Kreis Kusel / Kaiserslautern RHEINPFALZ Plus Artikel Kleinbus von Lastwagen zermalmt: Horrorunfall mit neun Todesopfern jährt sich zum 30. Mal

Ein Bilddokument des Grauens: Die Aufnahme entstand kurz nach dem Unfall am 2. November 1994.
Ein Bilddokument des Grauens: Die Aufnahme entstand kurz nach dem Unfall am 2. November 1994.

Frauen weinen um ihre Männer, Kinder um ihre Väter, Eltern um ihre Söhne: Bei einem schrecklichen Unfall fahren an einem dunklen Novembermorgen neun Männer auf dem Weg zur Arbeit in den Tod. Sie sitzen in einem Kleinbus, der von einem Sattelzug zermalmt wird. Dieser Tage jährt sich das damals so aufsehenerregende Geschehen zum 30. Mal.

Zunächst lässt lediglich ein lapidarer Warnhinweis zu einer unfallbedingten Vollsperrung der Autobahn aufhorchen. Nach und nach reihen sich ungezählte Autofahrer in die bald auf mehrere Kilometer anwachsenden Staus in beiden Fahrtrichtungen ein. Nichts geht mehr auf der A6. Erst nach und nach wird jenen, die das Radio eingeschaltet haben, die Dimension des Vorfalls offenbar. Bis zur Mittagsstunde steht dann fest: Neun Männer haben auf dem Weg zur Arbeit den Tod gefunden. 30 Jahre ist es her, dass dieser folgenschwere Unfall am 2. November 1994 die Menschen vor allem im Landkreis Kusel erschüttert hat.

Was erst einmal nur lästig klingt für all jene, die an jenem Morgen ebenfalls auf der A6 unterwegs sind, wächst sich zu einer Unfallmeldung aus, die letztendlich zu blankem Entsetzen führt. Radiohörer erfahren zunächst nur, dass sich auf der A6 nahe der Anschlussstelle Einsiedlerhof ein schwerer Verkehrsunfall ereignet hat. Klarheit über das Ausmaß gibt es erst Stunden später: Erst als ein Kran das Fahrzeug des Unfallverursachers von der Straße gehievt hat, wird es offenbar: Es ist nicht, wie zuvor vermutet, ein Pkw, der unterm Sattelschlepper liegt.

Pendler-Fahrgemeinschaft ereilt tragisches Schicksal

Was ist passiert? Ein Kleinbus war an jenem Morgen – wie an jedem Werktag – unterwegs vom Kuseler Land in Richtung Rhein. Ziel: die BASF in Ludwigshafen, bei der die neun Insassen in Lohn und Brot standen. Am 2. November 1994 sollte die Pendler-Fahrgemeinschaft ihr Ziel nicht mehr erreichen. Von ihrem Fahrzeug blieb nur ein großer unförmiger Haufen übrig. Das Gefährt war von einem Sattelzug regelrecht zermalmt worden.

Neun Verkehrstote binnen Sekunden: Damit war sogar die Horrorbilanz eines Unfalls übertroffen, der sich 23 Jahre zuvor auf der Bundesstraße 10 bei Pirmasens abgespielt hatte. Dort waren bei einem Frontalzusammenstoß acht Menschen ums Leben gekommen, darunter sechs Kinder. Seit dem Unglück bei Kaiserslautern hat sich in der Pfalz kein Unfall derart schrecklichen Ausmaßes mehr ereignet.

Der schwere Sattelzug hatte den Kleinbus damals regelrecht unter sich begraben.
Der schwere Sattelzug hatte den Kleinbus damals regelrecht unter sich begraben.

Einiges konnten sich die Rettungskräfte zusammenreimen, als sie kurz vor sechs Uhr in der Früh’ auf die Autobahn eilten. Eine Baustelle hatte zwischen den Anschlussstellen Kaiserslautern-West und Einsiedlerhof die Fahrbahnen verengt. Innerhalb der Baustelle war ein 40-Tonner – unterwegs Richtung Ramstein – auf die Gegenfahrbahn geraten, umgekippt und auf ein in Richtung Kaiserslautern steuerndes kleineres Gefährt gestürzt. Ein riesiges Blechknäuel erhob sich in der Baustelle über dem Asphalt. Medizinische Helfer konnten sich nur um den Fahrer des Lastwagens und dessen Beifahrer sowie um einen Autofahrer kümmern, der gegen die verunglückten Fahrzeuge geprallt war und sich schwer verletzt hatte.

