Kreis Südwestpfalz „Die Deutschen sind laut“

Gar nicht so einfach, einen Tisch für Gäste perfekt einzudecken. Selina Weber aus Winzeln (Zweite von links) und ihre aktuellen
Gar nicht so einfach, einen Tisch für Gäste perfekt einzudecken. Selina Weber aus Winzeln (Zweite von links) und ihre aktuellen Mitschüler Johanne Ribe aus Norwegen (Dritte von links), Epp Maria Rugae aus Estland (rechts) und Nikola Sibinouski (sitzend rechts) wurden von Gastronomin Heike Schwuchow-Geßner (hinten rechts) in die Geheimnisse der Profis eingeweiht. Sie bewirteten unter anderem den ehemaligen Schulleiter der IGS Thaleischweiler-Fröschen, Klaus Veith (vorne links).

„Schmaler falten.“ Epp Maria, Johanne, Selina und Nikola lachen. Gar nicht so einfach, aus einer weißen gebügelten Serviette ein Kunstwerk zu falten, das „Tafelspitze“ oder „Stern“ heißt und jedem gedeckten Tisch eine besondere Note verleiht. Die Schüler stammen aus vier Nationen und besuchen derzeit im Rahmen des europäischen Schüleraustauschprogramms Erasmus Plus gemeinsam eine Woche lang die Integrierte Gesamtschule in Thaleischweiler-Fröschen.

Zumindest zum Teil. Denn viel Zeit verbringen sie auch in gastronomischen Betrieben in der Region. Aber nicht etwa, um Party zu feiern, sondern um Einblicke in die Gastronomie als Berufsfeld zu erhalten. Die 15-jährige Epp Maria Rugae aus Estland, die gleichaltrige Johanne Ribe aus Norwegen, der 17-jährige Nikola Sibinouski aus Mazedonien und die 17-jährige Selina Weber aus Winzeln, die die IGS besucht, lernen an diesem Montag von Heike Schwuchow-Geßner, der Inhaberin des Restaurants „Zum Hannes“ in Winterbach, auf was zu achten ist, wenn ein Tisch perfekt gedeckt werden soll. Eine der Lektionen: komplexe Serviettenkreationen falten. „Ich setze mich künftig mit ganz anderen Augen an den Tisch“, sagt Klaus Veith, der frühere Schulleiter der IGS, der die vierköpfige Gruppe betreut. Das Erasmus-Projekt, das jungen Menschen ermöglichen soll, sich und damit andere Kulturen kennenzulernen, „liegt mir einfach am Herzen“, bekennt er. Fremde Kulturen kennenlernen und schätzen: in Deutschland gerade ein großes Thema nach den Vorkommnissen in Sachsen, vor allem in Chemnitz, wo Rechte massiv gegen Ausländer protestieren. Nein, bei ihnen zu Hause seien diese Vorkommnisse in Deutschland kein Thema in den Nachrichten, sagen Epp Maria, Johanne und Nikola. Dass die Deutschen unfreundlich zu Ausländern sein sollen, haben sie noch nicht gehört. Epp Maria und Johanne sind zum ersten Mal in Deutschland, Nikola war schon mal privat mit seinem Vater hier. Er mag den deutschen Fußball. Das Bild der drei jungen Europäer von Deutschland ist positiv. Die Landschaft sei schön, die Menschen seien nett. Zu diesem Bild trägt Selina Weber bei, die den deutschen Part bei diesem internationalen Austausch beiträgt. Sie war im Rahmen des aktuell laufenden, noch bis März 2019 andauernden zweieinhalbjährigen Austauschprogramms schon in Norwegen, bei Johanne. „Jetzt wohnt sie bei mir“, sagt Selina. Ihr Eindruck von Norwegen? „War wirklich schön dort“, sagt sie leise. In einem Punkt entspricht sie so gar nicht dem Bild, dass ihre drei internationalen Mitschüler von Deutschland haben. „Die Deutschen sind laut“, sind sie sich einig. „Esten sind sehr leise Menschen“, erklärt Epp Maria, warum ihr die Deutschen so laut vorkommen. An diesem Vormittag dürfte sich das Bild vom lauten Deutschen auch beim „Hannes“ bestätigen. „Bei uns ist Kerwe“, sagt Heike Schwuchow-Geßner lachend. Perfekt gedeckte Tische braucht es bei der rustikaleren Kerwe ausnahmsweise auch nicht. Aber am morgigen Freitag, wenn sich die verschiedenen Vier-Nationen-Gruppen zum Abschiedstag an der IGS treffen und als Abschlussaufgabe jeweils einen Tisch perfekt decken werden. Deshalb gibt es Hilfe von der Fachfrau. „Das Glas oben ist immer für den Gast“, erklärt Schwuchow-Geßner, dass Gläser vom Personal immer nur am Stil angefasst werden. Weißwein-, Rotwein- und Wassergläser werden perfekt arrangiert. „Perfect“, wird Epp Maria gelobt, die instinktiv die Teller für den sogenannten Gruß aus der Küche, den es vorweg gibt, passgenau am vorhandenen Muster ausgerichtet hat. „Perfect“. Die alles verbindende Projektsprache, auch an diesem Morgen, ist Englisch. Ein Anlass für das Programm: die Englischkenntnisse verbessern. Für die vier Teilnehmer ein wichtiger Grund für die Projektteilnahme. Auf Englisch erklärt Nikola die aktuelle Diskussion um den Namen seines Heimatlandes. Mazedonien, so heißt auch eine nordgriechische Region. Die Griechen wollen nicht, dass Mazedonien Mazedonien heißt. Der Streit schwelt lange. Im Sommer wurde eine Vereinbarung unterzeichnet, wonach Nikolas’ Heimatland künftig Nord-Mazedonien heißen soll. Im Gegenzug ermöglicht Griechenland, dass Nord-Mazedonien Verhandlungen über den EU-Beitritt aufnehmen kann. Auf beiden Seiten gibt es Kritiker dieses Abkommens, das für Selina, Johanne und Epp Maria neu ist. Den jungen Menschen in Mazedonien sei es ziemlich egal, ob ihr Land künftig Nord-Mazedonien heißt. Es ändere im Grunde nichts, sagt Nikola. Aber das sehen nicht alle so. Politik- und Geschichtsunterricht in ungezwungener Runde. Genau das will das Projekt erreichen. Dazu soll es Einblicke in die Berufswelt geben. In Mazedonien war ein Autozulieferer Kooperationspartner, in Norwegen galt es, einen Imagefilm für eine Recyclingfirma zu drehen, in Estland wurden eine Modefabrik besucht und eine Werbebroschüre für diese erstellt. In Deutschland treffen sich Schüler bereits zum zweiten Mal. Die erste Gruppe designte Schuhe, die aktuellen Gruppen sind in Sachen Gastronomie unterwegs – und werden als perfekte Gastgeber nach Hause kommen.

x