Lauterecken
Eklat vor Jubelkommunion: Pfarrer wirft Gläubigen aus Gotteshaus
In Zeiten, in denen die Kirchenbänke immer leerer werden, möchte man meinen, dass Pfarrer um jeden Besucher froh sind. Nicht so in diesem Fall. Lautereckens Pfarrer Christof Anselmann hat Werner Kraut aus der Kirche rausgeschmissen – und seither hat der 71-Jährige diese auch nicht mehr besucht.
Was war geschehen? Kraut sollte am 7. April seine 60. Jubelkommunion feiern. Dass es nicht dazu kam, lag an einer besonderen Begegnung. Ohne böse Absichten habe er einer 20-jährigen, ihm bekannten Frau am Eingang zur Kirche gesagt: „Haben Sie etwas zugenommen? Steht Ihnen aber gut.“
Die Frau, die bei den Gottesdiensten regelmäßig die Kamera für die Übertragung ins Internet bedient, sagt auf RHEINPFALZ-Nachfrage: „Da war ich erstmal perplex.“ Dies sei der Grund gewesen, warum sie dem speziellen „Kompliment“ nichts entgegnet habe. Die Äußerung sei für sie „unter die Gürtellinie“ gegangen. Sie habe sich umgedreht und sei in eine andere Richtung gegangen. Doch dann fing das Drama erst richtig an.
Entschuldigung bei junger Frau abgelehnt
Der Pfarrer mischte sich ein und forderte Kraut auf, sich bei der Frau zu entschuldigen. Dies lehnte Kraut ab. „Es war doch als Kompliment gedacht“, argumentiert der Lauterecker und berichtet, wie aufgebracht der Pfarrer gewesen sei. So habe er im Eingangsbereich der Kirche Gegenstände aus der Hand „mit einem Knall zu Boden geworfen“. Auch weitere Kirchenbesucher beobachteten, dass der Pfarrer laut geworden sei. Kraut schildert, Anselmann habe sich im Anschluss neben ihn in die Bank gesetzt: „Wenn Sie nicht so alt wären, würde ich Ihnen eine batschen“, habe er gesagt. „Mich also schlagen“, fügt Kraut hinzu.
Kurze Zeit später sei Anselmann erneut zu ihm gekommen und habe wieder gefragt, ob er sich entschuldigen wolle, was Kraut abermals ablehnte. Daraufhin habe ihn der Pfarrer aufgefordert, die Kirche sofort zu verlassen. Unter diesen Umständen könne er ihm heute keine Urkunde zur Jubelkommunion überreichen.
Pfarrer: Spezieller Humor wirkt verletzend
„Ich schätze Herrn Kraut“, sagt Pfarrer Anselmann. Auch Kraut bestätigt, dass er mit dem Pfarrer bis dato ein gutes Miteinander pflegte. Allerdings wirke der „spezielle Humor“ verletzend, ergänzt Anselmann. Gerade, wenn das „Opfer“ vielleicht nicht adäquat und schlagfertig darauf reagieren könne. Anselmann: „Es war absichtlich verletzend. Deshalb habe ich mich eingemischt.“ Er habe auf die Entschuldigung gedrängt, da die Frau ihm gesagt habe, dass sie nicht mehr in die Kirche komme, wenn der Vorfall nicht geklärt wird. Im übrigen habe er Kraut nur für den einen Tag der Kirche verwiesen.
„Ich werde nie mehr einen Gottesdienst besuchen, der von Pfarrer Anselmann zelebriert wird“, stellt Werner Kraut klar. Er besuche jetzt Messen in Meisenheim und Kaiserslautern. Wenn sich der Pfarrer einmische, müsse er unparteiisch agieren, ist er überzeugt.
„Bestimmt 100 Jahre nicht mehr vorgekommen“
Nach vier Wochen Funkstille hat Kraut in einem Schreiben an Bischof Karlheinz Wiesemann eine schriftliche Entschuldigung des Pfarrers verlangt. Aus Speyer wurde ihm daraufhin mitgeteilt, dass der Pfarrer dreimal versucht habe, ihn zu erreichen. Kraut zufolge trifft das nicht zu. „Ich sehe ja am Telefon, ob wer angerufen hat.“ Oft sei er angesprochen worden, was da los war. „Dass jemand der Kirche verwiesen wird, ist in Lauterecken bestimmt schon 100 Jahre nicht mehr vorgekommen“, meint Kraut.
War der Rausschmiss überhaupt rechtens? In der Antwort des Bistums auf Krauts Schreiben heißt es, der Rector ecclesiae (wörtlich: Leiter der Kirche, also in dem Fall der Pfarrer) habe das Recht, jemanden der Kirche zu verweisen. Und weiter: „Dafür muss es aber triftige Gründe geben. Ob dies in Ihrem Fall zutrifft, ist m. E. fraglich“, so die Antwort von Ordinatsdirektorin Christine Lambrich.
Speyer verweist auf das Hausrecht
Auf diese offen gehaltene Antwort heißt es auf Nachfrage der RHEINPFALZ: „Es gilt das Hausrecht.“ Triftige Gründe für einen Verweis „können frauenfeindliche Äußerungen sein, die hier getätigt wurden. Somit kann der Pfarrer von seinem Recht Gebrauch machen.“ Anselmann kündigte inzwischen an, er wolle das Gespräch mit Kraut suchen. Dass er sich bisher nicht gemeldet habe, habe an einer längeren Krankschreibung gelegen.
Für Kraut ist die harte Reaktion weiterhin „unbegreiflich“. Ein Pfarrer sollte sich doch in der Gewalt haben, betont er. „Er weiß gar nicht, was er einem Menschen damit antun kann, für den Religion Priorität hat“, fügt er hinzu. „Ein solches Verhalten ist eines Pfarrers unwürdig“, sagt der Katholik: „Er wirft jemanden aus der Kirche und spendet eine Stunde später den Friedensgruß.“ Daher frage er sich, ob Pfarrer Anselmann noch der richtige Hirte für die Pfarrei ist.
