Kreis Kusel RHEINPFALZ Plus Artikel Zwischen Tradition und Emanzipation: Wie sich die Landfrauen im Laufe der Zeit gewandelt haben

Hedwig Zimmer (links) und Anni-Luise Presser standen bereits beide an der Spitze des Landfrauen-Kreisverbands.
Hedwig Zimmer (links) und Anni-Luise Presser standen bereits beide an der Spitze des Landfrauen-Kreisverbands.

Bereits seit 125 Jahren gibt es Landfrauenvereine. Das Leben in den Dörfern des Kreises haben die Landfrauen viele Jahre lang geprägt, sind sich die ehemaligen Kreisvorsitzenden Hedwig Zimmer und Anni-Luise Presser einig. Aktivitäten gibt es damals wie heute viele. Jedoch wandelten sich diese mit der Zeit.

Bildung, Kultur, Gemeinschaft: Ohne die Landfrauen sähe das Leben in den Dörfern wohl viel ärmer aus, sind sich die beiden früheren Kreisvorsitzenden Hedwig Zimmer und Anni-Luise Presser einig. „Die Bedingungen für die Frauen waren damals schwieriger“, blickt Hedwig Zimmer auf Erfahrungen während ihrer Vorstandschaft zurück. Wenn abends eine Veranstaltung auf dem Programm stand, dann musste natürlich schon gemolken sein, erzählt die 94-Jährige Bäuerin, die von 1974 bis 1991 Kreisvorsitzende war. Die Landfrauen habe sie immer als eine ganz tolle Gemeinschaft erfahren, und: „Man lernt auch über den Tellerrand hinaus zu schauen.“ Genau wie Presser weiß auch Zimmer: „Der Kreisvorsitz ist ein Fulltime-Job.“ Die Familie müsse hinter dem Engagement stehen, heißt also: mitunter auch zurückstehen.

Zimmer ist überzeugt, dass die Landfrauen die Dorfgemeinschaften auch im Kreis Kusel über lange Jahre geprägt haben. „Die Landfrauen haben sehr viel gespendet und waren immer bereit zu helfen“, erinnert sie. Nicht nur von Bürgermeistern habe sie in den 17 Jahren ihres Kreisvorsitzes äußerst positive Rückmeldungen zum Engagement der Landfrauen erhalten. Der Tenor lautete stets: „Wir können stolz auf unsere Frauen sein.“ Somit habe der Verein den Frauen auch zu einem neuen Selbstbewusstsein verholfen – Stichwort: Emanzipation – , ist sich Zimmer sicher.

„Die Seniorenarbeit war mit am schönsten“

Als die Landfrauen vor 125 Jahren gegründet wurden, hatten Frauen kaum Chancen, alleine etwas zu unternehmen, weiß Zimmer. Damals galt es als ungewöhnlich, wenn eine Frau alleine ausging. „Und sogar noch bis Mitte der 1970er Jahre musste der Ehemann zustimmen, wenn die Frau eine Berufstätigkeit ausüben wollte“, erinnert sie.

Zimmer, die in Lachen-Speyerdorf auf einem Bauernhof aufgewachsen ist, engagierte sich schon früh in der Landjugend. Vereinsführung und Zeitmanagement hatte sie zeitig gelernt. Aushilfsweise gab sie Kurse bei den Landfrauen und kam so auch in den Kreis Kusel, wo sie 1954 nach Matzenbach heiratete. Dort gründete sie 1973 den Ortsverein. Im folgenden Jahr übernahm sie als erste Vorsitzende den Kreisverband. Auch leitete sie dort die Senioren-Gruppe. „Die Seniorenarbeit war mit am schönsten“, sagt sie heute.

Hauptsächlich Bäuerinnen als Vereinsmitglieder

Als sie den Landfrauen beitrat, gab es Themen von „Kalte Platten“ bis „Weihnachtsgebäck“, berichtet Zimmer. Anders als heute hätten damals hauptsächlich Bäuerinnen dem Verein angehört. Frauen auf dem Land, Haushaltsführung und Kindererziehung waren weitere Themen. Diese änderten sich mit der Zeit, und auch Fahrten und Ausflüge wurden gewünscht. Bei der Vorbereitung – um gute Preise zu erzielen, war Verhandlungsgeschick gefragt – half Zimmer auch das Internet. „Ich habe mir mit 79 einen Laptop gekauft“, verrät die fitte Seniorin.

Noch sehr präsent sind sowohl Zimmer als auch Presser Vorträge kirchlicher Personen, wie etwa von Pfarrer Rudi Job. „Da ging es einmal um Manipulation“, erinnert sich Presser. Auch Politikerinnen wie Maria Böhmer oder Rose Götte wurden eingeladen. „Wir hatten immer gute Festredner“, betonen die beiden Ex-Vorsitzenden.

Klare politische Positionen bezogen

In den 1970er Jahren erlebten die Landfrauenvereine ihre Blüte. Allein in ihrer Amtszeit als Kreisvorsitzende seien zahlreiche neue Ortsvereine gegründet worden, blickt Zimmer zurück. Das Angebot umfasste neben klassischen Koch- und Hauswirtschafts-Kursen auch immer mehr Bildungsseminare, etwa zum Thema Rhetorik. „Wir haben auch klare politische Positionen bezogen“, erinnert die zweifache Mutter, sei es zum Thema Mütterrente oder zum Kindergeld.

„Viele wollen heute keine Verantwortung übernehmen“, bedauern Zimmer und Presser. Aktuell erlebten die Landfrauen eine „Durststrecke“, registrieren die Seniorinnen mit Blick auf die Mitgliederzahlen.

Mehr Bildungsangebote, mehr Reisen

Doch auch zu Pressers Zeiten als Kreisvorsitzende von 2000 bis 2009 entwickelten sich die Landfrauen stets weiter. Gleichzeitig änderten sich die Interessen. „Mehr Frauen waren inzwischen berufstätig“, berichtet die 74-Jährige aus Bedesbach. Nicht zuletzt deshalb sei Bedarf an Englisch-Kursen aufgekommen. Hinzu kamen Bildungsangebote wie „Fit für die Spitze“ sowie weitere Reisen. Berlin, Stockholm, Bregenz, weiter in den Süden – auch mal mit dem Flieger. Presser begleitete eine Studienreise in die USA und war auch mit einer Gruppe in Südafrika.

„Wir haben uns alle gut verstanden“, schildert Presser, die ebenfalls zwei Kinder großgezogen hat. Besonders gerne denkt sie an große Veranstaltungen, Jubiläumsfeiern und Landfrauentage zurück, die immer sehr gut besucht waren. Dann war da noch ihr Auftritt bei Frank Elstners Fernseh-Quiz „Die Besten im Südwesten“. Beim 50. Geburtstag des Kreisverbandes feierte zudem der ehemalige Ministerpräsident Kurt Beck mit. „Es war eine erfüllende Zeit“, resümieren die Landfrauen.

Die Serie

Seit Jahrzehnten gibt es Landfrauen-Vereine. Doch was tun die Landfrauen eigentlich? Sind die Vereine noch zeitgemäß und sprechen sie auch die jüngere Generation an? In unserer Serie „Frauen auf dem Land“ gehen wir dem Phänomen auf den Grund.

Bisher erschienen: Lesen Sie hier vom Besuch einer Ordnungsexpertin bei den Landfrauen aus dem Kreis Kusel.

Lesen Sie hier von den Breitenbacher Landfrauen.

Lesen Sie hier von der Neugründung der Ortsgruppe Oberalben.

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