Annweiler
Verkehrshölle B10: Sarnstall fordert radikalen Sofortschutz
Das Örtchen Sarnstall schlägt Alarm – und das mit einer Vehemenz, die nicht zu überhören ist. Während das Land eine Entscheidung über eine ferne Zukunft des Tunnel-Ausbaus trifft und Interessenvertreter aller Seiten lautstark um die Deutungshoheit ringen, hat das Queichtal andere Sorgen. Und zwar das, was die Anwohner zu Füßen der B10 im Hier und Jetzt verkraften müssen. Um der großen Politik zu verdeutlichen, wie drastisch die Lage vor Ort ist, wenn die Tunnel mal wieder gesperrt sind, hat der Ortsbeirat des Annweilerer Stadtdorfs Sarnstall nun ein scharfes Positionspapier gen Mainz und Berlin verabschiedet.
„B10-Tunnel werden auf unabsehbare Zeit ein Nadelöhr bleiben“
Abseits der politischen Forderungen aus allen Ecken wirft die Sicht der Menschen vor Ort noch einmal ein ganz anderes Schlaglicht auf die Gesamtproblematik rund um die B10 und ihren Engpass bei Annweiler. Die B10 sei vor über 30 Jahren gebaut worden, um die Gemeinden zu entlasten. Doch stattdessen habe der Bau der durchgängigen Bundesstraße die Situation vielmehr ins Gegenteil verkehrt. „Der Verkehr hat seitdem um ein Vielfaches zugenommen. Die Tunnel weisen einen massiven Sanierungsstau auf und sind an ihre Aufnahmekapazität gekommen“, macht Ortsvorsteher Gernot Neuer deutlich. Mit deutlichen Worten appelliert die Anrainergemeinde an Politik und Behörden, im Zuge des Ausbaus die massiven Belastungen der Anwohner zu berücksichtigen und endlich wirksame Schutzvorkehrungen umzusetzen. Denn die Tunnel seien ein Sicherheitsrisiko für ganze Ortschaften.
Die zentrale Forderung der Sarnstaller: Der weitere Ausbau der viel befahrenen Ost-West-Tangente auf den Flaschenhals zu müsse zwingend mit einem Verbot für Transitverkehr und Gigaliner einhergehen. „Da die Tunnel auf unabsehbare Zeit ein Nadelöhr bleiben werden, ist es sofort nötig, ein komplettes Fahrverbot für diese zu erlassen“, unterstreicht Neuer.
Gefährliche Umleitungen bei Tunnel-Sperrungen: Wenn der Spielplatz zur Gefahrenzone wird
Das Papier wird auch von der Kartonfabrik Weig (ehemals Buchmann) unterstützt, die in Sarnstall mehr Mitarbeiter beschäftigt, als in dem Straßendorf leben. Darin verdeutlichen die Anwohner ihre Verzweiflung mit eindringlichen Beispielen aus dem Alltag eines B10-Nachbarn: Lkw-Kolonnen donnern durch enge Ortsdurchfahrten, Kinder müssen ungeschützte Straßen queren, Gehwege werden zur Gefahrenzone. „Der Spielplatz befindet sich direkt am Ortseingang – dort, wo der Schwerlastverkehr ohne Rücksicht vorbeizieht“, berichtet Neuer.
