Kreis Südwestpfalz „Der Beste, den wir haben“
Thomas Groß sitzt im Rollstuhl. Und Thomas Groß ist Feuerwehrmann. Für ihn und seine Schmitshauser Feuerwehr-Kameraden ist dies kein Widerspruch. Im Gegenteil. „Thomas ist ein fester Bestandteil des Schmitshauser Feuerwehr-Inventars“, sagt sein Feuerwehrkamerad Matthias Bauer, und die anderen Feuerwehrmänner nicken zustimmend. Einmal im Monat haben die Schmitshauser Wehrleute Gerätedienst. Dann wird geschrubbt, geputzt, geflickt, geknoddelt und das Feuerwehrauto gewaschen. Und ab und zu auch gegrillt. Und ganz selbstverständlich ist Thomas Groß mit von der Partie. Jede Woche.
Am 11. August 1994, also vor mehr als 20 Jahren, ist Thomas wie jeder andere Junge in die Jugendfeuerwehr eingetreten. Damals dachte er noch nicht an einen Rollstuhl, war von den anderen zehn Gründungs-Pionieren der Schmitshauser Jugendwehr nicht zu unterscheiden. Beruflich entschied er sich für eine zweijährige Ausbildung zum Maler und Lackierer, die er durchgezogen hat. Am 1. Januar 2000 trat er seinen Dienst in der aktiven Wehr an. Irgendwann kam dann die Diagnose, dass der heute 31-Jährige eine schleichende, nicht aufzuhaltende Krankheit hat, die dafür sorgt, dass ab den Halswirbeln nach unten das Rückenmark schwindet. Deshalb kommen die Befehle vom Gehirn weiter unten nicht mehr an. Den Truppmann-Lehrgang, den Thomas im Blick hatte, musste er absagen. „Querschnittsgelähmt ist er nicht“, sagt sein Vater Karl, ebenfalls Feuerwehrmann in Schmitshausen. Was die starken Einschränkungen angeht, ist Thomas’ Krankheit jedoch vergleichbar. „Das ist eine sehr seltene Krankheit. Sie ist so selten, dass sie nur bei 30 bis 40 Menschen in ganz Deutschland vorkommt und deshalb kaum erforscht wird“, erklärt Karl Groß, den sie in Schmitshausen nur „de Kall“ rufen. In den Beinen hat Thomas Groß Spastiken, gegen die er Medikamente einnimmt. Gegen die eigentliche Krankheit gibt es keine Medikamente. „Dagegen hilft nichts“, sagt Karl Groß. Allerdings helfen die Feuerwehrleute in Schmitshausen. Zu viert tragen sie Thomas in seinem Rollstuhl Treppen hinauf, schleppen ihn sprichwörtlich überall hin mit – ob zu Dorffesten, zu Besuchen bei der befreundeten Wehr im luxemburgischen Walferdingen oder zur Feuerwehrübung. „Thomas ist ein Guter, nein, der Beste, den wir haben“, sagt Kai Wosnitza über den vermutlich einzigen aktiven Feuerwehrmann im Rollstuhl in ganz Rheinland-Pfalz. „Er ist immer pünktlich, immer da“, sagt Christian Kühn. „Auf ihn kann man sich hundertprozentig verlassen“, sagt Wehrführer Jürgen Hampel. Rund 360 Übungen und Arbeitseinsätze hat Thomas Groß in den vergangenen 15 Jahren mitgemacht. Zuerst auf eigenen Beinen, später dann im Rollstuhl. „Er hat nie gefehlt“, weiß Matthias Bauer zu berichten. Am liebsten macht Groß die Frickelarbeiten, also nicht das Grobe, sondern die feinen Dinge, für die den 16 anderen Wehrleuten meist die Geduld fehlt. Zum Beispiel das Markieren der einzelnen Schläuche mit bunten Bändern. In seiner Freizeit macht Thomas Groß ebenfalls ein Gedulds-Ding, nämlich Holzarbeiten mit der so genannten Dekupier-Säge. Die Arbeiten sieht man oft auf Weihnachtsmärkten: Filigrane Sperrholzfiguren, die, von Kerzen angestrahlt, ihre Konturen wie Schattenrisse an die Wand werfen. An der Feuerwehr macht ihm besonders die gute Kameradschaft Spaß. „Er ist immer dabei, wenn was ist“, meint Feuerwehrchef Jürgen Hampel. Im Frühjahr 2014 wurde Thomas Groß geehrt. Für 20 Jahre Feuerwehrdienst erhielt er von der damals noch existierenden Verbandsgemeinde Wallhalben eine Ehrenurkunde. „Die hängt in de Wohnstubb“, erzählt Thomas Groß stolz. Am Anfang der Krankheit ist er auf Krücken gelaufen. Als das nicht mehr ging, kam ein Rollator zum Einsatz und schließlich der Rollstuhl. Aber er fuhr auch Auto. Vor einigen Jahren haben ihm seine Feuerwehr-Kameraden ein batteriebetriebenes Elektromobil gekauft und hergerichtet. „Mit dem bin runter zum Memo gefahren, und dann ging es wieder heim“, erzählt Thomas grinsend von den Fahrten in die Wallhalber Pizzeria vor zwei, drei Jahren. „Thomas ist witzig, er bringt sich ein, wo er kann, und er ist alles andere als arbeitsscheu“, charakterisiert Christian Kühn seinen Freund und Feuerwehrkameraden im Rollstuhl. „Seit wir das neue Feuerwehrauto haben, kommt Thomas mit dem Rollstuhl nicht mehr daran vorbei auf die Toilette“, nennt der stellvertretende Wehrführer Kühn ein kleines Problem. Das hoffentlich mit dem Neubau des lange erwarteten Feuerwehrhauses am Schmitshauser Ortseingang gelöst werden wird. Seine „höllische Geduld für Laubsägearbeiten“ bewundert Christian Kühn an Thomas Groß. Und auch, dass er immer dabei ist. „Wir nehmen ihn überall mit, auch zu den Straußbuben.“ Immer öfter muss Thomas Groß aber Zuhause bleiben. Nicht, weil die Schmitshauser Feuerwehrleute ihn nicht mehr packen, sondern weil es an vielen Orten für seinen Rollstuhl zu eng ist. Stuhl und vier hebende Feuerwehrmänner in einem engen Treppenhaus etwa gehen laut Vater Karl Groß nicht gut. Ansonsten verpasst er keinen Gerätedienst, keine Übung, keinen Arbeitseinsatz. Wer möchte, kann Thomas Groß dabei selbst kennenlernen. Denn die Schmitshauser Feuerwehr sucht Nachwuchs. Und auch die vier Jugendfeuerwehrleute würden sich über Zulauf freuen.