Bad Bergzabern RHEINPFALZ Plus Artikel Nach Wirrwarr: Ukrainer haben Geld bekommen

Eine Gruppe ukrainischer Geflüchteter – gestern haben sie nach Wochen des Wartens Geld von der Verbandsgemeinde erhalten.
Eine Gruppe ukrainischer Geflüchteter – gestern haben sie nach Wochen des Wartens Geld von der Verbandsgemeinde erhalten.

52 Menschen haben kein Geld gekriegt, obwohl sie schon fast einen Monat da sind. Gestern um 8 Uhr duften sich die Leute im Bad Bergzaberner Schloss Bargeld abholen. Verwaltung und Helfer berichten, was schief gelaufen ist – und was noch schief läuft.

Freitag, 8 Uhr. 52 Geflüchtete aus der Ukraine strömen ins Schloss – den Sitz der Verbandsgemeindeverwaltung. „Wir standen heute Morgen alle vor dem Schloss, die Mitarbeiter haben aus den Fenstern geschaut“, freut sich Heidi Braun aus Birkenhördt. Die 52 Menschen haben teils seit Wochen kein Geld und sich in den vergangenen Tagen von Kartoffeln und Schafskäse ernährt. Gestern konnten sie die ihnen zustehenden Leistungen abholen – in der Verwaltung hat man deshalb eine Nachtschicht eingelegt, ist zu hören.

„Viele hatten Angst, dass sie kein Geld bekommen“, sagt Braun weiter. Die Mitarbeiter seien trotz des Ansturms sehr freundlich gewesen und die Flüchtlinge überglücklich, dass sie nun endlich finanzielle Mittel für das Nötigste zur Verfügung haben. „Sie haben sich tausendmal bedankt, ich bin auch richtig glücklich“, so Braun. Glücklich, dass es so reibungslos geklappt hat, ist auch Raisa Miller aus Bad Bergzabern, die ebenfalls die Flüchtlinge zur Verwaltung begleitet hat. Sie ist Mitglied der Adventistengemeinde, spricht ukrainisch und betreut Flüchtlinge aus der Ukraine ehrenamtlich. Sie geht zu Banken, um ein Konto einzurichten, zu Ämtern und zu Ärzten.

Nicht alle Daten lagen vor

Dass alle Kriegsflüchtlinge, die im Hotel Seeblick untergebracht sind, am Freitag Geld bekommen, war am Donnerstagabend noch nicht klar. Denn die Gemeinde hatte die Daten von 23 Geflüchteten noch nicht vorliegen. Diese waren auf dem persönlichen Postfach eines Mitarbeiters der VG-Verwaltung gelandet – und zwar nachdem dieser an Corona erkrankt ist. Da eine Krankheit auch über Nacht kommen kann, wurde keine Abwesenheitsnotiz hinterlassen. Das berichten VG-Bürgermeister Hermann Bohrer und Erster Beigeordneter Martin Engelhard unisono. „Menschen müssen uns bekannt sein, damit wir ihnen Geld geben können.“ Also hat Engelhard Raisa Miller von der Adventisten-Gemeinde angerufen.

„Wir haben die Daten dann nochmal an die Verbandsgemeinde geschickt“, erzählt die Ehrenamtliche Raisa Miller. Sie freut sich, dass die Geldauszahlung für alle geklappt hat und sich jeder jetzt auch notwendige private Dinge kaufen könne. Allein für Hygieneartikel war in der Vergangenheit kein Geld da, weiß Heidi Braun, die einmal mit den Frauen und einer privaten Spendensumme eine Einkaufstour durch den Drogeriemarkt gemacht hat. Sie freut sich auch über viele Lebensmittelspenden, die nach dem Artikel in der RHEINPFALZ im Hotel Seeblick abgegeben wurden. Telefonisch hat sich nach dem Artikel Spediteur Alfred Engel gemeldet, der der Gruppe 2000 Euro spenden will. „Mir tun die Menschen leid, so etwas darf nicht passieren“, nennt er seine Motivation. „Ich glaube, davon kaufen sie sich eine zweite Waschmaschine und eine Gefriertruhe“, vermutet Raisa Miller.

Flüchtlingshelfer an Belastungsgrenze

Doch warum gingen die Mails an das persönliche Postfach eines Mitarbeiters? Die Person sei die einzige gewesen, die ihr auf eine E-Mail geantwortet habe, sagt Flüchtlingshelfern Natalie Gorst, die seit Wochen zusätzlich zu ihrer Arbeit eine „zweite Schicht“ schiebe, um den Ukrainern zu helfen. Sonst habe sie nie eine Rückmeldung aus der Verbandsgemeinde bekommen. Und, wie es im E-Mail-Verkehr üblich ist, klickt man auf „Antworten“ und tippt nicht jedes Mal eine neue Adresse ein. Aber nicht nur Gorst ist an der Belastungsgrenze. Auch andere Flüchtlingshelfer sind es.

Viele Geflüchtete leben in privaten Unterkünften. Wie in der Ferienwohnung im Haus von Ingo und Annika (Namen von der Redaktion geändert), die in der Verbandsgemeinde Bad Bergzabern wohnen. Sie haben eine Familie mit zwei Kindern, einem dreijährigen Mädchen und einem 16-jährigen Jungen, aufgenommen.

Die Kommunikation laufe über mit Google-Übersetzer, die ukrainische Familie spreche nur ihre Muttersprache. Am 23. März kam die Familie bei ihnen an. Zu diesem Zeitpunkt wussten sie noch nicht, was alles auf sie zukommt. „Sie kamen aus dem Aufnahmelager in Trier, ein Fahrer hat sie zu uns gebracht, die Dreijährige hat herzzerreißend geweint. Der lapidare Kommentar des Fahrers war, dass sie das den ganzen Morgen schon mache“, erzählt Ingo. Sie wollten helfen und würden das auch wieder tun, aber es sei fast ein Vollzeitjob, ist die Bilanz von Ingo nach zwei Wochen Behördendschungel.

