Billigheim-Ingenheim
Südpfälzer „Lindenstraße“-Schauspieler über sein Abschiedsgeschenk an die Serie
Anfang der 1990er-Jahre, da zählte das auch bei uns zum Sonntagsritual: Die ganze Familie, Vater, Mutter, Söhne, Tochter, versammelte sich pünktlich um 18.40 Uhr einträchtig ums damals noch kleinformatige Heimkino. Und gierte gespannt den Alltagsdramen entgegen, die sich in jener angeblich Münchener „Lindenstraße“ mit realem Sitz in den Kölner WDR-Studios, mit melodramatischer Wucht und gleichzeitig auch so real, so nach Menschen-wie-du-und-ich-gestrickter Manier ereigneten. Willig luden wir sie ein ins eigene Wohnzimmer, die Beimers, Sarikakis, Dr. Dressler, die Hausmeisterin Else Kling und all die anderen Typen, die allmählich zu Nachbarn, Freunden, Hausgenossen mutierten.
Und eines schönen Tages kam unsere Tochter, gerade frisch im Neustadter Gymnasium eingeschult, mit heißen Backen und glühendem Blick von der Schule nach Hause. Und sie posaunte heraus: Eine Sensation, sie habe „Kurt Sperling“ auf dem Bahnsteig entdeckt. „Und stell dir vor, der hat uns zugelächelt. Und wir haben uns dann getraut und ein Autogramm gekriegt“ Seliges Kinderglück. Das Poesie-Album wurde von da an wie eine heilige Ikone verwahrt.
Marwitz gehörte sieben Jahre zum Stammpersonal
Der Schauspieler Michael Marwitz lacht, als ich ihn an diese Begebenheit aus seiner Zeit, als Kurt Sperling sein Alter Ego war, erinnere. Von 1993 bis 2000 agierte er im Stammpersonal der „Lindenstraße“, die nun mit der finalen Folge am Sonntag nach 35 Jahren endgültig zu Grabe getragen wird. Dass er sich mit seiner Familie damals in der Südpfalz niederließ, geschah aufgrund familiärer Bindungen. Dass es gerade Billigheim wurde, sei eher Zufall gewesen. Aber bis heute fühle er sich dort sehr wohl.
Das „Lindenstraße“-Engagement sorgte damals für komfortable wirtschaftliche Verhältnisse. „Und es war ein tolles Team, die Arbeitsbedingungen angenehm“, sagt Marwitz. „Der Produzent Geißendörfer, ein Alt-68er, positionierte die Themen am Nabel der Zeit, an den Problemen, mit denen du und ich jederzeit auch konfrontiert sein könnten. Und hart an der ,Tagesschau’ orientiert – will sagen, am gesellschaftspolitischen Alltag der BRD.“
Nach pikanter Affäre blutrünstiger Serientod
Marwitz spielte einen Typ, in den Frauen sich sofort verliebten. Kurt Sperling, Ingenieur und Partner einer Ärztin, zwei Söhne, gut aussehend und vor allem der konziliante, ausgeglichene Typ, wirkte zuweilen geradezu schmerzhaft charismatisch. Und als endlich auch ihn die Versuchung ereilte, ihn die Affäre mit seiner blutjungen Schwiegertochter an die Grenzen des fürs bürgerliche Wohnzimmer Goutierbaren brachte, bekam der betulichen Strahlemann urplötzlich ein solches Negativ-Image, dass er letztlich als Figur nicht mehr zu halten war. Er starb den Serientod auf denkbar blutrünstige Weise.
Für den damals 44-jährigen Michael Marwitz wog das berufliche Aus danach schwer. Ungeachtet seiner soliden Schauspielausbildung, seiner frühen Trophäen, beispielsweise als bester männlicher Darsteller für seine Rolle im ungarischen-deutschen Spielfilm „Tod im seichten Wasser“ (1987), verbaute sein „Serien-Gesicht“ ihm lange das berufliche Fortkommen. „Die ,Lindenstraße’ klebte sozusagen an mir.“ An Fernsehrollen war zunächst nicht zu denken. Die Sorge um die wirtschaftliche Existenz, die aktuell Künstler aus ganz anderem Anlass umtreibt, plagte ihn damals sehr.
Zwischen „Faust“, „Tatort“ und Gesellschaftskritik
Marwitz hat sich, auch mithilfe seine Agentin Kerstin Neuhaus, dennoch freigeschwommen. Vor allem hat er viel Theater gespielt, bei Tournee-Produktionen oder Festivals wie den Ludwigsburger Festspielen. Mit Charakterrollen wie dem Präsidenten in Schillers „Kabale und Liebe“, Goethes „Faust“ oder dem „Ödipus“ bei den Antikenfestspielen in Trier konnte er sein Urtalent, die Bühne, rekultivieren. Zudem hat er zahlreiche Hörspiele und Sprechrollen eingespielt. Und dann entdeckte ihn auch das Fernsehen wieder, für Rollen im Münchener „Tatort“ (2016) oder Serien wie „Der Staatsanwalt“. „Aber das alles ist jetzt wirklich nicht mehr wichtig“, sagt Marwitz, denn seit 2016 hat er den Dreh in die eigenen Hände genommen. Arbeitet intensiv und, wie er sagt, für ihn erfüllend, mit jungen Filmemachern an „fundamentalen Themen der Zeit“.
Die Kurzfilme, die er in den vergangenen vier Jahren mit der deutschen Filmförderung und Studios wie Babelsberg oder Bavaria erstellt hat, haben ihm schon elf Nominierungen und Preise bei internationalen Filmfestivals beschert, unter anderem Barcelona oder Max-Ophüls in Saarbrücken. Meist sind es gesellschaftskritische Themen – „das, was wirklich zählt“, wie Marwitz findet. So wurde 2016 der Streifen „Bis zum Mond“ mit dem SWR-Visio-Zuschauerpreis belohnt, 2018 folgte der Camgaroo Award für „Dir nah“. Aktuell arbeitet Marwitz gemeinsam mit der Drehbuchautorin Alexandra Bekiou an der Kurzbiografie einer jungen, von schweren Schicksalsschlägen heimgesuchten Frau. „Als die Welle brach“ sei eine Hommage an das Leben und die Liebe.
Sein Abschiedsgeschenk an die „Lindenstraße“
Die „Lindenstraße“, so Marwitz, habe ihre Zeit gehabt, das Format passe aktuell einfach nicht mehr, sei zuletzt auch zu überfrachtet gewesen. Dennoch habe er sich im Dezember 2019 – nach 20 Jahren Pause – noch einmal zu einem letzten Dreh in die Kölner Studios aufgemacht. Für ein Special, das bis 1. März 2021 als Showdown zur Serie noch in der Mediathek verfügbar ist. Neben der Hauptakteurin Maria-Luise Marian – Mutter Beimer –, die im Koma liegt, formieren sich in einer geisterhaften Traumsequenz viele der verstorbenen Figuren zu einem skurrilen Totentanz. „Es war mein Abschiedsgeschenk für die ,Lindenstraße’“.