ist. Bei speziellen Begriffen wird es aber schwierig“, meint der Landauer Leitstellenleiter.
„Wenn Rückfragen kommen, wird es meist kompliziert“, meint Helge Bräuning, der Referent für grenzüberschreitenden Katastrophenschutz im rheinland-pfälzischen Innenministerium. Deshalb werde das Faxformular – es stammt noch aus den 70er Jahren – bevorzugt und generell nach einer elektronischen Austauschplattform gesucht, um grenzüberschreitende Notrufe so gut wie möglich zu bearbeiten.
Anweisungen per Handy
Das neue System, das entwickelt werden soll, soll aber noch viel mehr können. Die Einsatzcodes werden numerisch als Kombination aus Buchstaben und Zahlen weitergeleitet, was sich automatisch in die französische Systematik übersetzen lasse. Also steht beispielsweise eine bestimmte Zahl für einen Autounfall, eine andere für Verletzte, die Schwere der Verletzungen wird mit einer Buchstabenfolge ausgedrückt und die Lage noch dazu. „Freitext bietet immer Raum für Fehlinterpretationen“, findet Bräuning.
Über die bloße Weitergabe der Meldung hinaus soll der Notrufdisponent später per Handy dem Anrufer kurze Anleitungen für Erste Hilfe schicken können, auf die Kamera des Anrufers zugreifen, um selbst zu sehen, was passiert ist und natürlich die genaue Position des Anrufers feststellen. Würde alles rein sprachlich weitergegeben, könne es bis zu einer halben Stunde dauern, um einen fremdsprachigen Anrufer zu verstehen, rechnen die Entwickler.
Als Roaming abgeschafft wurde
Das Problem mit Notrufen in Grenznähe sei 2016 erstmals gehäuft aufgetreten. Kurz davor waren die Roaming-Gebühren in der EU aufgehoben worden, erzählt Bräuning. Die Handybesitzer hatten davor in Grenznähe immer peinlichst darauf geachtet, das Roaming auszuschalten, um keine horrenden Gebühren zu zahlen. Seit die weggefallen sind, landen die Notrufe öfter mal im Netz des Nachbarlandes. Ein Problem, das auch die Franzosen erkannt und deshalb quasi zeitgleich Kontakt zum rheinland-pfälzischen Innenministerium gesucht hätten, sagt der Ministerialreferent. Die Idee für eine elektronische Plattform zur grenzüberschreitenden Notrufbearbeitung war geboren.
Die wird rund eine Million Euro kosten inklusive aller Vorarbeiten, Besprechungen, Personal und dessen Ausbildung. In unserem Bericht von Anfang März war die Summe von 7,2 Millionen Euro genannt worden. Die beinhaltet neben der Notrufplattform weitere Komponenten wie neue Generatoren für grenzüberschreitende Einsätze, Spezialeinheiten für Rettungshundeeinsätze in der gesamten Großregion inklusive Luxemburg und Belgien sowie gemeinsame Ausbildungen in Lkw- sowie Rettungswagensimulatoren, die in Luxemburg stationiert und für alle Einsatzkräfte aus Lothringen, Rheinland-Pfalz, Luxemburg und der Grenzregion Belgiens nutzbar sein werden.
Start Ende nächstes Jahr
Das neue Notrufsystem wird derzeit für die Ausschreibung vorbereitet. Ende des Jahres soll die Entwicklung starten. Ende 2022 werde die Plattform in Betrieb sein, versichert Bräuning. „Das hat sich wegen Corona um ein Jahr verzögert.“ Zur Software müsse nicht nur das deutsche System passen, sondern auch das französische, luxemburgische und belgische. Mit der neuen Notrufplattform leiste die Großregion europaweit Pionierarbeit. In Bayern gebe es eine kleine Lösung zusammen mit den tschechischen Nachbarn. Ein System, das alles abgleicht und zusammenbringt, gebe es bis jetzt nicht. Das Projekt habe Vorbildcharakter über Rheinland-Pfalz hinaus, schätzt Bruhne.
Die Anzahl der Einsätze im Grenzraum sei nicht riesig, aber durchaus relevant. Rund zwei Dutzend Notfälle von der Art, wie es das Münchweilerer Ehepaar erlebt hat, gebe es pro Jahr, berichtet Bruhne.
Wenn das Ehepaar im übrigen nicht die 112 sondern die alte Rettungsnummer 19222 inklusive der jeweiligen Vorwahl, also 06335 für Kröppen, gewählt hätte, wäre der Notruf auch über das französische Handynetz direkt nach Landau geleitet worden. Diese Nummer sei aber nur noch älteren Bürgern bekannt und soll für Notrufe dieser Art eigentlich nicht mehr verwendet werden, betont Bruhne.