Klingenmünster RHEINPFALZ Plus Artikel Abgefahren: In den alten Bahnhof soll neues Leben einziehen

Ein Lehrer aus dem Rheinland hat das Gebäude gekauft und will es sanieren.
Ein Lehrer aus dem Rheinland hat das Gebäude gekauft und will es sanieren.

Man nannte es liebevoll „Wisseritscherle“, das Bähnchen, das früher Rohrbach und Klingenmünster verband. Es ist längst Geschichte: Auf der Bahnstrecke ist 1967 der letzte Güterzug gefahren. Der alte Klingenmünsterer Bahnhof erinnert noch an die Nebenbahn. Bald soll in dem geschichtsträchtigen Gebäude neues Leben einziehen.

An der Fassade kann man noch immer den verblassten Schriftzug „Klingenmünster“ erkennen. Auch der alpenländische Baustil aus der bayerischen Zeit weist darauf hin, dass hier kein normales Dreifamilienhaus steht. Aber die Türen zur früheren Empfangshalle des alten Bahnhofs von Klingenmünster sind vermauert, und auch sonst ist nicht viel übrig geblieben von der alten Bahnhofsherrlichkeit. Doch das wird sich wohl bald ändern.

In dem detailreichen und liebevoll gestalteten Buch „Die Klingbachtalbahn“, verfasst von Andreas Bachtler vom Modell- und Eisenbahnclub Landau und Heimatforscher Günter Nuss aus Klingenmünster, lässt sich die Geschichte der Bahn und des Bahnhofs nachlesen. Es war kein Geringerer als der bayerische Prinzregent Luitpold, der die „Conzession für eine Eisenbahn von lokaler Bedeutung“ erteilte. In einem Rentabilitätsgutachten wurden verschiedene Gründe ins Feld geführt. Nicht nur für die ansässige Bevölkerung werde das neue Transportmittel Vorteile bringen, auch die „Kreis-Irrenanstalt“ und der Sandsteinbruch Klingenmünster und nicht zuletzt der Tourismus könnten von einem Bahnanschluss profitieren und somit dazu beitragen, dass die „Sekundärbahn“ sich rechnet.

Bahnstrecke in einem Jahr errichtet

Ende 1891 unterzeichnete Luitpold die „allerhöchste Conzessionsurkunde“, und der Bau der Bahnstrecke zwischen Rohrbach und Klingenmünster konnte wenig später beginnen. Legt man heutige Maßstäbe an, so ist das Tempo, mit dem die Strecke und die Hochbauten realisiert wurden, höchst erstaunlich. Bis zur Einweihung verging gerade mal ein Jahr. „Man hat wohl alle Kräfte gebündelt“, meint Günter Nuss, „und es gab sicherlich weniger bürokratische Hindernisse als heute ...“

Keine Bahnlinie ohne Bahnhöfe – so war es jedenfalls in diesen vergangenen Zeiten. Das Stationsgebäude in Klingenmünster, das 1892 entstand, ist kein Unikat, sondern sozusagen ein Bahnhof von der Stange. In Godramstein, Wilgartswiesen, Jockgrim und anderen Orten stehen ganz ähnliche Häuser. „Es handelt sich um ein zweistöckiges Gebäude, das traufseitig zur Bahn orientiert ist“, schreibt Andreas Bachtler in dem Buch. „Das überstehende, flach geneigte Satteldach erinnert an alpenländische Vorbilder und ist für europäische Bahnbauten des 19. Jahrhunderts ausgesprochen charakteristisch.“ Als Baumaterial wurde in Klingenmünster gelber Sandstein aus dem örtlichen Steinbruch verwendet.

Großer Jubel zur Einweihung

Es muss ein großes Fest gewesen sein, als im Dezember 1892 die Klingbachtalbahn und gleichzeitig der Bahnhof eingeweiht wurden. Der „Eilbote“ berichtet von „außerordentlichem Jubel“ an der Endstation Klingenmünster, „als das festlich geschmückte Dampfroß eintraf“. Ein Hoch auf den Prinzregenten wurde ausgebracht, und „hierauf begab man sich im Festzug unter Vorantritt der Landauer Artilleriemusik in die Wirthschaft von Frau Witwe Matthäus zum Frühschoppen“. Eigens für den Festtag war ein Lied gedichtet worden. Kleiner Auszug aus der schier endlosen Hymne: „... doch seit dieser Stunde brauset durch das Thal auf eh’rner Bahn nun das Dampfross, dem geliehen seinen Odem hat Vulkan. Hell aus dem metall’nen Munde klingt sein Ruf, der weithin tönt, ein melodisch Echo weckend an den Bergen, burggekrönt.“