Für die Insassen des Kleinbusses kam jede Hilfe zu spät. Sie waren an Ort und Stelle gestorben. Zunächst sei die Feuerwehr von fünf Todesopfern in einem Personenwagen ausgegangen, berichtete ein RHEINPFALZ-Reporter, der kurz nach dem Unglück bereits zur Stelle war. Erst, als ein Bergungsunternehmen mit einem großen Kran angerückt war und den Sattelzug hochgehievt hatte, wurde klar, dass darunter ein Personentransporter lag und die Anzahl der Todesopfer noch höher war als ohnehin befürchtet.

Lkw weist gravierende Sicherheitsmängel auf

Rekonstruiert wurde, dass der Sattelzug aus Polen mit den rechten Rädern im Baustellenbereich auf den unbefestigten Rand der Fahrbahn geraten und ins Schlingern gekommen war. Der polnische Fahrer muss gegengelenkt haben. Das schwere Gefährt kam ins Schleudern und schoss unkontrolliert auf die Gegenfahrbahn.

Ein Gutachter wies nur wenige Tage später nach, dass der Sattelzug gravierende Mängel aufgewiesen hatte. Bremsen und Lenkung waren defekt. Inwieweit der verkehrsuntaugliche Zustand des Lastwagens mit zum Unfall geführt hatte oder womöglich allein ein Fahrfehler ursächlich war und der Crash sich auch mit funktionierenden Bremsen hätte verhindern lassen, ließ sich letztlich nicht nachweisen. Dass der Mann am Steuer jedenfalls mit Schuld am Geschehen trug, schien früh schon auf der Hand zu liegen: Die Staatsanwaltschaft hatte am selben Tag noch Haftbefehl beantragt, am Tage nach dem Unfall wurde der 27-jährige Pole aufgrund des dringenden Tatverdachts der fahrlässigen Tötung in Untersuchungshaft genommen.

Der Mann wurde später zu einer Freiheitsstrafe von einem Jahr verurteilt, die zur Bewährung ausgesetzt wurde. Er kam demnach eher glimpflich davon und schien sich um die Folgen wenig zu scheren: Bei den später noch folgenden Strafverfahren glänzte der Mann trotz gerichtlicher Ladungen stets durch Abwesenheit.

Gerichtsakte erst Jahre später zugeklappt

Für andere indes zogen sich die gerichtlichen Folgen des Unfalls noch Jahre hin. Erst im Januar 1999, also mehr als vier Jahre später, wurden fünf Männer von Vorwürfen der fahrlässigen Tötung und schweren Körperverletzung freigesprochen. Das Quintett war mit der Einrichtung der Baustelle betraut gewesen und hatte die Vorrichtungen angebracht, mittels derer die Fahrbahn erheblich verengt und die vier Fahrspuren auf den beiden Spuren und dem Standstreifen einer Richtungsfahrbahn zusammengefasst worden waren.

Die Männer mussten gleich zweimal bangen: Erstinstanzlich freigesprochen, kam es noch zu einer Berufungsverhandlung vor dem Landgericht, das aber die Freisprüche bestätigte. Das Gericht sprach die Schuld dem Fahrer zu, der in einem absolut verkehrsuntauglichen Fahrzeug ein Fehlverhalten gezeigt habe. 70.000 Fahrzeuge täglich hätten zuvor und danach die Baustelle passiert, ohne dass sich Unfälle ereignet hätten, sah das Gericht keine Mängel bei der Baustelleneinrichtung.

Konnten die fünf Angeklagten wenigstens vier Jahre nach dem Unfall etwas aufatmen, hing das Schreckenserlebnis den Angehörigen der Opfer zeitlebens nach. Ehefrauen hatten ihre Männer verloren, Kinder weinten um ihre Väter, Eltern um ihre Söhne. Ein älteres Ehepaar musste sogar den Verlust zweier Kinder verkraften – waren doch zwei Brüdern unter den Opfern.

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