Annweiler
Rundgang über den Jüdischen Friedhof
Hinweisschilder gibt es nicht. Zudem versperrt ein schweres Eisengitter den Zutritt zum Jüdischen Friedhof in Annweiler. Armin Klein kann weiterhelfen. Er wohnt zwar in Wernersberg, kennt sich jedoch in Annweiler so gut aus wie kaum ein anderer. Wegen der Stadtführungen, die er zu seinem Hobby gemacht hat. Zudem ist er Kultur- und Weinbotschafter. Seine Führung zu der Annweilerer Ruhestätte, die er vor zwei Monaten für die Volkshochschule gemacht hat, war auf solch ein großes Interesse gestoßen, dass sie im März wiederholt werden soll.
Der Jüdische Friedhof in Annweiler zählt zu den ältesten seiner Art in der Pfalz. Seit 2008 ist er geschütztes Kulturdenkmal, wegen seines hohen Alters und seiner bemerkenswerten Grabmäler, die ihn „zu einem der bedeutendsten in der Region“ machen, wie es in der Verordnung zur Unterschutzstellung der Kreisverwaltung SÜW heißt.
Wie der Jüdische Friedhof angefahren werden kann
Der Friedhof liegt verborgen, hinter Häusern zwischen der Industriestraße und der Madenburgstraße. Obwohl er eine Fläche von mehr als 2800 Quadratmetern umfasst, nimmt man ihn sogar in unmittelbarer Nähe nicht wahr. Wohnbauten und Gewerbehallen versperren die Sicht. Für den einfachsten Zugang hält Armin Klein es, wenn man den Friedhof vom Ostkreisel aus ansteuert. Hinter der Ausfahrt Burgenring lässt sich die Begräbnisstätte am schnellsten finden.
Klein biegt zunächst in die Industriestraße ab, wendet sich gleich wieder nach links und steht nach wenigen Schritten vor dem Tor. Vorsorglich hat er sich beim Bauhof den Schlüssel besorgt. Das Gelände, das sich über Hunderte Meter ausdehnt, ist recht schmal, kaum 20 Meter breit. Man blickt zunächst auf eine leere, holperige Grasfläche, hinter der ein mit Grabsteinen recht locker bestandener Friedhofabschnitt beginnt. Weit hinten, wo eine Ansammlung von Birken steht, zeigen sich Grabsteine dicht an dicht.
Schiefe Grabsteine, verwitterte Schriftzeichen
„Dort ist der älteste Teil des Friedhofs“, sagt Klein. „Er wurde im 16. Jahrhundert angelegt. Aber aus dieser Zeit sind keine Gräber mehr nachweisbar. Der älteste noch erhaltene Grabstein ist von 1882.“ Im Laufe der Jahrhunderte sei der Friedhof nach beiden Seiten hin kontinuierlich weitergewachsen, zuletzt im Jahr 1875 noch um ein beträchtliches Stück. 1937 sei er zum letzten Mal belegt worden.
Man geht zwischen den eng bemessenen Grabreihen hindurch. Einfassungen gibt es nicht. Etliche Grabsteine stehen schief oder sind mindestens bis zur Hälfte im Boden versunken. Die hebräischen Schriftzeichen sind verwittert und häufig nur noch schlecht zu erkennen. Ganze Teile der Beschriftung sind herabgefallen oder abgeschlagen worden. Es sind auch Schrifttafeln entfernt worden. Am Zaun liegen aufeinandergestapelt Reste zerschlagener Grabmäler. Es drängt sich der Eindruck von Vernachlässigung auf.
