Vorderweidenthal RHEINPFALZ Plus Artikel Dorfältester: Von Granatsplitter getroffen

Gerhard Greitsch wird 1950 dem damaligen Ortsbürgermeister als Arbeitskraft in der Landwirtschaft zugeteilt.
Gerhard Greitsch wird 1950 dem damaligen Ortsbürgermeister als Arbeitskraft in der Landwirtschaft zugeteilt.

Gerhard Greitsch wirkt fit und zufrieden nach einem Leben mit Krieg, Gefangenschaft, Vertreibung und harter Aufbauarbeit. In Ostpreußen geboren, verschlägt es ihn 1950 nach Vorderweidenthal. Was der 94-Jährige an seinem Dorf so schätzt.

Der heutige Dorfälteste von Vorderweidenthal, Gerhard Greitsch, hat sein Leben lang hart gearbeitet. „Ich würde heute nichts anders machen“, sagt der 94-Jährige, der täglich die RHEINPFALZ liest, bevorzugt Sport und Regionales. „Vorderweidenthal ist meine Heimat“, sagt Greitsch.

Die Eltern arbeiten auf einem Gutshof in Ostpreußen im Kreis Annaburg, wo Sohn Gerhard 1926 geboren wird. Seine Jugend endet jäh, als er mit 17 Jahren eingezogen wird. Im Kriegseinsatz in Ungarn wird er verwundet, ein Granatsplitter im rechten Bein durchtrennt einen Nerv, an den Folgen leidet er sein Leben lang. Im Lazarett in Bad Gastein bleibt er bis Kriegsende, nach der Gefangenschaft landet er in Bayern. „Es war überfüllt von Flüchtlingen, dann wurde eine Umsiedlungsaktion angeboten, da habe ich mich gemeldet“, erinnert sich Greitsch.

„Viele zerstörte Häuser“

Im Mai 1950 wird er nach Vorderweidenthal umgesiedelt. Auch seine Mutter und seine vier Geschwister kommen mit. Greitsch wird dem damaligen Ortsbürgermeister Hermann Müller als Arbeitskraft in der Landwirtschaft zugeteilt. In fast jedem Haus sei damals Land- und Holzwirtschaft betrieben worden, erzählt Greitsch. „Viele Häuser waren zerstört, andere provisorisch geflickt, es gab keine Straßenbeleuchtung, die Abwässer liefen alle an der Straße entlang.“

Greitsch erinnert sich an den gemeinsamen Waschplatz am Bach, die Milchsammelstelle, zu der auch er die Milch seiner Kühe bringt, und den Dreschplatz, zu dem die Getreidegarben gebracht werden, um dann mit einer stationären Maschine gedroschen zu werden. Es gab zudem viele Gewerbebetriebe, unter anderem drei Lebensmittelläden, in einem wird sogar Fisch verkauft, eine Bäckerei, eine Metzgerei und zwei Gaststätten.

Gemeinsamer Gefrierschrank für Dorfbewohner

„Bei Schmitt gab es im Tanzsaal auch Kinovorführungen“, erzählt der Senior, der sich noch an die Heimatfilme erinnert, die damals gezeigt wurden. Zwei Tankstellen hatte die Gemeinde aufzuweisen, ebenso eine Mühle, die auch die örtliche Bäckerei versorgt, eine Gemeindeschwester, einen Arzt und einen Zahnarzt. Und viele Handwerksbetriebe, auch eine Schuhfabrik. „Die Schule war im Dorf, und es gab den Polizisten Schulz“, sagt Greitsch.

„Später sind noch zwei Bankfilialen und eine Post dazu gekommen, zudem gab es einen gemeinsamen Gefrierschrank im Dorf, wo man sich Gefrierfächer mieten konnte“, schildert Greitsch die einst umfangreiche Infrastruktur des Dorfes. Bekannt war auch Siegfried Scherer gehört, der die neuesten Nachrichten mit einer Glocke zu Fuß und mit lauter Stimme im Dorf verkündete. Und der Dorfschreiber, der bis zur Gründung der Verbandsgemeinde ein eigenes Büro hatte.

Familie wird gegründet

In Vorderweidenthal lernt Greitsch auch seine Liesel kennen, die er 1953 heiratet. Für die Hochzeit im elterlichen Haus der Braut wird ein Schwein geschlachtet, wie es damals üblich war. Der Ehemann findet zunächst Arbeit in einem Baugeschäft in Bad Bergzabern, dann in der Emaillefabrik in Annweiler, auf deren Gelände heute der Wasgau-Markt steht. Bis zur Rente arbeitet Greitsch bei der Demag in der Kurstadt, insgesamt 32 Jahre Arbeit im Akkord.

Seine Frau Liesel arbeitet in der Schuhfabrik in Schwanheim, bis die Kinder Renate und Ilona geboren werden. Dann steppt sie Schuhe in Heimarbeit. Das Paar betreibt, wie sehr viele in dieser Zeit, als Nebenerwerb eine Landwirtschschaft mit zwei Kühen, Schweinen, Hühner und einem großen Garten zur Selbstversorgung. Das Holz zum Heizen wird selbst geschlagen. „Es gab damals viele Gärten und meist lebten mehrere Generationen unter einem Dach“, erinnert sich Greitsch.

Plausch am Rentnerbänkl

Der Senior berichtet von Festen in Vorderweidenthal. Die Kerwe und das Johannisfest sind lange fester Bestandteil im Dorf. Er ist im Gesangverein, später im Kirchenchor, beide Vereine existieren nicht mehr. Greitsch ist Presbyter und im Sportverein. Auch heute noch lebt er in dem Haus, in dem er seine 2011 verstorbene Frau Liesel geheiratet hat. Mit Tochter Ilona Hoff, ihrem Mann Gerhard und deren beiden Kindern.

Greitsch wirkt fit und zufrieden nach einem Leben mit Krieg, Gefangenschaft, Vertreibung und harter Aufbauarbeit. Auch mit fast 95 Jahren läuft er noch fast jeden Tag einige hundert Meter zum Rentnerbänkl, wo sich hoffentlich bald wieder die Senioren zum „coronafreien“ Plausch treffen können. Den kulinarischen Treff im Gemeindehaus, in dem er vor Corona wöchentlich mit anderen Senioren zu Mittag gegessen hat, vermisst er.

Die Serie

In unserer neuen Serie „Sellemols“ wollen wir die Dorfältesten zu Wort kommen lassen. Wie war das Leben vor mehr als 50 Jahren in den Ortschaften unserer Region? Wie hat sich dieser Landstrich im Laufe der Zeit verändert? Und was prägt einen in einem langen Leben? Wir wollen die kleinen und großen Geschichten dieser Menschen erzählen – und vielleicht von ihren Erfahrungen lernen. Bisher erschienene Teile der Serie finden Sie hier.

In seiner neuen Heimat lernt Greitsch seine Frau Liesel kennen.
In seiner neuen Heimat lernt Greitsch seine Frau Liesel kennen.
Gerhard Greitsch beim Badevergnügen in den 50er-Jahren am nahe gelegenen Seehof.
Gerhard Greitsch beim Badevergnügen in den 50er-Jahren am nahe gelegenen Seehof.
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