Südliche Weinstrasse
Wenn Mama nicht mehr kann
Eine 36-Jährige kommt regelmäßig zur Behandlung ins Pfalzklinikum in Klingenmünster. Sie möchte anonym bleiben. Seit der Geburt ihres acht Monate alten Kindes fühlt sie sich erschöpft. „Die Kleine kam viel zu früh, daheim war noch nichts richtig vorbereitet und mein Partner und meine Familie wohnen woanders.“ Zuhause angekommen, lebte sie nur noch nach den Bedürfnissen des Kindes, wollte alles perfekt machen. Dabei nahm sie ihre eigenen Bedürfnisse nicht mehr wahr, verpasste Termine, machte sich ständig Vorwürfe. Den Tagesablauf empfand sie als extrem anstrengend, als stünde sie vor einer großen Mauer. Wegen Corona lernte sie kaum andere Mütter kennen. Auf einmal war ihr alles zu viel, sie fühlte sich ausgebrannt. „Ohne Hilfe wäre es superschwierig geworden, da wieder rauszukommen.“ Gespräche mit einer Psychologin im Pfalzklinikum halfen ihr. Und Gespräche mit ihrem Partner, mit Freunden. Außerdem eine Lichttherapie mit einer Tageslichtlampe und Sport. Nun ist sie auf einem guten Weg. „Ich beachte die Selbstfürsorge mehr“, sagt sie.
Diana Flory ist Psychologische Psychotherapeutin in Herxheim. Sie geht davon aus, dass vielen Müttern der Weg in eine Therapie noch nicht möglich war. „Einerseits gibt es nicht genügend Therapieplätze, andererseits haben es die Umstände in der Pandemie bisher erschwert.“ Flory vermutet, dass die Zahl der von Burnout betroffenen Mütter steigen wird. „Von einer verlässlichen Kinderbetreuung in Schule oder Kindergarten sind wir gerade weit entfernt. Dementsprechend wird in diesem Winter wieder einiges zu regeln sein. Und das machen nicht immer, aber oft die Mütter.“
Häufig lastet der Alltag auf den Müttern
Im Besonderen seien Mütter vom Überlastungssyndrom betroffen, deren existenzielle Nöte wenig Raum, also Energie und Zeit, für die Auseinandersetzung mit ihren psychischen Problemen lassen, erklärt Flory. Häufig lastet der Alltag auf ihnen, Haushalt, Kinder, Arbeit. „Es gibt einen Begriff dafür: mental load. Diese mentale Last stieg in den vergangenen Monaten aus unterschiedlichsten Gründen an, wenn beispielsweise betreuungsintensive Kinder oder pflegebedürftige Angehörige im Haushalt leben. Aber auch alleinerziehende Mütter sind eher gefährdet, ein Erschöpfungssyndrom zu entwickeln“, sagt Flory.
Als Persönlichkeitsmerkmal sei oft ein hoher Anspruch an die eigene Leistung erkennbar, erklärt Flory. Betroffene haben sich oft jahrelang verausgabt und sind über ihre eigene Belastungsgrenze hinausgegangen. Manchmal gehe es um die schiere Bewältigung der Belastung, ein andermal aber auch darum, dass man sich selbst gegenüber „nicht genügt“. „Man kann prüfen, an welchen Punkten man etwas zu streng mit sich ist, ob man in bestimmten Dingen vielleicht zu unnachgiebig ist, um an diesen Punkten etwas lockerer zu lassen. Man sollte lernen, sich zu sagen: Es ist gut genug. Anstatt sich immer weiter anzutreiben.“ Sehr hilfreich sei, dieses Erlebens- und Verhaltensmuster als „inneren Kritiker“ oder „inneren Antreiber“ zu begreifen. So werde eine Distanzierung zu diesem Persönlichkeitsanteil angeregt, und man könne lernen, mit sich versöhnlicher und milder zu sein.
Mitgefühl mit sich selbst entwickeln
Wichtig sei, dass man Wege findet, die mentale Last zu verringern. Ein Weg könnte sein, sie auf mehrere Schultern zu verteilen, zum Beispiel auf die des Partners, wenn dies möglich ist. Außerdem sollte man prüfen, was wirklich sein muss und was warten kann. Hilfreich sei außerdem, dass man nicht zu streng mit sich selbst ist. Dass man Mitgefühl mit sich selbst hat und seine Bedürfnisse wahrnimmt. Dass man neben den Pflichten auch noch Erlebnisse hat, die einen erfüllen und berühren.