Alte Gräber bleiben bestehen
Dennoch: In seiner Bedeutung stehe der Friedhof einer Synagoge nicht nach, lässt Klein wissen. Männer sind daher verpflichtet, beim Betreten eine Kopfbedeckung zu tragen. Die Verstorbenen wurden in einfachen Holzsärgen beigesetzt, mit Blickrichtung nach Osten, also nach Jerusalem hin. Der Grabstein steht immer am Kopfende. Der Wunsch eines Juden ist, in Jerusalem begraben zu werden. Weil das für Juden im fernen Deutschland kaum möglich war, legte man ein Säckchen Erde aus dem Heiligen Land unter den Kopf des Leichnams. Auf dem Friedhof darf nichts verändert werden, denn die Totenruhe gilt als unantastbar. Alte Gräber werden also nicht abgeräumt.
Bei seinen Führungen vergisst Klein nicht, auch über das Schicksal der Juden in der Region zu erzählen. Es war den Juden schwergemacht worden, überhaupt Begräbnisplätze zu finden. In der Regel wurden sie ihnen weit außerhalb der Ortschaften auf freiem, nicht nutzbarem Feld zugewiesen. Auch der Jüdische Friedhof in Annweiler lag ursprünglich weiter als zwei Kilometer von der Stadt entfernt. Er wurde hauptsächlich von Juden aus Albersweiler genutzt, die dafür Abgaben bezahlten. Die Stätte war aber auch Begräbnisplatz für Juden aus Waldhambach, Eschbach, Bergzabern, Pleisweiler, Gleishorbach, Billigheim, Rohrbach, Göcklingen, Klingenmünster, Ingenheim und Arzheim.
Abiturienten präsentieren Facharbeit
Annweiler hatte keine eigene jüdische Gemeinde. 1928 wohnten dort nur 16 jüdische Menschen. Sie gehörten zur jüdischen Gemeinde Albersweiler mit eigener Synagoge. Dort lebten 1848 noch 271 Personen jüdischen Glaubens. 1938 waren es gerade noch 15. Zwei Jahre später gab es keine Juden mehr in Albersweiler. Die meisten waren deportiert worden. Nach Angaben der Listen aus dem Judenarchiv in Jerusalem sind aus Albersweiler 38 jüdische Mitbürger in den Konzentrationslagern umgekommen. Klein zeigt auf einen Stein mit der Inschrift: „Gedenken an Walter Kahn, Sohn von Friedrich & Hedwig Kahn geb. Fuchs, 1922, ermordet Auschwitz“.
Im Jahr 2006 haben Johanna Trauth und Benjamin Werle, Abiturienten des Evangelischen Trifels-Gymnasiums, den Annweilerer Judenfriedhof dem Vergessen entrissen. In einer Facharbeit erfassten sie anhand von Fotos alle 316 Grabsteine, vermaßen sie und hielten ihre Standorte maßstabsgetreu in einem Lageplan fest. Ihre Dokumentation übergaben sie dem Stadtarchiv Landau. Das beispielhafte Engagement der jungen Leute sollte Ansporn sein, dem einzigartigen Kulturdenkmal Annweilers erneut die ihm gebührende Beachtung zu erweisen.
Info
- Die Wanderausstellung „Gurs 1940“ ist bis zum 18. Februar im Ratssaal der Verbandsgemeinde Annweiler zu sehen. Sie ist ist geöffnet montags bis freitags von 8.30 bis 12 Uhr, zusätzlich montags von 13.30 bis 18 Uhr und donnerstags von 13.30 bis 16 Uhr. Die Berliner Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz hat die Schau mit 28 Tafeln in deutscher und französischer Sprache erarbeitet – ergänzt durch neun Stellwände zum Schicksal pfälzischer Jüdinnen und Juden von Roland Paul. „Gurs 1940“ beleuchtet die Deportation und Ermordung von südwestdeutschen Jüdinnen und Juden.
- Am Sonntag, 6. März, führt Stadtführer Armin Klein erneut über den Jüdischen Friedhof in Annweiler. Treffpunkt ist um 11 Uhr am Netto-Parkplatz Netto. Männliche Teilnehmer werden gebeten, vor Ort eine Kopfbedeckung zu tragen. Anmeldung unter Telefon 06346 301218.