Kreis Südwestpfalz Ausgemolken
Als Otto Zimmermann im Oktober 2016 seine Rinder aufgab, versiegte in Einöd die letzte landwirtschaftliche Milchquelle. „Die große Zeit der Milchwirtschaft ist bei uns vorbei“, bedauerte Einöds Ortsvorsteher Karl Schuberth am Mittwochabend im Bürgerhaus: Zusammen mit dem Bauernverein stellte er das endgültige Aus für die Milchwirtschaft im Ort fest. Früher war Einöd in dieser Hinsicht eine Hochburg gewesen. Noch in den 1990er Jahren wurden hier 300 bis 400 Kühe gemolken.
„Die Milchwirtschaft hat unsere Landschaft geprägt. Ohne sie gäbe es keine Großwies und keine Bierbacher Au“, stellte Karl Schuberth heraus. Doch in der saarländischen Landwirtschaft habe es einen ähnlichen Strukturwandel gegeben wie im Kohlebergbau. „Mit dem Unterschied: bei der Kohle gab es riesige Fernsehsendungen“, bemerkte der Ortsvorsteher. Damit man überhaupt mitbekomme, dass das Melken in der einstigen Hochburg Einöd vorbei sei, habe er zu der Veranstaltung eingeladen. Ernst Ehrmanntraut war früher als Referent für Milchwirtschaft bei der saarländischen Regierung tätig. In keinem anderen Bundesland, so sagt er, habe sich der Wandel von vielen Klein- zu wenigen großen Milch-Erzeugerbetrieben so schnell und tiefgreifend vollzogen wie im Saarland. 120 Prozent der Milchmenge, die 1950 erzeugt wurde, werde heute von weniger als zwei Prozent der Zahl der milchkuhhaltenden Betriebe von damals produziert – und das mit nur einem Drittel der Zahl an Milchkühen, die 1950 in den Ställen standen. Haupteinnahmequelle der Milchbauern sei der Preis, den ihnen ihre Molkerei bei der Abnahme bezahlt. Dieser Preis sei im Frühjahr 2014 ins Bodenlose gestürzt, was durch die Abschaffung der Milchquote im April 2015 noch beschleunigt wurde. Doch nur um des Melkens Willen wollte Otto Zimmermann kein Geld mehr in den Stall tragen statt hinaus. Also trennte sich der Landwirt aus der Ernstweiler Straße von seinen Tieren. „Das war schon mein Leben. Man hatte wenig Freizeit und eigentlich nie Urlaub. Aber es war erfüllend. Und ich hab`s gern gemacht“, zitierte Ernst Ehrmanntraut am Mittwoch den wegen Krankheit abwesenden Ex-Milchbauern. Im Buchenhof, dem vorletzten Einöder Milchkuhbetrieb, waren die Tiere bereits im Februar 2016 in den Viehtransporter gestiegen. Für den Landwirt Klaus Riedinger war damals nicht nur der Milch-Spottpreis von 22 Cent pro Liter ausschlaggebend. Der Preis deckte nicht mehr die Produktionskosten, die etwa 30 bis 32 Cent pro Liter betragen. „Was mich aber am meisten stört, ist die geringe Akzeptanz in der Bevölkerung für unsere Arbeit“, klagt der Vorsitzende des Einöder Bauernvereins. „Und sogenannte Experten sitzen über uns und wollen uns belehren.“ Als Beispiel nennt er die aktuelle Ausweisung der Gutenbrunner Au als Naturschutzgebiet. Der Buchenhof-Bauer: „Mit den Auflagen, die dort jetzt gelten, lässt sich keine Kuh füttern.