Herxheim
Windeln und gesegnete Dosenwurst: Pfadfinder-Hilfe für Ukraine
Donnerstagnachmittag, am Pfadfinderhaus an der Festhalle. Etwa 30 Pfadfinder vom Stamm Amundsen und Helfer sortieren und verpacken Güter für die Ukraine. Ganze 70 Paletten Spenden kamen am Samstag in einer spontanen Sammelaktion der Herxheimer Pfadfinder zusammen. „Wir wurden so überrannt, dass wir nicht wussten, wohin damit“, erzählt Nicolas Müller, Leiter der Jugendpfadfindergruppe. In Supermärkten und Drogerien im Umkreis war die Sammelaktion deutlich zu spüren. Ortsansässige, die Windeln, Zahnbürsten oder Duschgels der Hausmarke kaufen wollten, standen plötzlich vor leeren Regalen.
Die Idee zur Aktion entstand vergangene Woche digital über die Jungpfadfinder. „Schnell ist die Begeisterung dann auf den ganzen Stamm übergeschwappt“, sagt Müller. „Die Einstellung der Pfadfinder ist zu helfen, wo es geht, wenn man kann.“ Sie hängten Flyer in Supermärkten und Drogerien auf. Über soziale Medien verbreitete sich die Spendenaktion wie ein Lauffeuer.
Kofferräume voll Spenden
Der eigentliche Plan war, zum Transport der Güter eine Spedition zu beauftragen. Kurz vor der Zusage erfuhr der Stamm vom neu eingeführten Angebot der Deutschen Bahn (DB), ab dem 10. März Güter kostenlos in die Ukraine zu transportieren. Die so gesparten 4000 Euro Transportkosten sollen nun in weitere, dringend benötigte Hilfsgüter „an Organisationen vor Ort“ fließen.
Der Transport soll am Samstag starten. Die Güter werden vom DB Logistik-Unternehmen Schenker abgeholt und zu einem Bahnhof gebracht, „wahrscheinlich Mannheim“. Von dort aus geht es mit dem Zug weiter. An der polnisch-ukrainischen Grenze werden die Güter zwischengelagert und entsprechend weiter transportiert, je nachdem, was dringend benötigt wird. „Das geht dann direkt nach Kiew“, berichtet Felix Antrett, ebenfalls Leiter der jugendlichen Pfadfinder Roverstufe. Er erzählt, dass dem Stamm am vergangenen Samstag etliche Helfer, Pfadfinder von anderen Stämmen und die Herxheimer Feuerwehr beim Sammeln zur Seite standen. Bürgermeisterin Hedi Braun habe ebenso mit angepackt. „Leute hatten ihre Kofferräume vollgepackt mit Spenden und halfen spontan beim Kistentragen“, sagt Antrett begeistert. Es sei so viel abgegeben worden, dass der komplette Vorraum der Festhalle mit Isomatten und Schlafsäcken gefüllt sei.
200 gesegnete Dosen Büchsenwurst
„Es kamen auch Eltern zum Sortieren. Sonst hätten wir das alles nicht bewältigt bekommen“, berichtet Johannes Bauer, Leiter der Jungpfadfinder Jupfis. „Auf einmal waren zwei Traktoranhänger voll mit Windelkartons.“ Er schätzt, dass es sich um einige Hundert Kilogramm allein an Windeln handelt. Einige Leute sagten, ihnen helfe die Aktion, um sich von dem bedrückenden Gefühl des Kriegs abzulenken. Endlich könnten sie aktiv helfen, und wüssten, wo sie gezielt Spenden abgeben können. Auch mehrere Geldspenden gingen ein. „Einer der Spender hat sogar gesagt: Ich habe jetzt keine Zeit zum Helfen, hier sind 100 Euro“, erzählt Antrett.
Auch an diesem Donnerstag kommen weitere Güter an. Florian Mösle bringt Spenden eines Karlsruher Kindergartens. „Nachher kommt noch ein Fahrzeug von einem Mannheimer Kindergarten“, erzählt er und stellt einen Karton mit nagelneuen Fleecedecken auf eine Palette. Auch er war am Samstag bei der Sammelaktion dabei. Eine außergewöhnliche Spende waren 200 Dosen Büchsenwurst. „Da hat jemand händisch auf jede einzelne Dose geschrieben: From Jesus with love (Von Jesus mit Liebe).“ Eine Spielzeuggeschäft-Inhaberin gibt einen Karton mit Sportbeuteln für Kinder zum Umhängen ab – gefüllt mit Puzzeln, Malbüchern, Stiften und Spitzern. „Damit die Kinder Beschäftigung haben, wenn sie auf Reisen sind“, sagt sie.
Nachtwache für Spenden
Gymnasiallehrer Lutz Wölbe verpackt und stapelt haltbare Lebensmittel mit Schülerinnen seines Französisch-Leistungskurses. In den oberen Kartonagen sind Langkornreis und H-Milch. Die fertig gepackten Paletten werden mit Stretchfolie umwickelt und mit Schildern versehen. Darauf stehen Schlagworte wie „Babykost“ oder „Hygiene“ auf deutsch, englisch, russisch und ukrainisch. Zwei Studentinnen sortieren diese Schilder. Eine von ihnen ist Theresa Müller, die am Samstag ebenfalls dabei war. Sie sei überrascht gewesen, dass bereits eine Stunde vor Beginn die ersten Kisten abgegeben wurden. „Klamotten konnten wir schon relativ schnell nicht mehr annehmen.“ Durch den Austausch mit Pfadfindern in der Ukraine leiteten die Jugendleiter Müller und Antrett schnell einen Stopp der Kleiderannahme ein. Die Kontakte, auch zu Pfadfindern in Polen, bauten sie über die Weltpfadfinderorganisation und das soziale Netzwerk Instagram auf, „zum Austausch, was dort gerade gebraucht wird“.
Am Abend werden die fertig gepackten Paletten mit Folie abgedeckt. Das Stammhaus der Pfadfinder, ein Fachwerkhaus von 1681, steht direkt am Festplatz. Nicolas Müller und einige andere Pfadfinder halten dort im Freien bei einem Lagerfeuer Nachtwache. „Damit auch alles ankommt.“
Info
Wegen Überlastung von Infrastruktur und Grenzübergängen bietet sich der Transport von Hilfsgütern per Zug optimal an. Die Deutsche Bahn baute zu diesem Zweck eine „Schienenbrücke“ auf – ein Logistiknetzwerk in Zusammenarbeit mit der polnischen und der ukrainischen Bahn. Außerdem dürfen Flüchtende mit ukrainischem Pass die Fernzügen aus Polen in Richtung Deutschland bis Berlin kostenlos nutzen. Wer helfen möchte, kann sich bei der Spendenhotline Deutsche Bahn unter der Telefonnummer 030 720220640 oder per E-Mail an schienenbruecke-ukraine@deutschebahn.com melden.