Kreis Kusel RHEINPFALZ Plus Artikel Kommentar: Kusel wird mit den Polizistenmorden im kollektiven Gedächtnis verankert

Am Parkplatz oberhalb des Tatortes ist ein Kreuz aufgestellt worden.
Am Parkplatz oberhalb des Tatortes ist ein Kreuz aufgestellt worden.

Wo waren Sie, als sie von der Reaktorkatastrophe in Tschernobyl hörten? Wo, als Sie die Nachricht vom Flugtagsunglück in Ramstein vernommen haben? Und was haben Sie am Montagmorgen getan, als Sie der tödlichen Schüssen auf zwei junge Polizisten bei Ulmet gewahr wurden?

Nein, dies ist kein Vergleich der Ereignisse. Aber fast jeder, mit dem ich bisher gesprochen habe, erzählte ganz unaufgefordert von diesem Moment, als sich diese Fassungslosigkeit, dieser Schock, dieser unwirkliche Nebel über ihn gesenkt hat, die Gedanken einsetzten, die man seitdem nicht mehr los wird. Die Tat hat sich in das Gedächtnis eingebrannt, ganz besonders bei den Menschen hier.

Urvertrauen erschüttert

Und Kusel ist ins kollektive Gedächtnis der Deutschen gerutscht, irgendwo neben Winnenden. Nicht nur die brutale, sinnlose Tat, auch die im Netz kursierenden Hassnachrichten werden jetzt mit unserer Region in Verbindung gebracht, mit unserer Heimat. Wir leben hier, wir fühlen uns hier sicher, lassen auch mal das Auto unverschlossen vorm Haus stehen, kennen unsere Nachbarn – dieses Urvertrauen ist jetzt erschüttert worden. Und das in einer Zeit, in der sowieso viele Menschen so dünnhäutig sind.

Bild-Zeitung, Tagesschau, Spiegel. Überall: Kusel. Die Presselawine ist über uns hinweg gerollt. Ich sage bewusst uns, doch war ich in den vergangenen Tagen auch gespalten: Da ist das hier aufgewachsene Ich, das tatsächlich eine der frühen Kindheitserinnerungen an den Felschbachhof hat, an die Hochzeit einer Cousine. Und da ist das professionelle Ich – das funktioniert hat, und doch nur im allerklitzekleinsten Ansatz nachvollziehen kann, wie es für die vielen Polizisten sein muss, die ihren Aufgaben weiter nachgehen müssen.

Nicht vergessen

Das mediale Interesse wird nachlassen. Zwar trendet #Schweigeminute auf Twitter – aber es sind nur noch etwas über 1000 Tweets. Am Montag und Dienstag lag #Kusel bei mehr als 6000. Die auf Facebook und Instagram geteilten Fotomontagen zum Gedenken werden in der Timeline weiter nach unten rutschen.

Doch Yasmin und Alexander sollen nicht vergessen werden. Aus Pietät haben wir bisher davon abgesehen, die Namen der im Kreis Kusel wohnenden 24-Jährigen und des beliebten und bekannten Freisener Kickers zu nennen. Ihre Lebenslichter sind brutal erloschen, hat Dekan Lars Stetzenbach am Donnerstagabend gesagt. Seine Kollegin Sabine Schwenk-Vilov aus Altenkirchen formulierte: „Jedes Mal, wenn wir von Yasmin und Alex erzählen, werden sie ihren Platz in unseren Herzen behalten.“

Kreuz aufgestellt

Die beiden waren nicht nur Polizisten, keine anonymen Menschen hinter einer Uniform. Sie waren junge Menschen, die beliebt waren, die Familie und Freunde hatten. Fast jeder hier kennt jemanden, der jemanden kennt, der mit einem der beiden befreundet war, Fußball gespielt – oder gearbeitet hat. „Du lebst in unserem Herzen“, ist auf dem Kreuz zu lesen, das am Freitag am Parkplatz oberhalb des Tatortes aufgestellt wurde. Stabil ist es gehalten, im Boden verankert, auf einer geschotterten Fläche drumherum ist Platz für Gestecke und Kerzen.

Es ist kein Katastrophentourismus, wenn dieser Tage mehr Menschen als sonst die Strecke von Mayweilerhof nach Ulmet fahren. Es ist vor allem die Suche nach einem Ort, an dem die Trauer fassbar wird. Einem Ort zum Innehalten. Auch zum Weinen.

Kloß im Hals

Auch mir sind in diesen Tagen öfter die Tränen gekommen, nicht nur beim Schreiben dieser Zeilen oder im Gottesdienst am Donnerstagabend. Auch am Mittwoch, als ich einem jungen Polizisten begegnet bin, der die Straße abgesperrt hat. Es würden Drohnenaufnahmen gemacht, erklärte er mir. Ich stammelte etwas von Beileid und fuhr über Altenglan nach Kusel – mit enger Brust und dickem Kloß im Hals.

Es war auch im Auto, als ich am Montagmorgen von der Tat im Radio hörte. Ich hatte verschlafen, nicht mal auf’s Handy geschaut, bevor ich los fuhr. Um 8.01 Uhr tat ich es. Hielt an, las die Meldung der RHEINPFALZ, wählte die Nummer der Kollegen in Ludwigshafen und fuhr weiter. Sofort war der Schalter vom Gedenken an unseren am Wochenende so unerwartet verstorbenen Fotografen Markus Hoffmann auf Funktionieren umgelegt.

Seitdem gab es wenige Momente des Innehaltens – abgesehen davon, dass ich immer mal wieder tief schnaufen muss, um die inneren Verkrampfungen zu lockern und weitermachen zu können. Wir arbeiten mit mehreren Kollegen daran, über die schreckliche Tat zu berichten, die unsere Heimat erschüttert hat. Wir wollen informieren und werden dies auch weiter tun. Wir werden noch da sein, wenn die Pressevertreter aus ganz Deutschland abgezogen sind – aber zu den Jahrestagen wohl wieder anrücken werden.

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