Kusel Kusel: Schlager statt Kirchenlied bei Trauerfeier

Urnenwände gibt es bereits auf vielen Friedhöfen, beispielsweise in Kusel.
Urnenwände gibt es bereits auf vielen Friedhöfen, beispielsweise in Kusel.

Auch Bestattung und Grabgestaltung unterliegen Modeeinflüssen. Bestatter, Bildhauer und Gärtner registrieren diesen Wandel ebenso wie evangelische und katholische Pfarrer, die den „letzten Gang“ begleiten.“

Der Trend zur Urnenbestattung – ob in Reihen- oder Rasengräbern und in Urnenwänden – sei nicht mehr zu stoppen, beobachtet Heinrich Haußmann, der mit Ehefrau Christine seit 1985 ein Geschäft für Grabmale in Lauterecken betreibt. Als Argument für diese Entwicklung werde meist angeführt, dass die Grabpflege für die Angehörigen einfach sein solle. Hinzu komme, dass nicht selten Nachkommen von Verstorbenen weggezogen seien. „Die Urne hat gewonnen“, folgert Haußmann. Herkömmliche Erdbestattungen mit Särgen in Einzel- oder Doppelgräbern seien mittlerweile an einer Hand abzuzählen. Und das sei auch am Umsatz spürbar, ergänzt Haußmann. Denn Grabsteine für Urnengräber sind kleiner und Grabeinfassungen überflüssig, wenn es sich um Rasengräber handelt. Die Bestattungskultur werde zusehends „minimalistisch“ und bewege sich in Richtung „Entsorgung“, sagt der Steinmetz mit Blick auf Ruheforste und Friedwälder als gefragte Beisetzungsorte.

Feuerbestattungen teurer als Erdbestattungen

Oliver Wendland, Bestattungsunternehmer in Hinzweiler, bestätigt den Trend zur Urnenbeisetzung. Und wenn die Entscheidung immer mehr für die Urne falle, werde diese zur Norm. Die Bestattungskosten seien nicht der Grund für diese Entwicklung, vermutet Wendland und verweist darauf, dass Feuerbestattungen wegen der Transporte zum Krematorium und Verwaltungsgebühren teurer seien als Erdbestattungen. Als Motiv für die Urne werde meist der von Verstorbenen zu Lebzeiten geäußerte Wunsch genannt, dass Angehörigen möglichst wenig Arbeit mit der Grabpflege aufgebürdet werden soll. Wendland rät, die Bestattungsart sollte wohl bedacht werden. Nicht frei von Modeeinflüssen ist nach seiner Erfahrung die Auswahl der Musik für Trauerfeiern. Neben klassischen Kirchenliedern wie „So nimm denn meine Hände“ seien Schlager viel gefragt – allen voran der österreichische Volksmusiker Andreas Gabalier oder die Sängerin Andrea Berg. Parallel registriert Pfarrerin Kira Seel aus Wolfstein eine Tendenz, dass die Leute bei Trauerfeiern nicht mehr singen möchten – Orgelspiel ja, aber kein Gesang. Dabei sei der Gesang die einfachste Möglichkeit für die Gemeinde, um sich an der Trauerzeremonie zu beteiligen, argumentiert die Pfarrerin der Protestantischen Kirchengemeinde.

Christliches Trauerritual gerät in den Hintergrund 

Von rund 50 Bestattungen, die sie seit Amtsantritt vor eineinhalb Jahren leitete, waren weniger als zehn Erdbestattungen, gibt die Theologin ihre Erfahrung wieder, dass inzwischen die Urnenbestattung dominiert. An diesem Totensonntag werden in den Gottesdiensten in Wolfstein, Rutsweiler an der Lauter und Oberweiler-Tiefenbach die Namen aller verstorbenen Gemeindemitglieder des vergangenen Jahres verlesen und für jeden eine Kerze entzündet, wie Seel ankündigt. In seinen Trauergesprächen hat der katholische Pfarrer Michael Kapolka aus Schönenberg-Kübelberg erfahren, dass das christliche Trauerritual mittlerweile häufig in den Hintergrund tritt, weil das Wissen darüber fehlt. Er führt dies auf schwindende kirchliche Sozialisation und Traditionsabbruch bei der Glaubensvermittlung zurück. Dabei seien die volkskirchlichen Strukturen im Südkreis noch ziemlich stabil, ergänzt der Geistliche, der zuvor in St. Ingbert und Germersheim wirkte.

Rote Linien bei der Trauerfeier

Mit Blick auf den Vormarsch der Urnenbeisetzung, die oftmals mit zeitlichem Abstand zum Todesfall erfolgt, hält der Pfarrer eine Trauerfeier mit dem Sarg des Verstorbenen und eine Bestattung der Urne zum späteren Zeitpunkt für eine plausible Lösung. Zu individuellen Gestaltungswünschen für die Trauerfeier sagt Kapolka, zwar habe er dabei einen gewissen Spielraum, auf Wünsche einzugehen, aber es gebe auch klare „rote Linien“. Wenn gewünscht werde, auf Gebete oder Gottesrede zu verzichten, rät er, sich an einen freien Trauerredner zu wenden. Immer seltener kommt es dem Priester zufolge vor, dass das Sterbesakrament, auch letzte Ölung genannt, am Totenbett gespendet oder verlangt wird. Xaver Seyler vom gleichnamigen Trauerhaus in Frohnhofen erinnert daran, dass das Bestattungsritual bereits vor der Verbreitung der Urnen erhebliche Veränderungen erfahren hat. Die Praxis etwa, dass ein Verstorbener aufgebahrt, der Sarg von Männern getragen oder die Kaffeetafel nach dem Begräbnis von Frauen aus dem Dorf ausgerichtet wird, sei längst verschwunden. Unter Russlanddeutschen seien die Familienbande noch stärker, bei deren Verstorbenen würden Gräber häufig mit einem Foto versehen und großer Wert auf Blumenschmuck und Trauerkränze gelegt.

Kitschiges und Plastikkerzen auf den Gräbern

Die Menschen befassen sich dem Bestatter zufolge mit dem Tod. Nicht erst bei einem familiären Todesfall sei er ein Thema, berichtet der Bestatter. Für die Gestaltung von Trauerfeiern holten sich Angehörige mitunter Anregungen von öffentlichen Trauerevents für Prominente, etwa für die musikalische Gestaltung oder eine Dia-Show. Mit einigen Trends auf den Friedhöfen der Region hadert Isolde Gilcher. Die Gartenbauingenieurin aus Eschenau bedauert, dass auf Gräbern nicht selten Kitschiges und Plastikkerzen zu finden seien. Für Urnengräber spreche meist: je kleiner die Fläche, desto weniger Arbeit. Mitunter lasse auch die kommunale Pflege der Friedhöfe zu wünschen übrig. „Es ist nur traurig“, ergänzt Gilcher, die um mehr Respekt für frühere Generationen wirbt.

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