Kusel
Band-Legende Ton Steine Scherben begeistert auf Kochschem Markt
Das letzte Konzert der Kuseler Sommermusik, organisiert vom Schalander. Nochmal auf dem Kochschen Markt auf der Zelt-Bühne: Dort präsentierten Kai Sichtermann (Bass), Funky K. Götzner (Cajón) und Gymmick, der Songpoet aus Nürnberg, die unvergesslichen Songs von Rio Reiser.
Mit „Der Traum ist aus“ und „Mein Name ist Mensch“ begann das knapp zweistündige Konzert von Ton Steine Scherben. Vor der Bühne unterhalb der Terrasse des Schalanders von Anfang an dabei: neben einigen Alt-68ern auch Fans aus den 80er-Jahren, ebenso viele Jüngere, die sich im Publikum tummelten.
Reiser-Partner singt
„Die Scherben“ ließen „Den Turm“ einstürzen und hielten sich dennoch „An der Liebe fest“. Gleichwohl ließen sie „die Wolken weiter ziehen“. Kurz vor 22 Uhr schrie Gymmick laut in die Kuseler Nacht: „Die letzte Schlacht gewinnen wir.“ Vor der Bühne einige Fans, die sich rhythmisch in bester Discofox-Manier bewegen. Aber vielleicht war es auch nur die Kälte, die sie zu diesen Schritten animierte, als er „Zauberland ist abgebrannt, und brennt noch lichterloh“ anstimmte.
Dann stand er plötzlich da, alleine auf der Bühne: Misha Schoenenberg. Und irgendwie war Rio Reiser plötzlich ganz nah. Bevor Schönenberg die Saiten seiner Gitarre anschlug, berichtete er über die Zusammenarbeit mit Liederikone Lenard Cohen, dessen Texte er ins Deutsche übersetzte. Bekannt wurde er aber auch als Lebenspartner und Textschreiber von Rio Reiser und Tour-Manager von Ton Steine Scherben – damals dabei auch die heutige Grünen-Politikerin Claudia Roth. Sehr emotional besang Schönenberg den „Vogel auf dem Dach…“. Leider war die Akustik so schlecht, dass der lyrische Text kaum verständlich war.
Aktueller denn je
Auch nach der Pause hakte es zwischen Gitarre und Gesang. Gleichwohl genügten ein paar Takte, ein jaulendes Gitarrensolo dann der Schrei von Gymmick „Wir sind frei“, um das Publikum aus Junggebliebenen und nachdenklicher Jugend zu versöhnen.
Ja, die Songs mögen weit über 30 Jahre alt sein, sie sind dennoch aktueller denn je und die Scherben bringen sie von der weit entfernten Hauptstadt direkt ins bescheidene Kusel. Sie klagen über ausufernde Mieten und Spekulantentum mit „Wir wollen in unserer Wohnung bleiben“. Sie blicken aber auch auf den täglichen Überlebenskampf Obdachloser in der urbanen Welt und fragen: „Wo soll ich hin, wo soll ich bleiben?“
König von Deutschland
Allerdings: Um mächtig die Arbeitereinheitsfront mit Bertolt Brechts „Und weil der Mensch ein Mensch ist“ erklingen zu lassen, waren besagte Alt-68er wohl stimmlich nicht kräftig genug. Und die Jugend…
Egal. Einfacher und griffiger war da schon Rio Reisers „König von Deutschland“ mit dem sich die Scherben verabschiedeten. Und noch lange hallte „Das alles und noch viel mehr“ durch die kühle Kuseler Nacht.