Stundenlange Telefonate

Natürlich haben sie die Familie auch mit Lebensmitteln und Taschengeld unterstützt. Er verbringe immer noch rund drei Stunden pro Tag am Telefon, um behördliche Dinge zu regeln, sagt Ingo. Sei oft von Behörde zu Behörde verwiesen worden, um dann wieder bei der ersten Behörde zu landen.

Ein großes Problem seien auch Arzt- und Klinikbesuche, da der 16-Jährige chronisch krank sei und regelmäßige ärztliche Betreuung und Medikamente brauche. Aktuell wollen die Gastgeber mit der Familie in eine Kinderklinik. „Es ist eine Wahnsinnsbürokratie, bisher bekommen wir dafür keinen Behandlungsschein“, berichtet Ingo. Sie hätten jetzt auch privat einen Übersetzer für schwierige Themen organisiert. Die Telefonate, die er bisher geführt hat, kann er gar nicht mehr zählen. Er und seine Frau Annika sind auch in einer privaten Gruppe im Internet, in der sich Menschen aus der Südpfalz austauschen, die Flüchtlinge aufgenommen haben. Mit praktischen Erfahrungen und Tipps. Auch über die den Flüchtlingen zustehenden Zahlungen. „Rund zweieinhalb Wochen dauere es von der Kontoeröffnung bis zur Zahlung, geben viele an“, erzählt Annika. Manche haben auch nach zweieinhalb Wochen noch kein Geld. „Was uns am meisten ärgert, ist, dass manch einer zu vergessen scheint, dass es Menschen sind, die alles verloren und ihre Heimat verlassen haben und aus einem Krieg gekommen sind. Auch mit Bildern, die sie so schnell nicht vergessen“, fassen die beiden ihre Erfahrungen zusammen.

Verwaltung ist von Corona gebeutelt

Mit dem Geld hat es auch Probleme bei den im Hotel untergebrachten Geflüchteten gegeben – und zwar auch bei den registrierten 23 Bewohnern. Die Verbandsgemeinde habe nie wie versprochen die Bankverbindungen erhalten, sagt Beigeordneter Engelhard. Das ist korrekt, bestätigt Helferin Gorst. Sie habe die VG per Mail informiert, dass es da Probleme mit der Bank gegeben habe. Ein paar Tage später habe sie eine allgemeine Mitteilung erhalten und dann abgewartet, was noch passiert. „Mir tat es weh, dass nichts in die Wege geleitet wird“, sagt Gorst.

Aus Sicht der Verwaltung prallen gerade mehrere Problemlagen aufeinander. Da ist zum einen Corona. Rund 20 Prozent der Mitarbeiter fielen derzeit aus. Um die anfallende Arbeit im Sozialamt stemmen zu können, habe man sieben Mitarbeiter aus anderen Abteilungen dort eingesetzt. Es gehe ja nicht nur darum, Anmeldebescheinigungen auszustellen und Geldtransfers durchzuführen, sondern es gebe noch viel Arbeit im Hintergrund. Darunter auch Koordination und Organisation. Und dann ist da noch die Anzahl der Geflüchteten.

Verbandsgemeinde ist besonders gefordert

In der VG Bad Bergzabern seien aktuell 330 aus der Ukraine Geflüchtete angekommen – im ganzen Kreisgebiet sind es rund 650, sagt Engelhard. Bürgermeister Hermann Bohrer hat wegen der RHEINPFALZ-Berichterstattung seinen Urlaub unterbrochen. Es lebten viele Ukrainer in der VG, dazu kommen viele Initiativen, die gute Beziehungen in das Land pflegen. Wenn man es sich aussuchen kann – und die Ukrainer können das im Gegensatz zu den Menschen, die 2015 gekommen sind – gehe man dorthin, wo man Leute kennt. Und diese Initiativen und Personen leisteten Großartiges, betont Bohrer immer wieder. Aber es gebe kleine Probleme. „Wir können nur denen helfen, von denen wir wissen, dass sie da sind.“ Er bittet darum, dass sich die Leute bei der VG anmelden. Ein ähnlicher Aufruf wurde vom Landauer Sozialamtsleiter Jan Marco Scherer auch schon gestartet. Er hat darauf verwiesen, dass man heute vielleicht noch keine Hilfe brauche, aber das könne sich ändern.

Bohrer appelliert an die Helfer: Wenn es ein Problem gibt, sollte man sich an die die allgemeine Adresse ukrainehilfe@vgbza.de wenden – darauf haben mehrere Leute Zugriff. Auch im Krankheitsfall gehe nichts verloren. Am Donnerstag vergangener Woche, vor seinem Urlaub, habe Bohrer noch gefragt, ob alles okay sei. Man habe nicht die Kapazität, den Hilfesuchenden nachzutelefonieren. Von vielen wisse man auch nicht, wo sie gerade seien. Die Mitarbeiter hätten berichtet, dass das Postfach leer ist. „Alles im Griff.“ Dem war nicht so, aber das habe man nicht wissen können, betont Bohrer weiter. „Wenn es ein Problem gibt, wenden Sie sich an die VG. Wir helfen.“ Und das Geld? „Alle Menschen, von denen wir wissen, dass sie hier sind, haben jetzt Geld erhalten“, betont Beigeordneter Engelhard.

Die Warteschlange in der Verwaltung.
Die Warteschlange in der Verwaltung.
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