Herschberg
Landwirtschaft im Wandel: Aus 60 wurden sechs Betriebe
Im 19. Jahrhundert prägte die Landwirtschaft die Gemeinde. Die Herschberger waren Bauern, einige waren Handwerker oder Landarbeiter. Die oft schwere Arbeit im Stall und auf dem Feld wurde noch ausschließlich mit Muskelkraft verrichtet, die Äcker wurden mit Pferde- oder auch Kuhgespannen gepflügt. Brot haben nicht wenige Familien selbst gebacken, Butter im Butterfass „gestoßen“, und ein- bis zweimal im Jahr war Schlachtfest, neben der Kerwe ein besonderer Höhepunkt. Außer Schweinen zum Schlachten haben viele Bauern damals auch Schafe und Hühner gehalten. Keine dieser Tiere findet man heute noch im Ort – von wenigen Hühnern für das private Frühstücksei abgesehen.
Flurbereinigung beseitigt Flickenteppich
Mit über 1100 Hektar – ein Hektar hat etwa die Größe eines Fußballfeldes – gehört die Herschberger Gemarkung nicht nur zu den größeren in der Region, sondern wird heute noch zu zwei Dritteln intensiv für Ackerbau und als Weidefläche genutzt. Ursprünglich teilten sich viele Eigentümer diese Fläche, dabei gab es aber große Unterschiede, weil viele Kleinbauern nur im Nebenerwerb tätig waren. Schon in den 1960er Jahren erfolgte die erste Flurbereinigung, und in diesem Zusammenhang setzte bald der Rückgang der Betriebe ein.
Durch den technischen Fortschritt und die Mechanisierung waren die restlichen Landwirte nun in der Lage, viel größere Flächen zu bepflanzen und abzuernten. Glich die Gemarkung vor 100 Jahren noch einem Flickenteppich, so besaßen jetzt weniger Bauern mehr Land und konnten auch ihre Tierbestände vergrößern. Besonders beim Milchvieh machte sich das positiv bemerkbar, denn die Vergütung der Molkerei für abgelieferte Milch war ein kalkulierbarer Posten bei den jährlichen Einnahmen. Moderne Technik erleichterte ab dieser Zeit die Arbeit auf dem Bauernhof. Schon um 1950 tuckerten die ersten Bulldogs durchs Dorf, sie sollten bald schon die Pferde als Zug- und Arbeitstiere ersetzen. Waren diese Traktoren damals wohl sehr nützlich, so würden sie doch wie Winzlinge wirken im Vergleich zu den heute eingesetzten riesigen Schleppern, die leicht das Zehnfache an Pferdestärken auf die Straße bringen. Zwei Jahrzehnte später hatten sich neben anderen Erntemaschinen auch die selbstfahrenden Mähdrescher in der Landwirtschaft etabliert.
Das Ende der Schnapsbrenner
Eine besondere Rolle spielte bei den Bauern auf der Sickingerhöhe mehr als ein Jahrhundert lang natürlich die „Grumbeer“ – so auch in Herschberg. Während ein Teil als Speisekartoffel diente, verarbeiteten die Bauern einen erheblichen Anteil der Ernte, die früher von Hand und später mit dem Vollernter eingebracht wurde, in der zum Hof gehörenden Brennerei. Der dort erzeugte Alkohol wurde zu einem Festpreis von der Monopolverwaltung übernommen, bis die Europäische Union diese Regelung 2013 gekippt hat. Wie sechs weitere ehemalige Herschberger Schnapsbrenner beklagte damals auch Klaus Bohl den Wegfall dieser fest eingeplanten Erlöse. Bestand die Brennerei doch schon bei seinem Urgroßvater, und Vater Albert Bohl war sogar viele Jahre als Vorsitzender des Verbandes Pfälzischer Kartoffelbrenner im Amt.
Der bundesweite Trend des Höfesterbens hat sich in Herschberg bis heute fortgesetzt. Karl August Riebel (69) ist der bisher letzte „Aussteiger“, der – altersbedingt und ohne Nachfolger – seinen in der fünften Generation betriebenen traditionsreichen Hof stillgelegt hat. Sein Urgroßvater Georg Schmahl hatte die noch heute intakten Wirtschaftsgebäude bereits um das Jahr 1900 errichtet. Doch Riebel hat Verständnis dafür, dass sich seine drei Söhne beruflich anders orientiert haben.
