Hornbach / Zweibrücken
Hieronymus-Bock-Jahr: Wie die Wegwarte bei der Zeitmessung hilft
Die Wegwarte wird auch Sonnenwirbel genannt. Und Hieronymus Bock erwähnt den Grund dafür: Die Korbblüten der Wegwarte, „liecht himmelbloe rößlin“, kehren sich der Sonne zu. Allerdings schließen sie sich schon um die Mittagszeit oder am frühen Nachmittag: „So mag man doch an disen Wegwartenblumen spüren die zeit des tags.“ Aus solchen Beobachtungen hat man seither so genannte Blumenuhren entwickelt, Pflanzungen von charakteristischen Arten um ein Ziffernblatt herum. Die Wegwarte markiert darauf meistens 14 Uhr, wobei die genaue Lage in der Zeitzone und natürlich die Sommerzeit zu berücksichtigen sind. So oder so bleibt die Zeitmessung durch Blumen sehr ungenau, Wetter und Jahreszeit führen zu Verschiebungen, schon bestäubte Blüten schließen sich früher. Vor drei Jahren hat ein schweizerisches Team vertiefte Forschungen zu diesem Thema präsentiert. Die Ausstellung im Berner Botanischen Garten hatte den Titel „Viertel vor Enzian“.
Farbumschlag durch Ameisensäure
Hieronymus Bock führte an der Wegwarte ein Experiment ganz anderer Art durch. „Damit wir abermal der natur wunder warnehmen / hab ich die bloen blumen in ein ameissenhauffen gelegt / die seind in einer kleinen weil gantz purpurrot worden […]“ Dieses Phänomen war Bock schon in seiner Zweibrücker Zeit (1522-1532) bekannt, denn er erwähnt es auch in einer lateinischen Schrift von 1531. Aus heutiger Sicht ist die Erklärung einfach: der blaue Blütenfarbstoff reagiert auf die Ameisensäure, die die Insekten abgeben. Es kommt zum Farbumschlag – wie bei dem berühmten Lackmustest. Folglich wird die Rötung auch durch Essig bewirkt.
Bocks eigene Erklärung wirkt heute etwas treuherzig: „Als solten die blumen ab den ameissen erschrecken und also in die blutfarb verke[h]rt werden.“ Für den Westricher Botaniker des 16. Jahrhunderts haben die Pflanzen ein Seelenleben. Dieses hat ihnen der Fortschritt der Naturwissenschaft seither gründlich ausgetrieben und Pflanzen zu Maschinen gemacht. Dass man dabei über das Ziel hinausgeschossen ist, zeigen neuere Untersuchungen zur Sinneswahrnehmung, Kommunikation und Lernfähigkeit von Pflanzen: Unsere grünen Mitlebewesen werden uns sicher noch weiter überraschen.
Exkursion mit Otto Brunfels
Zurück zu den Blütenfarben. Diese haben die alten Botaniker aufmerksam beobachtet und Farbabwandlungen als Besonderheiten vermerkt. Das gilt auch für Hieronymus Bock. Auf seinen zahlreichen Wanderungen waren ihm – wenn auch selten – neben den gewöhnlichen, himmelblauen Blüten weiß und hellrosa gefärbte aufgefallen: „Under disem gewächs findt man etwan die blüen gantz schneeweiß / etlich leibfarb / werden nit allwegen gefunden / wiewol ich sie dem hochgelehrten Othoni Brunfelsio seligen auff der strassen hab angezeigt.“
Bock bezieht sich hier auf eine gemeinsame Exkursion mit dem Straßburger Theologen und Arzt Otto Brunfels (1488-1534), der ihn sehr schätzte und unterstützte und dem er umgekehrt mit seiner breiten Pflanzenkenntnis große Dienste erwies. Die Zusammenarbeit Bocks mit Brunfels, dem ersten der neuzeitlichen „Väter der Botanik“, war intensiv und kollegial; sie ist im Detail noch zu wenig erforscht. Wer heute die Steinhauser Straße in Zweibrücken entlang geht, kann jedenfalls nachempfinden, was Bock seinem Freund Brunfels zeigte: Man staunt und freut sich über einen himmelblau, weiß und hellrosa blühenden Mischbestand der Wegwarte.
Die Serie
2025 ist ein Hieronymus-Bock-Jahr in Zweibrücken und Hornbach. Mehrere Veranstaltungen erinnern an den Botaniker und Kräuterbuchautor aus dem 16. Jahrhundert, der in Hornbach lebte und wirkte. Die RHEINPFALZ veröffentlicht monatlich einen Beitrag zu einer der 800 Pflanzen in Bocks Kräuterbuch. Wissenswertes über die Wildrose gibt es hier.
Der Autor
Otto Schäfer ist gebürtiger Zweibrücker. Als Biologe und evangelischer Theologe arbeitete er vor allem in Frankreich und der Schweiz (Flora und Vegetation, Naturphilosophie sowie Umweltethik). Im Ruhestand lebt er in den Südvogesen, widmet sich aber auch der Natur und Kultur seiner alten Heimat. Und das mit seinen eigenen „zwei Brücken“: deutsch und französisch, Naturwissenschaft und Theologie. Ein großes Anliegen ist ihm die Erhaltung der Bibliotheca Bipontina mit ihrem gewachsenen Gesamtbestand. Er findet: Der historische Altbestand gehört nicht nur zu Zweibrücken – er gehört nach Zweibrücken.