„Die Erholungsphase dauert oft viel länger, als die Betroffenen erwarten“, berichtet Flory. Häufig seien die Betroffenen in einem Turbomodus und müssten sich mit dem langsameren Fahrwasser erst anfreunden. „Ich erkläre das gerne mit einer Batterie, die tief entladen ist.“ Es reiche nicht, diese kurz und ganz schnell aufzuladen, auch wenn das der Wunsch vieler Betroffener sei. Man müsse lernen, Geduld zu haben und sich auf die längere Dauer der Erholung einzulassen. „Und die Bedingungen schaffen, die das ermöglichen.“
Nachfrage im Pfalzklinikum nimmt zu
Auch im Pfalzklinikum steigt die Nachfrage nach psychologischer Unterstützung. „Bei uns in der Beratung und dem Regionalen Psychosomatischen Zentrum, dem RPZ in Landau, gibt es in der Tat vermehrte Nachfragen nach Hilfe und Unterstützung, jedoch ohne dass man sagen kann, dass es vermehrt Mütter sind“, sagt Natalie Warnat, Oberärztin in der Tagesklinik Landau des Pfalzklinikums. Das Müttergenesungswerk gebe an, dass die Zahl der Mütter mit Erschöpfungssyndrom bis hin zum Burnout in den letzten zehn Jahren um 37 Prozent gestiegen sei. „Es muss jedoch von einer hohen Dunkelziffer ausgegangen werden, da viele Mütter versuchen, den Erwartungen bis zuletzt zu entsprechen und auch im Familienkreis aus Scham Probleme nicht ansprechen.“
Silke Mathes, Gleichstellungsbeauftragte des Pfalzklinikums, spricht neben der geleisteten Sorgearbeit, wie Kinderbetreuung und Haushalt, auch die unsichtbaren Aufgaben an. „Passen die Kleider vom letzten Jahr noch? Stehen Arzttermine an? Wo müssen die Kinder hingebracht werden?“ Hinzu komme das Gefühl, nicht genügend Anerkennung für die erbrachten Leistungen zu erhalten – beruflich wie auch innerhalb der Familie. „Die betroffenen Frauen sollten das Ziel haben, die zahlreichen unsichtbaren Aufgaben, die täglich anfallen, sichtbar zu machen, und vor allem auch sichtbar machen, wie die Aufgaben verteilt sind.“
Methoden zur Stressbewältigung entwickeln
Es sei wichtig für Betroffene zu akzeptieren, dass nicht alles perfekt sein muss, betont Oberärztin Warnat. „Es ist keine Schande, sich Entlastung bei Familienmitgliedern, dem Partner oder Freunden zu erbitten.“ Wichtig sollte Zeit für Entspannung sein, „das kann ein Spaziergang, ein Vollbad oder der Kinobesuch mit einer Freundin sein“. Hilfreich sind Methoden zur Stressbewältigung, etwa Yoga, autogenes Training oder progressive Muskelentspannung. „Das Wichtigste dabei ist, dass die Entspannung sich in den Alltag integrieren lässt und Spaß macht.“
Falls diese Maßnahmen nicht mehr ausreichen, könne beispielsweise ein Austausch mit anderen Betroffenen oder eine digitale Unterstützung zu gesundheitsförderndem Verhalten, möglicherweise sogar eine Rehabilitationsbehandlung, infrage kommen. Hier wäre dann der Hausarzt der erste Ansprechpartner. „Bei schwerer belasteten Müttern, oder wenn sich eine depressive Störung entwickelt hat, kann der Hausarzt Betroffene für eine Beratung an das RPZ Landau verweisen oder auf die Angebote des Pfalzklinikums aufmerksam machen.“ So biete das Pfalzklinikum auch eine Zuhause-Behandlung an, die besonders von (alleinerziehenden) Müttern nachgefragt wird. „Ich denke, dass der offene Austausch und die öffentliche Diskussion über dieses wichtige Thema schon immens wichtige erste Schritte sind“, so Warnat.