Kreis Südliche Weinstraße Hundeelend
Der dickliche, weiße Labrador wedelt aufgeregt mit dem Schwanz, als Tierpflegerin Stefanie Heinrich die Tür zu seinem Zwinger auf dem Gelände des Tierheims Maria Höffner in Landau öffnet. Er schiebt sich an der Wand entlang auf sie zu, in gebückter Haltung, fast kriechend. „Das wurde ihm so antrainiert“, ist Heinrich überzeugt. Mangelnde Bewegung hat wohl darüber hinaus noch seinen Gelenken geschadet. Ein paar Meter weiter, das Gatter durch mehrere alte Laken von seinem Nachbarn abgedeckt, schwirrt ein weiterer, schwarzer Labrador nicht minder aufgeregt durch den Zwinger. Er sieht schlimm aus, mit einer hängenden Gesichtshälfte, Verfilzungen im Fell, Dreck zwischen Auge und Schnauze. Die Tierpfleger können ihn nicht baden, denn er will nicht berührt werden. Irgendwie will er aber doch, geht immer wieder auf die Tierpflegerin zu, die ihn mit Leckerlis lockt. Im letzten Moment dreht er ab, läuft einen Kreis, jedes Mal. Der Hund ist traumatisiert. Niemand weiß, was genau mit ihm passiert ist. Aber wo er zuletzt war. Vergangene Woche Donnerstag hatten mehrere Polizeibeamte bei einer Razzia zwei Wohnhäuser und die Praxis einer Tierärztin in Bornheim wegen des Verdachts auf Tierquälerei und Abrechnungsbetrug gestürmt (wir berichteten). Einen Tag später hat sie ihre Praxis wieder eröffnet. Mit Hilfe von Tierschützern retteten die Beamten 44 Hunde, 18 Katzen und drei Kängurus. Die Hunde und Katzen kamen in Tierheimen in der Pfalz sowie in Karlsruhe unter. Wie berichtet, wollte der Landauer Zoodirektor Jens-Ove Heckel nicht preisgeben, wo die drei Kängurus sind. Die Tierärztin teilte gestern auf Anfrage mit, sich in den kommenden Tagen im Beisein ihres Anwalts zu den Vorwürfen äußern zu wollen. Viele zeigten sich empört darüber, dass die 50-Jährige seit vergangenen Freitag, einen Tag nach der Razzia, wieder Tiere behandelt. Tierschützer hatten sich vor ihrer Praxis postiert und die Polizei gerufen. Sie – genauso wie viele RHEINPFALZ-Leser und Facebook-Nutzer – forderten ein Berufsverbot. Daniel Kaul vom Tierschutzverein Südpfalz distanziert sich davon, die Behandlungsweise der Tierärztin zu beurteilen. „Wir wissen lediglich, dass sie mit ihrer Haltung gegen das Tierschutzgesetz verstoßen hat“, sagt Kaul. Sowohl was die Größe der Räume als auch die Hygiene betreffe, ergänzt Heinrich. In einem Haus sollen die Tiere nach Angaben eines Polizisten in Räumen mit einer fünf Zentimeter dicken Fäkalienschicht gehaust haben. Doch wer entscheidet eigentlich über ein Berufsverbot? Die Polizei sagt, das sei der zuständige Berufsverband. Bei der Landestierärztekammer ist der Fall bekannt. Zuständig ist dort aber niemand. Eine Mitarbeiterin verweist auf das Landesuntersuchungsamt in Koblenz, die Behörde für Verbraucher- und Gesundheitsschutz für Mensch und Tier. Dort kann oder vielmehr darf man zum aktuellen Zeitpunkt nichts sagen. Einerseits wegen des laufenden Verfahrens, andererseits sei die zuständige Sachbearbeiterin diese Woche noch im Urlaub, sagt ihre Kollegin. Sie wisse noch gar nichts von dem Fall. Im Tierheim und beim Tierschutzverein Südpfalz trudeln derweil immer weitere Hilfsangebote ein. Viele wollen die geretteten Hunde und Katzen zu sich holen. „Das sind alles ganz lieb gemeinte Angebote, aber das ist momentan nicht möglich“, sagt Tierschützer Kaul. Denn die Tiere seien derzeit nur in der Obhut des Tierheims. Rein rechtlich gehörten sie aber dem Landkreis Südliche Weinstraße, weil dort das zuständige Veterinäramt angesiedelt ist. Bis die Tiere überhaupt resozialisiert sind – und laut Heinrich waren sie irgendwann einmal an Menschen gewöhnt– dauert es noch eine ganze Weile. „Die Hunde kommen langsam bei uns an“, sagt die Tierpflegerin. Die Rettung sei für sie eine Tortur gewesen. „Man muss sich nur vorstellen, wie lange sie in den Gebäuden waren. Und dann kommen da ganz in Weiß vermummte Menschen rein und wollen sie mitnehmen.“ Sie habe bei der Razzia jedem einzelnen Hund versprochen: „Jetzt ist es nur noch einmal schlimm, danach wird’s besser.“ Viele der Tiere seien zum Beispiel das Tragen eines Halsbandes nicht gewohnt, daran müssten sie nun zuerst arbeiten. Die Leiterin des Hundebereichs im Tierheim ist immer noch sauer. Aber das treibe sie und das Tierheim-Team nur weiter an, viele Überstunden zu schieben, um die Hunde an Menschen zu gewöhnen. Damit sie bald vermittelt werden können. Bis dahin sind die Tierpfleger für jeden Helfer dankbar, der im Tierheim mit anpackt, bei einfachen Arbeiten wie Geländepflege, Laubfegen, Rasenmähen, Spülen. „Das würde uns ganz viel Stress nehmen, da viele Stunden fürs Kümmern um die Neuankömmlinge draufgehen“, sagt die Tierpflegerin. Werde noch Futter benötigt, so teilt das Tierheim das auf seiner Internetseite mit. Momentan sei genug vorhanden. „Um die aktuelle Situation besser bewältigen zu können“, hat Landaus Oberbürgermeister dem Tierheim eine Spende über 500 Euro aus der Sparkassenstiftung zugesagt. Der Tierschutzverein plant eine große Spendenaktion. Den Erlös soll ein Treuhänder an alle an der Rettung beteiligten Tierheime und Tierschutzorganisationen fließen. Damit wollen Kaul und seine Kollegen sich für die gute Zusammenarbeit bedanken.