Weil das Dampfross auch einen Stall brauchte und Klingenmünster die Endstation war, hatte man neben dem Bahnhof einen Lokschuppen errichtet. Dort übernachteten nicht nur kleinere Lokalbahnlokomotiven. Unter dem Dach in kleinen „Kajüten“ fand in den ersten Jahren auch die Besatzung der Loks ihre Nachtruhe; erst später hatte sie eine etwas bequemere Unterkunft in der benachbarten Bahnhofsgaststätte. Heute sind in der einfachen Remise mit dem großen Tor landwirtschaftliche Geräte untergestellt.

Schaffner ließ Zug auf Gäste warten

Auch die Bahnhofswirtschaft, ein stolzes Haus aus rotem Backstein, ist auf einem Nachbargrundstück gleichzeitig mit der Klingbachtalbahn gebaut worden. „Man darf nicht vergessen“, schreibt Günter Nuss, „dass Bahnreisende aus den Wasgaudörfern schon einen strammen Fußmarsch hinter sich hatten. Da war die Einkehr zur Stärkung nur verständlich.“ Zeitzeugen erzählen, dass die Männer von der Bahn gern mal ein Auge zudrückten, wenn mal wieder ein Gast nicht rechtzeitig aufgegessen oder sein Glas ausgetrunken hatte. „Dann ließ der Schaffner den Zug einfach ein paar Minuten später abfahren.“ Heute wohnt Verbandsbürgermeister Hermann Bohrer mit seiner Frau in dem schmucken Haus der ehemaligen Bahnhofswirtschaft.

65 Jahre lang beförderte die Klingbachtalbahn Passagiere und Güter aller Art. Doch sie rentierte sich immer weniger. Mit dem Sommerfahrplan 1957 wurde der Personenverkehr eingestellt und durch Omnibusse ersetzt – sehr zum Ärger aller Gemeinden an der Strecke. 1966 war es dann so weit, dass auch der Güterverkehr weitgehend aufgegeben wurde. Es gab noch ein paar Sondergenehmigungen – etwa zur Abwicklung der Zuckerrübenernte. Doch im Winter 1967 war endgültig Schluss. „Wir hatten uns eine weinlaubbekränzte Lok vorgestellt. Doch bescheiden, wie das Bähnchen immer gewesen war, stellte es seinen Dienst ein“, schreibt wehmütig ein RHEINPFALZ-Journalist.

Rheinländer hat Bahnhofsgebäude erworben

Zu diesem Zeitpunkt war der alte Bahnhof schon ein paar Jahre lang als Wohnraum vermietet. Und das ist in den Jahrzehnten danach so geblieben. Mit der Zeit wurde das Haus alt und grau.

Doch nun kann man hoffen, dass das historische Gebäude eine Zukunft hat und wieder ein kleines Schmuckstück des Dorfes wird. Vor wenigen Wochen hat Jürgen Schiffer, der im Rhein-Erft-Kreis westlich von Köln als Lehrer tätig ist, den Bahnhof erworben. In der Südpfalz zu wohnen, sei immer sein Traum gewesen, erzählt er. Schiffer will das Haus umbauen und als Rentner mit seiner Frau zusammen bewohnen. „Wir schätzen das Gebäude sehr, es hat uns auf Anhieb gut gefallen“, sagt der Rheinländer. „Aber andererseits haben wir es auch als eine Art ,Schandfleck’ wahrgenommen durch die lieblose Art des Umbaus. Ich verstehe nicht, warum der Denkmalschützer nicht früher seinen Blick darauf gerichtet hat.“ Zurzeit sucht Schiffer nach historischen Fotos, um bei der geplanten Sanierung dem früheren Zustand des Bahnhofs möglichst nahezukommen.

Die Serie

Früher tummelten sich dort viele Reisende, heute haben etliche alte Bahnhofsgebäude eine neue Bestimmung gefunden. In manchen sind beispielsweise Wohnungen entstanden, in anderen Gaststätten. In unserer Serie „Abgefahren“ stellen wir in loser Folge die umgenutzten Stationen in der Südpfalz vor und fahren Zug durch deren Geschichte.

1892 wurde das Stationsgebäude eingeweiht.
1892 wurde das Stationsgebäude eingeweiht.
Der Bahnhof auf einer alten Postkarte.
Der Bahnhof auf einer alten Postkarte.
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