Blickpunkt RHEINPFALZ Plus Artikel Aggressionen lassen sich mit Kampfsport lösen, sagt Wing-Chun-Kämpfer Martin Hofmann

Innere Gelassenheit ist beim Wing Chun wichtig, um in Stresssituationen klar und reaktionsfähig zu bleiben. Sifu Martin Hofmann
Innere Gelassenheit ist beim Wing Chun wichtig, um in Stresssituationen klar und reaktionsfähig zu bleiben. Sifu Martin Hofmann leitet seine Schüler in Waldmohr an und bringt ihnen immer wieder neue Techniken bei.

Wing Chun kann etwas, das nur wenige Sportarten können: Es kann Aggressionen lösen, sagt Martin Hofmann aus Schönenberg, der alles auf die Karte Wing Chun gesetzt hat.

Martin Hofmann ist ein erfolgreicher Karatesportler auf dem Weg Richtung Nationalkader, bis er an einen Wendepunkt kommt und seine eigentliche Berufung findet: Wing Chun. Ein Kampfsport, der ihn so fasziniert, dass er ihn inzwischen seit über 40 Jahren betreibt, eine eigene Kampfkunstschule gründet und letztlich einen eigenen Verband. Auch weil Wing Chun etwas kann, das nur wenige Sportarten können.

Martin Hofmann ist Kampfsportler durch und durch. Er ist 59 Jahre alt und topfit, trainiert seinen Körper auch heute noch täglich und lebt für seinen Sport. Den er über ein paar Umwege kennengelernt hat.

Mit dem Mofa ins Karatetraining

Er wollte immer „richtig kämpfen, mit Vollkontakt und Selbstverteidigung, was Effektives. Ich wollte damals Thaiboxen oder Kickboxen. Sowas gab’s bei uns nicht“, erzählt er, warum er damals bei Karate landete. Er wohnte in Schönenberg-Kübelberg, seine Eltern hatten kein Auto, Karate gab es in Waldmohr, und da konnte er mit dem Mofa hinfahren. Mit 15 Jahren begann er, feierte schnell Erfolge, war im Landeskader, aber nie ganz glücklich. „Es war ein super Sport, auch die Ethik, die Rituale, das fand ich alles toll, aber das Kämpfen war für mich zu steif.“

Mit 20 Jahren kam er zur Bundeswehr, und da ereigneten sich mehrere Dinge gleichzeitig: Martin Hofmann hatte Ambitionen, es in die Nationalmannschaft zu schaffen, doch konnte er während der Grundausbildung nicht trainieren. Er hoffte trotzdem, bei der Rheinland-Pfalz-Meisterschaft gut abzuschneiden. Doch die Voraussetzungen waren nicht die besten: Er kam nach einer 36-Stunden-Übung im Morgengrauen aus dem Gelände zurück. „Wir wurden mit dem Schlauch abgespritzt, weil wir dort im Lehm rumgekrochen sind“, erinnert er sich, wie er danach platt ins Training ging und am nächsten Morgen landesweit Vierter wurde. Er war trotzdem enttäuscht. Weil er vor der Bundeswehrzeit drei Wochen lang täglich trainiert hatte und topfit war. „Ich hatte einen Ruhepuls von 40 und bin den Fußballspielern der ersten Mannschaft auf 2000 Meter eine halbe Runde weggelaufen.“ Dass nach sechs Wochen „alles weg war“ und er es eigentlich aufs Treppchen geschafft hätte, wurmte ihn und er verlor die Motivation.

Der Wendepunkt

Dann passierte noch etwas, das ihn nachhaltig prägte: Auf einem Landeskaderseminar lernte er einen Wing-Chun-Kämpfer kennen. Hofmann war in Zweibrücken beim Bund. Die Schule war in Contwig, einem Nachbarort von Zweibrücken. Er sah sich das Training an, war sofort begeistert und hatte die Sportart gefunden, die sein Leben verändern sollte. 17 Jahre lang trainierte er bei seinem Lehrer, nahm zusätzlich zweimal pro Monat Privatunterricht, machte sechsmal in der Woche Wing Chun, manchmal sechs Stunden pro Tag. Er gehörte mittlerweile zu den 40 höchsten Kämpfern weltweit, als er der EBTO, „der damals größten Profiorganisation aller Kampfstile weltweit“, angehörte, erzählt er. „Dann gab es politische Querelen im Verband.“ Er kehrte dem Verband den Rücken und gründete 2004 seinen eigenen Kampfkunstverband.

Der 59-Jährige flog oft nach Amerika. „Ich habe regelmäßig Leute in San Francisco und Los Angeles unterrichtet, die dort eine Organisation hatten, war mal in England, war in Belgien, Spanien, habe in Sevilla Wing Chun unterrichtet. Ich bin viel rumgekommen“, sagt er und schwärmt von einer Reise 1993 nach Hongkong, bei der er „das ganze Land“ kennenlernte.

