Kusel RHEINPFALZ Plus Artikel Reportage: Das Leben in der AfA

Fast 900 Menschen leben aktuell auf dem Windhof – Tendenz steigend.
Fast 900 Menschen leben aktuell auf dem Windhof – Tendenz steigend.

Wenn Menschen ihre Heimat hinter sich lassen und sich unter Lebensgefahr übers Mittelmeer nach Europa durchschlagen, erhoffen sie sich Schutz und Sicherheit. Doch zunächst warten rappelvolle Aufnahmeeinrichtungen.

Es wirkt wie eine Stadt in der Stadt: die Aufnahmeeinrichtung für Asylbegehrende (AfA) auf dem Kuseler Windhof. Fast 900 Menschen leben aktuell dort und hoffen auf ein neues und besseres Leben in Deutschland. Die Asylsuchenden kommen aus der ganzen Welt. Wie lange sie in der Kuseler AfA bleiben müssen, hängt vom Familienstand ab. „Familien mit Schulkindern bleiben drei Monate, alle weiteren Familien sechs Monate und Singles 18 Monate“, zählt Einrichtungsleiter Martin Ziemer auf. Diese Zeiträume gelten aber nur bei abgelehnten Asylbewerbern und wenn ein Bescheid für das Dublin-Verfahren vorliegt. Heißt vereinfacht: wenn ein anderer EU-Staat für die Bearbeitung des Asylantrags zuständig ist.

AfA-Bewohner, deren Asylantrag bewilligt worden ist, können die Einrichtung oft schon nach zwei bis drei Wochen wieder verlassen. Das sei meist bei Menschen aus Syrien der Fall, sagt Ziemer. Dann steht der sogenannte Transfer an, worauf alle Bewohner hinfieberten: die Verteilung der Geflüchteten auf die Kommunen. 35 durften die AfA am vergangenen Dienstag verlassen – Entlastung bedeutet das aber nicht. Noch am gleichen Vormittag kam ein Bus aus der Erstaufnahmeeinrichtung in Trier. Die vakanten Betten wurden direkt wieder belegt.

150 Menschen eng an eng

Da immer mehr Geflüchtete nach Deutschland kommen, werden bald noch mehr Betten benötigt. Zwei große Zelte werden aktuell vorbereitet. „Das Brandschutzkonzept fehlt noch“, sagt Ziemer. Sobald die Verwaltung grünes Licht gibt, können dort jeweils 96 weitere Personen untergebracht werden. Schon jetzt sind alle Zimmer in den ehemaligen Bundeswehrgebäuden belegt. 150 Menschen müssen eng an eng in der Sporthalle leben. „Die Privatsphäre ist gleich null“, gesteht der Einrichtungsleiter. Dennoch gebe es auch Einzelne, die sich dort wohlfühlten. „Manche sagen, dass sie hier eine Clique gefunden haben und zusammen pumpen. Die wollen gar nicht in ein normales Zimmer“, berichtet Ziemer. In den Wohngebäuden werden die Asylsuchenden in Zimmern mit zwei Stockbetten untergebracht – bei Familien sind es drei.

In der AfA-Kusel lernen viele Geflüchtete freiwillig Deutsch.
In der AfA-Kusel lernen viele Geflüchtete freiwillig Deutsch.

Um sich die Zeit zu vertreiben und um sich etwas zu den 30 Euro Taschengeld dazu zu verdienen, haben die AfA-Bewohner die Möglichkeit, in der Einrichtung zu arbeiten. „Besonders beliebt ist die Waschküche. Da muss man die meiste Zeit nur auf die Maschinen aufpassen und hat vollen Empfang vom W-Lan aus der Teeküche obendrüber. Außerdem ist es im Winter immer warm“, erzählt Ziemer und lacht. Weniger beliebt sei die Unterstützung der Hausmeister, doch auch hier ließen sich immer wieder Helfer finden. „Das machen oft Männer aus Afrika, die das Geld nutzen, um ihre Familien in der Heimat zu finanzieren“, so Ziemer. Viel bleibt dabei allerdings nicht hängen: Der Stundenlohn liegt bei 80 Cent.

