Südpfalz
Selbsttest: Online-Coaching gegen Berufs- und Alltagsstress
Frauen dabei zu helfen, Kinder auf die Welt zu bringen, das ist der Traumberuf der 21-Jährigen, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen möchte. Der Weg dorthin ist fordernd. Die Tochter der Autorin ist gerade im dritten Ausbildungsjahr zur Hebamme. Zu ihrer Ausbildung gehören Schichtarbeit im Krankenhaus und Dienstpflicht an vielen Wochenenden. Zusätzlich studiert sie Angewandte Hebammenwissenschaften. Es ist also ganz schön was los bei der jungen Frau, die neben dem Lernen ja auch noch etwas von ihrem Privatleben haben möchte. „Ich bin im Stress“, gibt sie zu. Warum also nicht mal ein Coaching ausprobieren, denkt sich die Herxheimerin. Die Beraterin Nicole Stulier bietet eine neue Methode zur Stressbewältigung an, Emtrace genannt.
Laut Stulier können mit dem Emotionscoaching verschiedenste Themen bearbeitet werden? „Im Prinzip alles, was stresst. Wo Sie später denken: Komisch, eigentlich passt das so gar nicht zu mir“, erklärt die Inhaberin der Landauer Consilio-Akademie, die schwerpunktmäßig Führungskräfte von Sozialorganisationen unterstützt. Ein Coaching ist keine Psychotherapie. Aber mit dem Emtrace-Ansatz könnten Phänomene bearbeitet werden, die Stulier als „Klare Sicht – gefühlte Barriere“ bezeichnet. Ein Beispiel: „Wir wissen, dass wir eigentlich keine Angst vor der Präsentation oder Prüfung haben müssten, spüren aber dennoch Furcht, die uns in Leistung und Wohlbefinden blockiert.“
Online-Coaching in gemütlichem Ambiente
Stulier ist Mutter von zwei erwachsenen Kindern. Seit über zehn Jahren arbeitet sie als Führungstrainerin, seit fünf Jahren hauptberuflich. Zuvor war sie Krankenschwester auf der Intensivstation und leitete ein Altenheim in Landau. Sie kennt sich also in der Sozialbranche aus. Das merkt auch die 21-Jährige: „Sie kann sich gut in mein Arbeitsumfeld hineinversetzen.“ Zwar sind Coachings auch unter den aktuellen Corona-Regeln noch im persönlichen Gespräch möglich, aber „wir bleiben zu Hause“ und treffen uns am Bildschirm. Denn laut Stulier funktioniert die Methode auch online.
Eingemummelt in eine Decke und mit einer Tasse heißem Tee in der Hand – für ein warmes, gemütliches Ambiente – begrüßt die junge Frau die Mentorin über die Video-Plattform Zoom. „Durch das Coaching erreichen wir, dass Verstand und Emotionen wieder optimal zusammenarbeiten und wir entspannter und belastbarer sind“, erklärt Stulier, was die Stunde der 21-Jährigen bringen soll. Wir tauchen ein ins Gespräch. Verblüffend: Bereits nach kurzer Zeit schafft es die Mentorin, eine Vertrauensbasis aufzubauen.
Der Knackpunkt liegt woanders
Die Herxheimerin berichtet von ihrem Leben, von der Uni, von der Ausbildung, von ihrer großen Verwandtschaft und von zu wenig Zeit, um allem gerecht zu werden. Doch ziemlich schnell wird klar, dass der Knackpunkt woanders liegt. Der Hauptauslöser ihres Stresses sind Barrieren in ihren Gedanken. Sie stehe sich selbst im Weg, denke zu viel nach, und dies verursache bei ihr Stress, erklärt Stulier. Derzeit ist sie pandemiebedingt im Homeschooling. „Das tut mir ganz gut, weil die Fahrt nach Karlsruhe wegfällt und ich somit mehr Freizeit habe“, stellt sie fest.
Stulier lenkt, leitet, moderiert die Gedankengänge der Hebammenschülerin. Im Gespräch versetzt sich die junge Frau in die Stresssituation hinein. Durch das gezielte Führen des Coachs verändert sich ihre Wahrnehmung der Situation vom Negativen ins Positive. Im Laufe des Trainings schaut die 21-Jährige von außen auf das Geschehen. Sie verändert ihren Blickwinkel – im wahrsten Sinne des Wortes. Stulier fordert sie auf, ihren Blick langsam von links nach rechts wandern zu lassen. „Je nachdem, wohin wir schauen, werden verschiedene Bereiche in unserem Gehirn aktiviert“, erklärt sie. Die Herxheimerin solle den Punkt erspüren, an dem sie am ehesten in das Stressgefühl hineinkommt und diese Blickrichtung beibehalten. Gleichzeitig werde der präfrontale Cortex, ein Teil des Großhirns, der direkt hinter der Stirn liegt, aktiviert, indem die junge Frau beobachtet, welche Gedanken, Gefühle oder Bilder auftauchen. Dadurch werde die Aufmerksamkeit geteilt, und die Emotion könne reguliert werden, erklärt Stulier. Denn diese Emotionsregulation ist in Stresssituationen oft lahmgelegt. „Obwohl wir uns bestens auf eine Prüfung vorbereitet haben, ist unser Kopf leer“, führt Stulier ein Beispiel an. Ziel der Embrace-Methode sei es, die Blockaden zu lösen und dadurch eingefahrene Verhaltensmuster zu verändern.
Wer hat’s erfunden?
Die Embrace-Methode hat Dirk W. Eilert 2018 entwickelt. Der Trainer und Autor für emotionale Intelligenz und Körpersprache ist laut Stulier der führende Mimikexperte Deutschlands. Als „Gesichterleser“ ist seine Einschätzung regelmäßig in Radio, Fernsehen und Printmedien gefragt. Ende 2020 absolvierte Stulier die Ausbildung zum Emtrace-Coach. Doch ist die Methode wissenschaftlich fundiert? im vergangenen Jahr hat Laura Nachreiner von der rheinischen Fachhochschule Köln ein Wirksamkeitsstudie veröffentlicht, die zum Fazit kommt, dass ein Coaching mit Emtrace signifikant die Prüfungsangst reduziert. Dafür reichten bereits zwei Stunden Training. An der Studie nahmen 38 Probanden teil, die unter Prüfungsangst litten. Weitere Studien sind bisher nicht bekannt. Aber Emtrace basiere auf aktuellen Studienergebnissen, erklärt Stulier. Zum einen auf der Emotionspsychologie, also einem Teil der allgemeinen Psychologie, der sich mit der Erforschung von Emotionen beschäftigt, und auf der psychotherapeutischen Wirksamkeitsforschung, also den Grundlagen, ob oder wie eine Psychotherapie funktioniert.
Zurück zur 21-Jährigen. „Ich nehme auf jeden Fall etwas Positives aus der Beratung mit“, lautet ihr Fazit. „Ich bin gespannt, ob ich die erlernten Techniken auch in Stresssituationen abrufen kann.“ Hilfreich findet sie, dass ihr Stulier Alltagstipps mitgegeben hat, beispielsweise, dass sie jeden Tag einen Moment in sich gehen und bewusst an ein positives Ereignis denken soll. Allerdings ist der Preis pro Coachingstunde nicht ohne. Er beträt 150 Euro. Wie viel Zeit es braucht, um ein Thema nachhaltig zu bearbeiten, hänge von der Komplexität des Themas ab, sagt Stulier. Nach ihrer Erfahrung reichen im Schnitt drei Stunden.