Die eigene Schule

All diese Erfahrung nahm er mit auf seinen eigenen Weg. Schulen schlossen sich seinem Verband an, übernahmen sein Graduierungssystem, seine Art der Lehre. 2000 wurde Martin Hofmann Sifu, wie der Meister im Wing Chun heißt. Es folgte die Ernennung zum Großmeister, die er „automatisch bekam“, als er selbst zehn Meister ausgebildet hatte.

Anfangs fuhr der Schönenberger beruflich noch zweigleisig. Er arbeitete Frühschicht bei Bosch, unterrichtete und trainierte danach noch Wing Chun. „Ich hatte so nebenbei manchmal noch 20 Stunden Kampfsportunterricht“, erzählt er vom Spagat zwischen seiner Arbeit als Maschinenschlosser, Disponent und schließlich Meister bei Bosch morgens bis nachmittags und als Kampfkunstmeister abends.

Abschied vom Erstberuf

Mit 50 entschied er sich für den Ausbau seines Zweitberufs und unterschrieb einen Abfindungsvertrag bei Bosch. Seitdem dreht sich bei ihm alles um Wing Chun. Er hält Lehrgänge, unterrichtet zwei Kinder- und zwei Erwachsenengruppen, gibt Einzeltraining. 14- bis über 70-Jährige haben den Weg zu ihm gefunden. Viele über Werbung auf Social Media, Videos auf Facebook, Instagram, TikTok, YouTube einige über Mund-zu-Mund-Propaganda. 30 bis 35 Kilometer ist der Einzugsbereich für seine Schüler. Schulleiter, die sich bei ihm ausbilden lassen, kommen bis aus Amerika.

Weil es immer wieder was Neues zu lernen gibt, wie er sagt. Und genau das fasziniert ihn: „Für alles im Leben hat man irgendwann Routine. In der Beziehung, im Hobby, am Arbeitsplatz. Bei uns ist es so, sobald man ein neues Level erreicht hat, fängt wieder was ganz Neues an. Ich habe jetzt Leute, die trainieren schon 40 Jahre bei mir, weil immer wieder was Neues, was Spannendes kommt, eine neue Technik, neue Bewegungsabläufe. Und die Bewegungsabläufe bleiben, wenn Du sie gelernt hast, in Deinem Körper wie ein Programm. Was Du gelernt hast, bereichert Dein Leben.“

Adrenalinabbau – ein natürlicher Prozess

Für Martin Hofmann ist vor allem ein Aspekt wichtig: die Sache mit dem Aggressionsabbau. „Die meisten meinen, Aggression ist was Böses. Aber Aggression ist wie Hunger, der kommt oder geht, je nachdem, was gerade passiert. Wenn man Aggression im Körper hat, schüttet der Körper Hormone aus – Adrenalin. Die Natur will das Adrenalin abbauen. Man braucht was Aggressives, um das abzubauen. Die meisten Menschen arbeiten das Adrenalin nicht ab, unterdrücken die Aggressionen, weil sie denken, das wäre was Böses.“

Regelmäßig unterdrücktes Aggressionsverhalten führe dazu, dass der Körper mit sich selbst kämpft, sagt der Kampfkünstler. Das Adrenalin, „ein Hormon, das nicht denkt“, greife schließlich das System an. Die Folge seien Autoimmunkrankheiten, Burnout und vieles mehr. Das lasse sich durch regelmäßiges Kampfsporttraining vermeiden, sagt der 59-Jährige, der noch ein großes Ziel hat: „Die Schule soll so stark werden, dass ich sie vererben kann. Dafür brauche ich noch mehr Schüler und jemanden, der sie aufrechterhalten kann.“

Zur Person: Martin Hofmann

Der 59-jährige Westpfälzer stammt aus Schönenberg-Kübelberg und ist seit 45 Jahren Kampfkünstler. Ursprünglich war er Karateka, schaffte es dort bis in den Landeskader, feierte viele Erfolge und entdeckte dann seine eigentliche Berufung: Wing Chun. Seit 36 Jahren leitet er seine eigene Schule, die früher in Sand und Brücken beheimatet war, inzwischen ihren Sitz in Waldmohr, Nickelsweiher 13, hat. Vor mehr als 20 Jahren gründete Hofmann einen eigenen Kampfkunstverband, dem zahlreiche Partnerschulen auf nationaler und internationaler Ebene angehören. Am Sonntag, 28. September, feiert er dieses Jubiläen in seiner Kampfkunstschule in Waldmohr, erwartet dazu rund 100 Gäste, feiert mit ihnen und verleiht jede Menge Auszeichnungen und Ehrungen.

Auch Verteidigen lernen seine Schüler.
Auch Verteidigen lernen seine Schüler.
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