Südpfalz
Initiative Südpfalz-Energie: Jedes Dorf braucht Solarpark
Energiekrise, Ukraine-Krieg, Klimawende – beim aktuellen Blick auf Strom-, Gas- und Benzinrechnung kann einem ganz schwindelig werden. Aber die Zeiten, in denen man das Heil allein in Atomkraft und Kohle suchte, sind vorbei. „Wir müssen die erneuerbaren Energien auf das Vierfache der aktuellen Energiemenge ausbauen“, nennt Wolfgang Thiel als Aufgabe der Gesellschaft bis 2040. Parallel müsse der Energieverbrauch um über die Hälfte gesenkt werden, um die Versorgungssicherheit über regenerative Energien zu gewährleisten. Thiel ist Vorsitzender der Initiative Südpfalz-Energie (ISE) und muss es wissen. 38 Jahre arbeitete er bei Siemens im Kraftwerkbau, bevor er im Ruhestand die Seiten wechselte. Er und seine Mitstreiter – ebenfalls Ingenieure, aber auch Wissenschaftler und Handwerksmeister – betreiben grüne Lobbyarbeit. Ohne wirtschaftliche Interessen, wie die Herrenrunde im Gespräch mit der RHEINPFALZ betont. Dafür mit der Inbrunst des Idealismus.
Doch die hinterherhinkenden Transformationszahlen des Koalitionsvertrags Rheinland-Pfalz und noch mehr der tatsächlichen bisherigen Umsetzung zeigten, beim Ausbau der regenerativen Energie „müssen wir uns auf den Hintern setzen“. Und dafür hat die Initiative eine Idee: „Jedes Dorf braucht eine Fotovoltaik-Freiflächenanlage“, ist die Gruppe überzeugt. Die Solarparks könnten etwa auf Weiden, Feldern oder Naturschutzflächen aufgestellt werden. Eine derartige Freiflächenanlage betreibt die Energie Südwest an der B10 bei Dammheim, auf einer stillgelegten Mülldeponie.
Auf vier Hektar würden dort zwei Millionen Kilowattstunden Strom produziert, mit neuen Modulen wäre sogar das Doppelte möglich, sagt Karl Keilen. Der ehemalige Ortsbürgermeister von Bornheim gehört als Energieexperte ebenfalls der Initiative an. Bei Westheim gebe es eine weitere Anlage, in Böchingen hat ein Privatmann den Sportplatz in einen Solarpark umgewandelt, dann hört es laut Keilen in der Südpfalz auch schon weitgehend auf.
Ein bis drei Hektar große Anlagen pro Dorf
Wie groß müssten die Anlagen sein, damit sich ein Dorf damit versorgen könnte? Keilen rechnet es für seine Heimatgemeinde vor. Die rund 1500 Einwohner hätten einen Stromverbrauch von zwei bis drei Millionen Kilowattstunden pro Jahr. Dies könne eine Fotovoltaik-Freifläche von zwei bis drei Hektar leisten. Also je nach Bewohnerzahl ein bis drei Hektar großer Solarpark um jedes Dorf in der Südpfalz? Das wird bei Leuten, die die „Verspargelung der Landschaft“ mit Windrädern auf die Palme bringt, wohl ebenso für Naserümpfen sorgen. Mit solch einem Bürgereinwand müsse man rechnen und umgehen, ist Thiel bewusst. Aber es gehe auch um die Versorgungssicherheit, wenn man die Abkehr von den fossilen Brennstoffen einleite. Und dafür müsse man sich neuen Ideen öffnen.
Um die von der ISE gesteckten Ausbauziele bis 2040 zu erreichen, müssten rund 16.500 Hektar in Rheinland-Pfalz, das entspricht 2,4 Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche, mit solchen Sonnenenergie-Anlagen bestückt werden. Diese wären natürlich nur ein Baustein – bei Windkraft, Solarthermie und Fotovoltaik an Gebäuden und Co. müsse auch noch kräftig nachjustiert werden. Um das Freiflächen-Projekt in der gewünschten Dimension umzusetzen, müssten jährlich rund 0,67 Milliarden Euro in die Hand genommen werden. Wer die bezahlen soll? Die ISE sieht regionale Energieversorger als die geeignetsten Investoren an. Am besten als ein Projekt mit Bürgerbeteiligung etwa über Bürgergenossenschaften, damit die Menschen vor Ort davon profitierten, sagt Keilen.
Sonnenenergie ertragreicher als Energiemais
Nicht gerade enthusiastisch aufgenommen wird die Idee wohl in Landwirtschaftskreisen, schließlich müssten die Bauern Ackerfläche für die Anlagen opfern. Vielleicht könnte man die dafür benötigen Quadratmeter als Brachfläche anrechnen, wirft Thiel als Verhandlungsidee in den Raum, um es den Bauern schmackhafter zu machen. Denn die EU verlangt ab 2023, dass mindestens vier Prozent der landwirtschaftlichen Fläche stillgelegt sein soll. Andere Idee: Auch Ausgleichsflächen für Neubauprojekte könnten für die Solarparks verwendet werden, schlägt die ISE vor. Überhaupt: Laut Thiel sind die Fotovoltaikanlagen wesentlich ertragreicher als etwa der Anbau von Energiemais, der in Biogasanlagen verstromt wird. Über das 40-Fache an Energie könne auf der gleichen Fläche erzeugt werden.
