Westpfalz RHEINPFALZ Plus Artikel Die Pfalz im Frühjahr 1945: Von der Befreiung und neuen Belastungen

Zeugnis eines grausamen Abschnitts der Geschichte: Das Bild stammt aus der Kusel-Chronik von Ernst Schworm, wird aber dort im Bi
Zeugnis eines grausamen Abschnitts der Geschichte: Das Bild stammt aus der Kusel-Chronik von Ernst Schworm, wird aber dort im Bildnachweis nicht aufgeführt. Solche zerstörte Gebäude waren beliebte, aber auch gefährliche Spielplätze für Kinder in der Nachkriegszeit.

„Der 19. März war wirklich eine Befreiung, dass man nicht mehr in Lebensgefahr war und seinem gepressten Herzen Luft machen konnte“, berichtet ein Zeitzeuge.

Nach dem Einmarsch der amerikanischen und französischen Truppen verließen die Pfälzer ihre Luftschutzbunker, Bierkeller oder ehemalige Bergbaustollen. Aber die Begegnungen mit den „Befreiern“ waren nicht nur positiv. In vielen Orten begannen intensive Kontrollen nach versteckten deutschen Soldaten. Dabei wurden Radios, Fotoapparate, Ferngläser, Schreibmaschinen und Fahrräder beschlagnahmt, aber auch Uhren oder Schmuck als Souvenirs mitgenommen.

Die Durchsuchungen sollten ebenfalls dazu dienen, geeignete Wohnungen oder Häuser für die Einquartierungen der Soldaten auszuwählen. Gefragt waren Unterkünfte in den Städten, von denen aber bis zu 25 Prozent wegen der Kriegsschäden nicht benutzt werden konnten. „Fast jede verfügbare Wohnung wird von den Besatzungsmächten in Anspruch genommen“, beklagte der Oberbürgermeister von Kaiserslautern im September 1945 in seinem „Wochenbericht“. Wurde eine Wohnung beschlagnahmt, mussten die Bewohner versuchen, bei Verwandten oder Freunden unterzukommen. Die von den Einquartierungen besetzten Räume wurden meist nicht sehr gut behandelt.

Mühsame „Hamsterfahrten“ und Schwarzmärkte

Das größte Problem bei Kriegsende dürfte für die Bevölkerung der Mangel an Lebensmitteln gewesen sein, besonders an Fleisch, Fett und Milch. Die Brotrationen beschränkten sich auf 200 bis 250 Gramm pro Tag, Butter gab es nur 300 Gramm im Monat. Dies traf vor allem die Bewohner der Städte, während die kleinbäuerliche Wirtschaft in den Dörfern zusätzliche Nahrung lieferte.

Die Städter mussten sich dagegen mit „Hamsterfahrten“ behelfen. Sie gingen oder fuhren aufs Land, wo sie verwandtschaftliche Beziehungen nutzten und Wertsachen wie Schmuck oder Textilien gegen Lebensmittel tauschten. Wie mühsam diese „Versorgungsfahrten“ waren, erfährt man aus dem Tagebuch eines Bewohners von Kaiserslautern. Er berichtete von einer „Hamsterfahrt“ seiner Frau, die 16 Stunden unterwegs war und einen Laib Brot, 60 Pfund Kartoffeln, etwas Mehl und eine Tüte Kaffee-Ersatz bekommen hatte.

In den Städten entstanden bald illegale Schwarzmärkte. Dort bezahlte man für ein Kilo Brot statt 37 Pfennig 20 bis 30 Mark, für ein Kilo Zucker (offizieller Preis 1,07 Mark) zwischen 120 und 180 Mark. In vielen Fällen wurde nicht mit Geld bezahlt, sondern mit Chesterfield, Camel oder Lucky Strike.

Bewaffnete Banden verüben Raubzüge

Eine weitere Möglichkeit war das Sammeln der Früchte von Buchen. Das war eine mühsame Arbeit, aber die gerösteten Bucheckern konnte man als Kaffeeersatz oder als Mehl verwenden. Da sie etwa zu 40 Prozent aus Fett bestehen, ließen sie sich auch gegen Öl eintauschen.

Im März und April 1945 stellten die etwa 10.000 Zwangsarbeiter ein Problem dar, die während des Krieges die fehlenden Arbeitskräfte ersetzt hatten. Als der Krieg zu Ende war, sahen vor allem russische Zwangsarbeiter keine Möglichkeit, in ihre Heimat zurückzukehren. Denn für Stalin galten sie als „Verräter“, die in Strafbataillonen oder Straflagern landeten. Ihre ungewisse Zukunft und der Hass gegen ihre bisherigen Arbeitgeber führten dazu, dass sich bewaffnete Banden bildeten, die nächtliche Überfälle und Raubzüge verübten.

Ruinen gefährliche Spielplätze

Neben diesen Schwierigkeiten gab es auch erhebliche psychische Belastungen. Dazu gehörte der andauernde Krieg östlich des Rheins. Das Schicksal von deutschen Kriegsgefangenen war auch in den großen Lagern in der Pfalz sichtbar. Auf dem „Feld des Jammers“ zwischen Bad Kreuznach und Bretzenheim hatte man von 1945 an zeitweise über 100.000 Gefangene untergebracht, wo sie in Erdlöchern kampierten. Verbunden mit einer mangelhaften Ernährung und Krankheiten starben etwa 4000 von ihnen.

Für die Kinder und Jugendlichen hatte das Kriegsende noch eine andere Bedeutung. Die Ruinen in den Städten waren beliebte, aber auch gefährliche Spielplätze. Das Heeresgut, das die deutschen Soldaten beim Rückzug in großen Mengen zurückgelassen hatten, war sehr gefragt. Bei Jugendlichen war der Umgang mit Granaten oder Patronen problematisch, weil sie gesammelt wurden, um an das Pulver zu gelangen. Dabei kam es immer wieder zu Explosionen, die zu Verletzungen und Todesfällen führten.

Wegen des allgemeinen Mangels wurden Reste des heeregutes umfunktioniert: Aus Helmen entstanden Kochtöpfe und Siebe, leere Granatenhülsen erhielten einen Griff und wurden angemalt, sodass sie als Kannen für Wasser oder Milch dienten.

Der Hobbyhistoriker Dieter Jakob aus Einöllen hat Zeitzeugen zum Kriegsende befragt. Einige erinnerten sich an einen Panzerkampfwagen „Panther“, der in einer sumpfigen Wiese bei Cronenberg steckengeblieben war. Dort wurde er zu einem beliebten Treffpunkt für Jugendliche aus der Umgebung.

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