Kreis Kusel RHEINPFALZ Plus Artikel Statt Wegwerftrend: Zwei Näherinnen aus dem Kreis Kusel setzen auf Handwerk und Qualität

Angela Jung arbeitet in ihrem Atelier im „geordneten Chaos“, wie sie es nennt.
Angela Jung arbeitet in ihrem Atelier im »geordneten Chaos«, wie sie es nennt.

Handgefertigte Textilien sind teuer und nicht zeitgemäß? Zwei Näherinnen erklären anlässlich des Welt-Nähmaschinen-Tags, warum ihre Arbeiten nach wie vor gefragt sind.

Mit selbst genähten Outfits aus Stoffresten für ihre Barbiepuppen begann die Karriere von Angela Jung – damals noch auf der mittlerweile über 100 Jahre alten Tretnähmaschine der Großmutter. Seit mehr als 30 Jahren näht sie nun in ihrem eigenen Maßatelier im Wohnhaus in St. Julian. Die Damenschneidermeisterin hat ihr Hobby schon früh zum Beruf gemacht.

Das wichtigste Werkzeug für die tägliche Arbeit: ihre Nähmaschine. Die Pfaff Tipmatic 1027 steht schon so lange bei Jung zu Hause, dass sie gar nicht mehr genau sagen kann, wie alt sie ist. Gut 45 Jahre müssten es sein, überschlägt sie. Reicht so eine alte Maschine für eine erfahrene Schneiderin aus? Jung findet schon. „Ich brauche nicht viel Firlefanz. Oft nähe ich auch noch von Hand, so wie ich es eben damals gelernt habe“, erklärt sie.

Die Tipmatic von Pfaff ist unverwüstlich

Ihre Tipmatic sei „unverwüstlich“ – was nicht zuletzt daran liege, dass sie regelmäßig gewartet werde. Denn auch das gehört dazu, wenn die Nähmaschine ein langes Leben haben soll. Immerhin will Jung so lange nähen, „wie es die Gesundheit erlaubt“ und sie Spaß daran hat. Ihre Arbeit sei nach wie vor sehr gefragt. Ihr Einzugsgebiet sei recht groß: von Meisenheim über Kaiserslautern bis vor Ort im Kuseler Land. Viele Menschen, die echte Handarbeit schätzen, kämen mit Änderungswünschen und anderen Aufträgen zu ihr. Auch Schultüten näht sie. Einzig Flickarbeiten führt sie nicht mehr durch: „Es rentiert sich oft nicht, die Unterhose, die mal fünf bis zehn Euro gekostet hat, zu reparieren“, erklärt die Näherin.

Jungs Atelier steht voll. Sie bezeichnet es liebevoll als „geordnetes Chaos“. Immer wieder klingelt es an der Tür – schließlich ist gerade Hochsaison für Ballkleider. An Arbeit mangelt es Jung auf jeden Fall nicht; ihre Kleiderstangen hängen voll. Gut, dass sie im Notfall ein paar Ersatzmaschinen hat. Selbst die alte Tretnähmaschine der Oma hat als Dekostück noch einen Platz gefunden.

Tochter gibt die entscheidende Anregung

Etwas moderner ist die Nähmaschine von Andrea Klein aus Etschberg. Neben ihrer hauptberuflichen Tätigkeit im Einzelhandel näht sie seit acht Jahren für ihre Kunden. An Handarbeit war sie schon immer interessiert, schließlich war ihre Mutter als Schneiderin tätig. Doch erst auf Anregung ihrer Tochter hat sie angefangen, die Sache professioneller anzugehen. Ob es darum ging, eine Hose für die Tochter zu kürzen, oder später Kleidung für das Enkelkind zu nähen: die Nähaufgaben entfachten Kleins Begeisterung für das Nähen neu und verschafften ihr sogar eine Stelle in der Stoffgalerie.

Andrea Klein näht die Schärpe der Kuseline. Ausgeklappt zu sehen sind die zahlreichen Funktionen ihrer Pfaff Expression 710.
Andrea Klein näht die Schärpe der Kuseline. Ausgeklappt zu sehen sind die zahlreichen Funktionen ihrer Pfaff Expression 710.

Selbst in der Vorderpfalz nutzen Kunden die Stücke von Klein. Aber auch vor Ort ist ihre Arbeit beliebt. So unterstützt sie beispielsweise den örtlichen Förderverein mit ihrem Talent. „Als wir einen Kochkurs hatten, habe ich die Schürzen dafür bestickt“, berichtet sie. Denn auch das gehört zu ihrem Angebot. Gerade die personalisierten Stücke, die als Unikate an die Auftraggeber gehen, bereiten ihr viel Freude. So ist sie unter anderem für die Schärpe der Kuseline zuständig.

Zeitaufwand wird unterschätzt

Sie bedauert die Mentalität in der Wegwerfgesellschaft, die dafür sorge, dass einige Menschen die Arbeit hinter gewissen Aufträgen nicht sähen. „Einen Reißverschluss sauber herauszutrennen, dauert eben etwas länger. Außerdem nutze ich Qualitätsware, was sich auch im Preis niederschlägt“, erklärt die Näherin. Trotz allem gebe es aber genug Personen, denen noch viel am Handwerk liege.

Und so surrt die Nähmaschine im Hause Klein vor und nach der Arbeit und meist noch am Wochenende. Sogar Urlaub musste sich Klein schon nehmen, weil sie mehr Aufträge als Zeit hatte. Ihre Pfaff Expression 710 ist ein echtes Multitalent, das ihr die Arbeit erleichtert und ihren zeitlichen Aufwand schmälert. Die Nähmaschine kürzt den Faden präzise, hat einen praktischen Einfädler und zahlreiche Zierstichfunktionen. „Soweit ich weiß, näht selbst der Designer Guido Maria Kretschmer mit dieser Maschine“, erzählt sie.

Bei Jung und Alt sei die Begeisterung für handgemachte, personalisierte Textilien immer stärker im Kommen. „Die Sachen haben ihren Preis, aber es lohnt sich“, erklärt Klein. Um weiterhin langlebige Kleidung zu produzieren, achtet sie auch auf die Langlebigkeit ihrer Maschine. Nur Nähgarn aus dem Fachhandel wird eingefädelt – das sei das „A und O“ beim Nähen. Auch so will Klein dafür sorgen, dass sie noch etliche Jahre mit derselben Maschine für ihre Kunden nähen kann.

Info

Der Welt-Nähmaschinen-Tag wird jedes Jahr am 13. Juni gefeiert. An diesem Tag erhielt der englische Schreiner und Erfinder Thomas Saint 1790 das erste Patent für das Design einer vollständig aus Holz konstruierten Nähmaschine mit Gabelnadel, Vorstecher und Hakennadel. Seine Idee revolutionierte das Schneiderhandwerk und machte die Produktion und somit auch den Erwerb von Kleidung erschwinglicher.

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