Und wenn man nicht eines statt des anderen wählen wolle, könne man auch beides in einem haben: mit Agri-Fotovoltaikanlagen. Die sehen ähnlich den Fotovoltaik-Freiflächen aus, nur eine Etage höher. So können sie auf bewirtschafteten Ackerflächen, in Obstplantagen oder Wingerten aufgestellt werden, erklären Thiel und seine Mitstreiter. „Landwirt plus Energiewirt ist gleich Ökowirt“, frohlockt die Initiative Südpfalz-Energie. Aber wachsen die Pflanzen dann überhaupt noch, wenn sie überall von Modulen überdacht werden? Diese würden versetzt aufgebaut, etwa ein Drittel mit Modulen, zwei Drittel frei, erklärt Thiel. Durch den Lauf der Sonne sei die Verschattung gering. Eine Untersuchung der Uni Hohenheim habe ergeben, dass die Ertragseinbußen unter 20 Prozent lägen. In Hitzejahren, mit denen man künftig ja häufiger rechnen müsse, sei der Ertrag sogar höher gewesen als auf den offenen Flächen, da die Verschattung das Obst und Gemüse geschützt habe und die Wasserverdunstung geringer sei. Und gegen Hagelschlag böten die Anlagen auch Schutz.
Energiesparwunder Wärmepumpe
Auf jeden Fall will die Initiative neben den Kommunen und Landwirten auch den Naturschutz bei ihrer Kampagne mit ins Boot holen. Denn aus Fotovoltaik-Freiflächenanlagen könnten Biotope entstehen, sei das Grünland darunter doch nicht beweidet und nicht gedüngt, verdeutlicht Keilen. Für das zweite Halbjahr 2022 kündigt die ISE jeweils zwei Infoveranstaltungen an der Rheinschiene und an der Weinstraße dazu an.
Die erneuerbaren Energien auszubauen, das ist die eine Seite der Medaille, Energie einzusparen die andere. Und da müsse sich jeder an die eigene Nase fassen, auch wenn Verzicht ein unbeliebtes Thema sei, ist der Energie-Initiative bewusst. Die Frage ist ja: Wie kann man den Stromverbrauch senken, ohne dass es wehtut? Da macht die ISE Werbung für den „physikalischen Segen“: die Wärmepumpe. Die funktioniere wie ein Kühlschrank, nur umgekehrt, erklärt Thiel. Sie ziehe aus der Umgebung Wärme, und mit Strom könne die Wärme auf ein höheres Temperaturniveau gebracht werden. „Man steckt eine Kilowattstunde Strom rein und bekommt vier Kilowattstunden Wärme heraus.“ Damit könne man bei der Beheizung seines Zuhauses also mehr als 75 Prozent Energie einsparen, verdeutlicht Thiel.
Staatliche Förderung bei Umstellung
Es gebe unterschiedliche Varianten. Die gängigste und günstigste sei die Luft-Wasser-Pumpe, die Wärme aus der Umgebungsluft abzieht. Es gibt aber auch Wasser-, Erdsonden- oder Fotovoltaik-Wärmepumpen. Ganz billig ist die Anschaffung nicht, mit 30.000 Euro müsse man schon kalkulieren. Aber dafür winken auch satte Fördermittel: Wer von Öl auf Wärmepumpe umstellt, bekommt 45 Prozent vom Staat, beim Wechsel von Gas auf Wärmepumpe sind es immerhin noch 35 Prozent.
Auf lange Sicht gesehen, sei die Wärmepumpe nicht nur ein Segen fürs Klima, sondern auch für den Geldbeutel. Keilen rechnet vor: Eine neue Gasheizung schlägt etwa mit 10.000 Euro zu Buche, eine neue Wärmepumpe kostet abzüglich der Förderung etwa 6500 bis 9500 Euro mehr. Bei einem Einfamilienhaus mit 20.000 Kilowattstunden Wärmebedarf komme man pro Jahr auf Kosten von rund 3340 Euro mit dem herkömmlichen Heizsystem und auf 1550 Euro mit einer Wärmepumpe. Macht einen Unterschied von 1790 Euro. Auf eine Lebensdauer der Anlage von 20 Jahren gerechnet, spare man also 35.800 Euro ein. Rechne man die höheren Anschaffungskosten gegen, bliebe immer noch eine Ersparnis von circa 26.300 bis 29.300 Euro. Auch zu diesen Thema wird die ISE im zweiten Halbjahr Infoveranstaltungen anbieten, geplant sind je drei an der Rheinschiene und an der Weinstraße.