Kreis Kusel
Jakobskreuzkraut: Bei Pferden kommt der Tierarzt meist zu spät
Vor allem für Pferde sei das Jakobskreuzkraut gefährlich, weiß Tiermedizinerin Cristin Allmang, die derzeit in der Altenglaner Praxis Schwinn hospitiert. Auch Rinder, Schafe und Ziegen sollten das Kraut nicht fressen, betont sie. „Jakobskreuzkraut ist in frischem und getrocknetem Zustand giftig“, schildert Allmang. Es führe zu akuten und chronischen Lebervergiftungen, da dessen Giftstoffe sich im Körper ansammelten und nicht abgebaut werden könnten, erläutert die 25-Jährige aus St. Julian, die in Estland Tiermedizin studiert.
Jakobskreuzkraut enthält Pyrrolizidin-Alkaloide. Während Bitterstoffe im frischen Zustand dafür sorgen, dass die meisten Tiere die Pflanze instinktiv meiden, verliert das Kraut diese Eigenschaft im Heu. „Bei der Trocknung im Heu verliert sich der alarmierende Bittergeschmack“, ergänzt der Kuseler Amtstierarzt Udo Wissinger. Befinde sich Jakobskreuzkraut in Heu und Silage, könne dies zu ernsthaften Krankheiten führen. „Wenn ein Tier seine tödliche Dosis innehat, kann es nicht mehr geheilt werden“, betont Wissinger.
Schafe und Ziegen unempfindlich
Symptome für die Aufnahme von Jakobskreuzkraut können Allmang zufolge unter anderem Gewichtsverlust, Lethargie, blasse Schleimhäute und bei Pferden auch Koliken sein. „In so einem Fall sollte man sofort den Tierarzt rufen“, empfiehlt sie. Wenn Futterproben mitgebracht werden könnten, sei das für den Veterinär hilfreich. Denn auch andere Pflanzen könnten ähnliche Symptome auslösen, sagt Allmang mit Blick auf Herbstzeitlose, Johanniskraut und Gefleckten Schierling.
Ist ein Tier erkrankt, sollte der Zugang zu dem giftigen Kraut rasch verhindert werden, sagt Allmang. Der Tierarzt könne eine Notfalltherapie einleiten, doch meist komme er zu spät. Bei Pferden wirke der Giftstoff stärker als bei Rindern. Es reichten 40 bis 80 Gramm Frischgewicht pro Kilo Körpergewicht. Bei Kühen liege der Grenzwert bei rund 140 Gramm. Schafe und Ziegen seien noch weniger empfindlich, hier liege der Grenzwert bei rund zwei Kilo.
Kampf mit Mäher
Laut Allmang breitet sich der zweijährige Korbblütler weiter aus. Damit es erst gar nicht zu einer Vergiftung kommt, sollten Tierweiden gut gepflegt werden: „Man sollte vor der Blüte des Krauts mähen, damit es nicht zur Vermehrung der Pflanze kommt.“ Das gilt auch für die Straßenränder, wo das Kraut häufig zu sehen ist. Denn bei der Begrünung von Böschungen waren Samenmischungen verwendet worden, die das giftige Kraut enthielten. „Wir haben schon vor längerer Zeit das Saatgut umgestellt“, sagt Gerhard Bell von der Straßenmeisterei Kusel. Das Problem sei den Straßenmeistereien bekannt. „Dort, wo sich das Kraut stärker ausbreitet, versuchen wir die Verbreitung durch Abmähen zu verhindern“, wie etwa an der B 270 bei Heinzenhausen geschehen.
Bei der Eindämmung des Jakobskreuzkrauts geraten Straßenmeistereien allerdings auch in Widerspruch zu Naturschützern. „Beim Abmähen gehen auch andere Blühpflanzen verloren“, räumt Bell ein. Die stünden den Insekten dann nicht mehr zur Verfügung.
Landwirte sensibilisiert
Die Tierärzte Ulrike und Boris Spangenberger aus Wolfstein – selbst Pferdebesitzer – stechen das giftige Kraut regelmäßig aus ihren Pferdekoppeln aus. „Alle zwei, drei Wochen schauen wir auf den Weiden“, berichtet Ulrike Spangenberger. „Die Giftpflanze gehört in den Restmüll“, betont sie. Allerdings registriert die Veterinärin inzwischen eine Sensibilisierung der Landwirte. „Die Leute sind deutlich aufgeklärter“, sagt Spangenberger. Koppeln würden besser bearbeitet, das Heu werde stärker kontrolliert. Dadurch habe sich das Thema auch in der Praxis etwas entspannt.
Noch vor vier Jahren hatte Boris Spangenberger einen klaren Zusammenhang zwischen „immer mehr leberauffälligen Pferden und der Zunahme des Jakobskreuzkrautes auf den Weiden“ gesehen. Wie er damals der RHEINPFALZ berichtete, sei er in den Sommermonaten etwa einmal pro Woche zu auffälligen Pferden mit gelben Schleimhäuten und gestörtem Allgemeinbefinden gerufen worden.
Nachweis zu kostspielig
Genaue Zahlen von erkrankten oder verendeten Pferden gibt es laut Amtsveterinär Wissinger nicht. Die Symptome einer Jakobskreuzkraut-Vergiftung ließen lediglich eine unterschiedlich ausgeprägte Leberschädigung erkennen. Um eine Vergiftung mit Alkaloid nachzuweisen, müsste beim lebenden Tier eine Biopsie aus der Leber unter Vollnarkose entnommen und in einem spezialisierten Labor toxikologisch untersucht werden. Das sei kostspielig, der Aufwand enorm. Viele Fälle würden daher erst gar nicht bekannt. Wissinger zufolge ist allen voran mit der Pflanze verunreinigtes Heu problematisch. „Futter ist knapp“, weiß der Tierarzt mit Blick auf kommerziell gehandeltes Heu.
Wegen der Gefährdung von Menschen war das Jakobskreuzkraut 2009 in den Schlagzeilen: Die dem Rucola ähnelnden Blätter der Pflanze waren in Salat-Packungen gefunden worden. Das sorgte bei Konsumenten für Unruhe. Inzwischen sind Spuren von Jakobskreuzkraut auch in Honig nachgewiesen worden – wenn auch in unbedenklicher Höhe. Bienen selbst gelten nicht als gefährdet.
Wertvoll für Insekten
Jakobskreuzkraut, mit botanischem Namen Senecio jacobaea genannt, ist eine einheimische Pflanze, die häufig an Feldrändern, auf Wiesen und Brachen zu sehen ist. Die zwei- oder auch mehrjährige Pflanze hat gefiederte, dunkelgrüne Blätter und wird 30 bis 100 Zentimeter hoch. Ihre gelben Blüten zeigen sich von Juni bis August. Die schirmartigen Blütenstände zählen exakt je 13 Blütenblättchen.
Das Gewächs, das sich auch durch Begrünungssamenmischungen ausgebreitet hat, enthält in allen Pflanzenteilen Pyrrolizidin-Alkaloide, die chronische Lebervergiftungen verursachen können und auch für den Menschen giftig sind. Zahlreiche Insekten profitieren allerdings von dem Giftstoff: Sie fressen das bittere Gewächs, um sich dadurch für mögliche Feinde „ungenießbar“ zu machen. Manche Insekten nutzen das Jakobskreuzkraut auch als Pollenspender und Futterpflanze.