Deutschkurse für Groß und Klein

Zur Essensversorgung hat die AfA eine eigene Kantine, in der morgens, mittags und abends Mahlzeiten gereicht werden. In den Wohngebäuden gibt es zusätzlich Gemeinschaftsküchen, in denen sich die Bewohner selbst kochen können. „Das riecht immer fantastisch“, schwärmt Einrichtungsleiter Ziemer von den Gerüchen der meist orientalischen Gerichte. Doch auf dem Windhof wird nicht nur gearbeitet und gekocht, es wird auch gelernt. Ausgebildete Lehrer unterrichten sowohl Kinder als auch Erwachsene. Besonders wichtig sind die Deutschkurse. Hier lernen die Bewohner, wie sie sich im Alltag zurechtfinden können – beim Einkaufen, im Nahverkehr, im Gespräch. Die Kurse finden meist vormittags in der Teeküche statt, nachmittags dient sie als Aufenthaltsraum mit Tischkicker. Die Kleinsten werden in einer Spielstube betreut und versorgt.

Für gesundheitliche Gebrechen gibt es auf dem früheren Bundeswehrgelände zudem eine eigene Krankenstation. Einmal pro Tag kommt für zwei Stunden ein Arzt, alle kleinere Beschwerden werden von den Arzthelferinnen versorgt. „Das ist eine komplette Arztpraxis“, sagt Ziemer, der kurz darauf ergänzt: „Es ist schon ein bisschen mehr ein Krankenhaus als eine Praxis.“ Sogar eine Hebamme komme regelmäßig. Auf dem Windhof habe es schon einige Geburten gegeben, die meisten allerdings in den umliegenden Krankenhäusern. „Einmal auch im Krankenwagen“, verrät Ziemer. Aktuell seien fünf AfA-Bewohnerinnen in freudiger Erwartung. Das sei wenig. „Wir hatten auch schon 30“, sagt eine Arzthelferin.

Eigene Ermittlungsgruppe

Die „Stadt in der Stadt“ hat neben Kita, Schule und Krankenhaus eine eigene Polizei. Genau genommen sogar zwei. Zum einen gibt es einen privaten Sicherheitsdienst, der alles im Auge behält und die Pforte besetzt. Dort müssen sich alle Bewohner an- und abmelden, wenn sie die AfA verlassen – meist zum Einkaufen – und wenn sie wieder zurückkommen. Alle Sicherheitsmitarbeiter werden vorab gründlich durchleutet – vom einfachen Führungszeugnis bis hin zum Verfassungsschutz werden alle Daten überprüft. Zum anderen gibt es die sogenannte EG Mig, die direkt auf dem AfA-Gelände stationiert ist. Die Abkürzung steht für Ermittlungsgruppe Migration. Sie besteht aus fünf Polizisten, die alle Straftaten innerhalb der Einrichtung bearbeiten sowie all jene im Kreis Kusel, an denen (mutmaßlich) AfA-Bewohner beteiligt sind. Zudem fahren die Beamten auf dem Gelände Streife und führen Gespräche.

Die AfA in Zahlen

Aktuell leben rund 900 Menschen in der Aufnahmeeinrichtung für Asylbegehrende (AfA). In den nächsten Wochen und Monaten werden es noch mehr werden. „Die AfA ist ein Durchlauferhitzer. Gibt es hier viele Geflüchtete, gibt es später viele in den Kommunen“, sagt Einrichtungsleiter Martin Ziemer. Um dem steigenden Andrang Herr zu werden, werden die Kapazitäten erneut erweitert. Zwei Zelte mit Platz für je 96 Personen sollen möglichst bald bezugsfertig sein.
Die Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion (ADD), die die Einrichtung auf dem Kuseler Windhof verwaltet, überlegt zudem drei weitere ehemalige Bundeswehrgebäude auf dem Gelände instandzusetzen. Das dient laut Ziemer dazu, den Kommunen mehr Zeit zu verschaffen. Weniger werden es in Kusel ohnehin nicht. Selbst wenn Bewohner auf Kommunen verteilt werden, gebe es direkt Nachrücker aus den Erstaufnahmeeinrichtungen in Trier und Speyer.
Die AfA-Bewohner stammen aus 26 verschiedenen Nationen. „Hier trifft sich die ganze Welt“, betont Ziemer. Die meisten Menschen stammen aus dem nach wie vor vom Bürgerkrieg gebeutelten Syrien (28 Prozent), gefolgt von Afghanistan (13 Prozent), der Türkei (elf Prozent), Pakistan (neun Prozent) und Ägypten (sieben Prozent). Weitere Herkunftsländer im niedrigen, einstelligen Prozentbereich sind etwa der Iran und Somalia. „Es gibt sogar manche aus Südamerika, zum Beispiel Venezuela und Peru“, berichtet Ziemer, aber das seien stets Einzelfälle.

So sehen die Zimmer in der AfA aus.
So sehen die Zimmer in der AfA aus.
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