Auf die „Grumbeer“ spezialisiert
Sechs Landwirte sind momentan in Herschberg noch aktiv, von denen zwei allerdings keinen Viehbestand mehr besitzen. Klaus Bohl (63) konzentriert sich mittlerweile nur noch auf den Ackerbau. Er pflanzt Getreide wie Mais an, den er an den Betreiber einer Biogasanlage liefert. Klaus Bößhar (60) hat sich spezialisiert und ist als einziger der „Grumbeer“ treu geblieben, die er nicht nur ab Hof, sondern auch über den Lebensmittelhandel vermarktet.
Auf dem 1959 ausgesiedelten Aspenhof haben sich Matthias Stoffel (36) und sein Vater Gustav die Milchproduktion zur Aufgabe gemacht. In einer modernen Stallanlage werden täglich rund 150 Kühe der Rasse Frisian gemolken. Einen beachtlichen Bestand an Milchkühen kann auch Monika Bohl vorweisen, die den Betrieb ihres verstorbenen Mannes zusammen mit Sohn und Jungbauer Johannes (24) betreut.
Beitrag zur Energiewende
Einen Beitrag zur Energiewende leisten ganz nebenbei Dirk und Manfred Nagel mit ihrer Biogasanlage, die sie als zweites Standbein neben der Landwirtschaft betreiben. Vor allem mit Stallmist und Gülle sowie teilweise Mais werden Wärme und Strom erzeugt. In der Spitze können bis zu 295 Kilowatt ins Netz eingespeist werden. Einen Teil der eingesetzten Abfallprodukte beziehen sie von den Milchkühen im eigenen Stall.
Dass der Bauernhof der Familie Glass heute überhaupt noch funktioniert, ist Tim Glass zu verdanken. Für den 28-Jährigen ist der Umgang mit seinen Tieren und die Arbeit in der Natur eine Herzensangelegenheit. Sein Vater und sein Opa hatten die Landwirtschaft der Vorfahren neben ihrer eigentlichen Berufstätigkeit betrieben. Kaum hatte Tim Glass im Landmaschinenbetrieb seines Vaters Gunther eine Ausbildung beendet, sah er die Weiterführung des Hofes und die Aufstockung des Viehbestandes auf heute fast 100 Tiere als seine eigentliche und selbstgewählte Aufgabe an. Es stört ihn auch nicht, sie mit gelegentlicher Hilfe eines Bekannten und modernen Maschinen meist allein zu erfüllen. Um einen solchen Betrieb am Laufen zu halten, wären in früheren Zeiten eine Menge helfender Hände notwendig gewesen.
Zur Sache: Die Landwirtschaft in Deutschland
Fast 40 Prozent aller Deutschen haben am Ende des 19. Jahrhunderts in der Landwirtschaft gearbeitet – damals wie heute überwiegend in Familienbetrieben. Die Technisierung begann, parallel zur Industrie, vor rund 100 Jahren mit der Entwicklung neuer Maschinen, mit denen menschliche Arbeitskräfte teilweise ersetzt wurden. Ein Meilenstein war auch die Erfindung des synthetischen Düngers, durch dessen Einsatz die Bauern ihre Ernteerträge deutlich zu steigern vermochten. Noch 1950 gab es zwei Millionen bäuerliche Betriebe in der damaligen Bundesrepublik, von denen heute im ganzen Land noch etwa 260.000 existieren. Die landwirtschaftliche Fläche teilen sich deshalb immer weniger Höfe, die etwa 70 Prozent davon als Ackerland und 30 Prozent zum Anbau von Grünfutter nutzen. Waren vor 70 Jahren Landwirte mit rund 20 Hektar gut aufgestellt, so ist heute ein Vielfaches davon erforderlich, damit ein konventioneller Betrieb über die Runden kommt. 35.000 Betriebe in Deutschland haben sich mittlerweile dem ökologischen Landbau verschrieben.