“ Wie Riedinger berichtet, gab es in den 1950er Jahren in Einöd 71 Landwirte mit 300 bis 400 Kühen. In den 60er waren es 64 Landwirte. „Da ging es los mit dem Milchhäuschen“ erzählte er. Die Sammelstelle mit Rampe in der Nähe des Bürgerhauses sei auch eine kulturelle Schaltzentrale gewesen, Geschäfte seien dort angebahnt worden. „Man hat dort nicht nur Milch getrunken“, erzählt der Landwirt. In den 70er Jahren hätten in Einöd noch 30 und in den 80ern 20 Bauern Landwirtschaft betrieben. Im Frühjahr 1984 wurde das Milchhäuschen zugemacht. In den 90er Jahren hätten 15 Landwirte immer noch 300 bis 400 Kühe gemolken. Abseits vom Ende der Milcherzeugung gibt es heute in Einöd noch fünf Haupterwerbs- sowie einige Nebenerwerbslandwirte. Einer der Letztgenannten ist übrigens der frühere Einöder Bundesliga-Fußballer und Trainer Horst Ehrmantraut. Klaus Riedinger: „Anfang des Jahres 2000 kam dann der Einbruch. Die Kuhzahl ging auf 120 zurück.“ Zuvor, im Herbst 1999, sei die elektronische Datenbank HIT eingeführt worden, die gemäß Viehverkehrsordnung alle Rinder erfasst. „Strenge Auflagen und scharfe Kontrollen wurden Bestandteil unserer täglichen Arbeit“, schildert er das geänderte Wirtschaften. „Ein Pferd kann man problemlos in ganz Europa herumfahren. Geht aber eine Kuh drei Tage aus dem Bestand heraus, muss sie gleich umgemeldet werden.“ Klaus Langguth war einst Milchbauer mit Leib und Seele. Er erzählt, dass es nach dem Krieg in Einöd eine Bullenhaltungs-Genossenschaft gegeben hat. „Drei Simmentaler Bullen standen zunächst im Stall im Dorf am Teufelshaus, später bei Reitnauer, ein Haus neben der heutigen Sparkasse“, weiß er noch. „War eine Kuh stierig, so wurde sie durchs Dorf zum Bullen geführt.“ Auf Deckkarten wurden der Name der Kuh und des Bullen sowie das Datum des sogenannten Sprungs notiert. „Ohrmarken gab es damals noch nicht“, sagt Langguth. Als der erste schwarzbunte Bulle ins Dorf kam, gab es Ärger: Das Tier durfte nicht neben die Simmentaler Bullen gestellt werden. „Die Simmentaler hatten große Ärsche, gaben weniger Milch, aber der Fettgehalt der Milch war hoch. Die Schwarzbunten hatten nur den halben Arsch, das heißt, weniger Fleisch. Dafür gaben sie mehr Milch mit weniger Fett“, beschreibt Klaus Langguth den Unterschied. Am Ende setzte sich die schwarzbunte Rasse durch. Alle Milchbauern waren damals in der Milchlieferungs-Genossenschaft organisiert. Morgens und abends gaben die Landwirte am Milchhäuschen die Milch in 40 Liter-Alukannen ab; diese wurden täglich vom Milchauto nach Webenheim in die Molkerei gefahren. „Die gelieferte Menge wurde auf der Milchkarte notiert“, berichtet Langguth. Eingetragen wurden auch die Käufe an Butter und Käse zum Vorzugspreis sowie die Menge an Magermilch, die zum Füttern der Schweine zurückgeliefert wurde. Früher trafen sich die Landwirte regelmäßig im Einöder Tal zu ereignisreichen Rinderschauen mit Prämierungen. Ein bekannter Einöder Milchbauer war Arno Bold, der laut Bericht des Landeskontrollverbands Saar im Jahre 1971 mit den Kühen Billa und Betty mit rund 6200 Litern Milch mit der höchsten Milchleistung bei der Rasse Fleckvieh auftrumpfen konnte. Im Bericht für 1972 werden neben Bold auch Albert Wolf, Fritz Huber und Gustav Linn bei den Fleckvieh-Kühen sowie Adolf Bach bei den Schwarzbunten mit den besten Herden-Durchschnittsleistungen aufgeführt. Bedeutsame Ereignisse in der Einöder Landwirtschaftsgeschichte waren der Ausbruch der Maul und Klauenseuche sowie die Flurbereinigung in den 1950er Jahren. Auf dem Hungerberg siedelten 1962 die Familie Riedinger mit dem Buchenhof und 1966 die Familie Wolf mit dem Birkenhof. Auf der Einöder Höhe baute Gustav Linn den Berghof I, wohin später die Familie Reitnauer aussiedelte, und Friedrich Pick errichtete den Berghof II.