Wartungen, Reinigungen, Grünschnitte, technische Defekte, Unfälle, Straßensanierungen: Es vergingen kaum zwei Wochen ohne Tunnelstillstand, so der Eindruck vor Ort. Jeder Anwohner habe Verständnis für Arbeiten, die der Unterhaltung und Sicherung dienen. „Man muss aber festhalten, dass das Verständnis durch die Ausfälle, die trotzdem dauernd passieren, überstrapaziert wird“, kommentiert Neuer. Besonders kritisch: Passiert etwas auf der Strecke und die Tunnel werden dicht gemacht, seien die Umleitungsdörfer schutzlos dem Verkehr ausgeliefert. „Bei ungeplanten Sperrungen fährt der Verkehr mit mindestens Tempo 50 durch den Ort – auf Schul- und Kindergartenkinder, Fußgänger oder Radfahrer wird überhaupt keine Rücksicht genommen.“
Transitverbot auf B10 und Tempolimit im Ort: Klare Forderungen aus dem Queichtal
Die Konsequenz für den Ortsbeirat: Der gesamte Ort müsse dauerhaft zur Tempo-30-Zone erklärt werden. Auch Fahrbahnteiler, Zebrastreifen, Fahrbahnschweller und Stoppschilder werden gefordert. Die aktuelle Lage sei unzumutbar. Zwischen Annweiler und Sarnstall solle zudem dauerhaft Tempo 70 gelten – wie es bei geplanten Sperrungen ohnehin vorgeschrieben sei. Mit gedrosselter Einfahrtgeschwindigkeit würde auch im Ort langsamer gefahren werden, argumentiert das Gremium.
Der Ortsbeirat kritisiert auch das Management bei geplanten Sperrungen. Eine solche steht bereits im Herbst wieder bevor. Zehn Wochen sollen die Tunnel dicht gemacht werden, um die Technik auf Vordermann zu bringen. Die Menschen vor Ort blicken der Dauerbaustelle mit Sorge entgegen. Denn durch ihre Dörfer fließt dann wieder der geballte Umleitungsverkehr. Die Vorkehrungen dafür seien bislang jedoch oft zu spät, nur lückenhaft oder unzureichend umgesetzt worden, kritisiert der Ortsbeirat. Deshalb verlangt er verbindliche Schutzmechanismen mit Fußgängerampeln, Auffahrschutz an Gehwegen, verstärkte Tempokontrollen und Fahrverbot für Lang-Lkw. Ausländische Trucker müssten klar verständlich durch Piktogramme auf Leittafeln auf die Umleitungen hingewiesen werden, um diese rechtzeitig zu erkennen. Gleichzeitig sei eine umfassende digitale Informationsstruktur nötig, um Sperrungen automatisiert in Echtzeit auf Autobahnen, Bundes- und Nebenstraßen sichtbar machen zu können.
Straßenschäden durch B10-Umleitung: Sarnstall verlangt Flüsterasphalt – auf Kosten des Landes
Besonders scharf fällt die Kritik des Sarnstaller Gremiums mit Blick auf die überlastete Ortsdurchfahrt aus. Der Zustand der Straße sei katastrophal, verursacht durch jahrelangen Umleitungsverkehr. „Auf der Buckelpiste springen Lkw mit leeren Anhängern richtig in die Höhe – natürlich mit entsprechendem Lärm.“ Kanaldeckel seien eingesunken, Quer- und Längsrillen hätten sich gebildet. Der vorbeirauschende Verkehr rüttele die Anliegerhäuser so durch, „dass Gläser im Schrank klirren oder herausfallen“, beschreibt Neuer die Situation. Der Ortsbeirat fordert daher eine komplette Sanierung mit Flüsterasphalt – und zwar ohne finanzielle Beteiligung der Bürger. Denn: „Es kann nicht sein, dass Anwohnerbeiträge erhoben werden, da die Schäden eindeutig nicht durch den normalen Verkehr verursacht wurden.“
Der Ortsbeirat hält in seinem Schreiben fest, dass sich seine Forderungen nicht grundsätzlich gegen den Ausbau der B10 richten, sondern gegen die fehlende Rücksichtnahme auf die Menschen in den betroffenen Ortschaften. „Die Bevölkerung wird seit Jahren drangsaliert und über die Maßen belastet.“ Die Haltung vieler Behörden, wonach der Verkehr ungehindert rollen müsse, sei überholt, findet er. Stattdessen sollte gelten: „Die Gesundheit und Sicherheit der Bevölkerung muss Vorrang haben.“
Der jüngst beschlossene Forderungskatalog des Ortsbeirats ist auf dem Weg zum Bundesverkehrsministerium, zum Landesverkehrsministerium und zum Landesbetrieb Mobilität.
